Ziffer 1 Pressekodex des Deutschen Presserates:
Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde*
Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.
Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.
Wahrhaftigkeit/Wahrheit/Realität; da sollte man meinen, daß das im Photojournalismus ganz einfach sein dürfte, man kann ja nur fotografieren, was auch wirklich da war.
Doch so einfach ist das alles im Alltag dann doch wieder nicht. Und dazu muß man garnicht erst an die Fälle denken in denen jemand nachträglich Bilder manipuliert, Sachen oder Personen hinzufügt etc.
Wer etwas photographiert entscheidet sich für eine Blickrichtung, einen Ausschnitt, einen Moment, eine Brennweite, eine Belichtungszeit. Schon allein damit ist ein Photo alles andere als objektiv. Wer zwei Photographen zu einem Termin schickt bekommt nicht die gleichen Bilder, so wie zwei Zeugen eines Geschehens niemals exakt gleiche Schilderungen abliefern werden, es sei denn beide lügen und haben das vorher abgesprochen und auswendig gelernt.
Wahrhaftigkeit und Wahrheit sind keine naturwissenschaftlichen Größen sondern ethische Problemzonen des Journalismus, ja des Lebens an sich. „1+1=2″ keine Frage! Aber ist Spinat lecker, ist Frankfurt lebenswert, ist Wein schlechter Traubensaft und Käse verdorbene Milch, usw.?
Wer die Wahrheit sagt, der sagt also das was er selbst für wahr hält; was er glaubt.
Ein Photograph der ein Bild macht und damit etwas für ihn Wahrhaftiges mitteilen möchte, trifft mit diesem Bild auch eine Aussage und bewegt sich dabei im Problemkreis zwischen seiner subjektiven Wahrnehmung der Welt, dem Eingriff durch die Wahl seiner Mittel und natürlich dem Eingriff durch seine Anwesenheit oder sogar durch seine Interaktion mit den Akteuren der Geschichte.
An diesem Montag war alles relativ einfach; ethisch betrachtet. Die Leute von der IG Metall wissen halt wie man eine Demo organisiert: Transparente auf denen steht worum es geht und bei denen nicht immer 5 Leute davor stehen und die man dann auch noch schön straff hält, damit man das auch lesen kann, dann stellt man sich noch vor die Firma um die es geht, daß man das Logo sieht, macht alles schön bunt und das bei bestem Wetter. Klar ist das eine Inszenierung, aber nicht meine.
Oft sehen Demos aber eben anders aus und die ethischen Probleme beginnen. Soll man 500 Demonstranten bitten das Transparent auch mal so straff zu halten, daß man überhaupt lesen kann was drauf steht?
Will/soll/muß man ein Bild machen, das dem Betrachter zeigt, daß da die 500 Beschäftigen der Firma X gegen etwas bestimmtes protestiert haben? Oder will/soll/muß man ein Bild machen, daß eine Gruppe von 500 Leuten zeigt, die ein zerknülltes Bettlaken mit Buchstaben drauf durch die Gegend tragen, weil sie sich zu doof anstellen das Ding richtig zu halten?
Beide Bilder würden Wahrheiten zeigen. Beide Bilder zeigen 500 Mitarbeiter bei einer Demo die wirklich stattgefunden hat und deren Ziele auch nicht verfälscht wiedergegeben werden. Bei dem einen Bild hat der Photograph eingegriffen, aber damit vielleicht gerade dafür gesorgt, daß die Demonstranten nicht wie unfähige Idioten wirken. Und im anderen Fall erzeugt er unter Umständen genau diesen Eindruck der Unfähigkeit, hinter den das Anliegen der Demonstranten dann zurücktreten würde.
Ist es also moralisch verwerflich, wenn man die Demonstrationsteilnehmer auffordert das Transparent ordentlich zu halten statt zu warten bis sich eine Gelegenheit bietet bei der das Transparent straff ist?
Und, wenn man sich entscheidet, das nicht verwerflich zu finden, stellt sich die Frage, wann denn der verwerfliche Eingriff anfängt. Es gibt Kollegen die (oft aus Zeitdruck, Konkurrenzdruck etc.) auch dann Bilder stellen, wenn es auch ganz ohne einen Eingriff möglich wäre die Geschichte zu erzählen. Da werden Demoteilnehmer rumgeschoben bis sie in einer Linie stehen und alle ihre Schilder perfekt gerade halten und lachen wie die Honigkuchenpferde.
Dann gibt es da noch diese Bürgerinitiativendemos zu denen statt der angekündigten 300+ Leute dann nur 13 kommen. Da beobachtet man dann immer wieder Photographen, die die Welt so umsortieren, daß es nach einer Massendemo an der WAA aussieht, aber mit der Realität nichts mehr zu tun hat.
Wer es in Ordnung findet eine Demo derart aufzuhübschen, der sollte sich die Frage stellen, ob er es auch in Ordnung fände bei einer 5000 Personen großen Demo nur den in der letzten Reihe schlurfenden Opa zu fotografieren und „das war die ganze Demo“ unter das Bild zu schreiben.
Spätestens, wenn man nicht jede 10 Personen große Demo aufhübscht, sondern das nur bei denen macht deren Anliegen einem genehm sind und bei denen deren Anliegen man ablehnt das Gegenteil tut dann ist man sicher über die Grenze drüber.
Der sicherste Weg solche Klippen zu umschiffen ist zu versuchen, einfach zu versuchen, so ehrlich wie möglich, die eigene Wahrnehmung zu vermitteln.
Man muß sich vor Augen halten, daß man die Realität nie wirklich objektiv abbilden, geschweige denn in einem Bild allgemeinverständlich tranportieren kann, selbst wenn man es aufrichtig will. Hier kommt nämlich die subjektive Wahrnehmung der Betrachter mit ins Spiel, die ein Bild mit verschiedenen Stufen an Vorwissen, Kontextverständnis und Voreingenommenheit aufnehmen). Nicht zuletzt ist der Fotograf ja selbst auch subjektiv und durch seine Vergangenheit vorgeprägt ist; ein Bild von glücklichen Kindern die in der Musikschule Blockflöte lernen (müssen), wäre für mich nahezu unmöglich.
Wie oben schon erwähnt, ist vieles von dem was man vor die Linse bekommt ohnehin nicht mehr als eine Inszenierung und der Versuch eine bestimmte Berichterstattung zu erzeugen. Was natürlich auch fies nach hinten los gehen kann, wenn man z.B. seine Ostermarsch-Bühne so dekoriert und die Fotografen so positioniert, daß man das „Osterm“ nicht mehr mit aufs Bild bekommt.
*(Damit hätten wir den Idealzustand beschrieben, die Realität findet sich z.B. hier: bildlog.de.)


