Umsonst oder kostenlos?

Wenn man sich in den letzten Tagen einige der wichtigsten englischsprachigen Blogs zum Thema Photographie angesehen hat, stößt man dort auf eine sehr interessante Diskussion zum Thema “umsonst arbeiten” die David Hobby in seinem Strobist Blog mit dem Artikel “Four Reasons to Consider Working for Free” losgetreten hat.

Ein schwieriges Thema, vor allem weil man es komplett falsch verstehen kann. Besonders, wenn man nur die Überschrift liest.

Die zwei großen Mißverständnisse  in diesem Zusammenhang sind:

a) zu glauben, daß man es zum Berufsphotographen bringen kann, indem man anbietet ohne Bezahlung zu arbeiten, um “erstmal einen Fuß in die Tür zu bekommen” und dann darauf zu bauen, daß der Kunde einen ab einem gewissen Punkt aus Begeisterung über die Arbeit königlich entlohnen wird oder jemand anderer auf die eigenen Arbeiten stößt und man so “den Druchbruch” schafft

b) daß man niemals umsonst arbeiten darf, weil man sonst den Markt zerstört

Beide Positionen sind dumme Extreme. Dummerweise ist aber das Feld zwischen beiden Positionen, in dem sich die vernünftigen Positionen, finden sehr unübersichtlich. Noch dazu ist das was für den etablierten Profi eine tolle Idee ist noch lange nichts, was dem Berufseinsteiger hilft. Und für den Amateur sieht das alle noch ganz anders aus.

Zuerst stellt sich die Frage, was heißt es denn umsonst zu arbeiten?

Ganz sicher heißt es nicht seine Bilder herzuschenken oder in Micro Stock Agencies zu verschleudern, denn die erste wichtige Einschränkung die David Hobby macht, ist, daß es ihm nur um Bilder und Projekte geht die noch nicht existieren.  Und wenn man Hobby’s Artikel weiter liest, dann merkt man schnell, daß es garnicht darum geht umsonst zu arbeiten, sondern bestenfalls darum, daß man kostenlos oder unentgeltlich arbeitet.  Denn Hobby geht es darum, daß der Photograph, bei dem von ihm angeführten Beispielen, durchaus einen Gewinn hat, er nur eben kein oder nur ein geringes Honorar bekommt.

“Wir bieten jungen Fotografen die Gelegenheit ihre Bilder kostenlos im XXXXXXXXX (Name eines großen Frankfuter-Szenemagazins) zu veröffentlichen.” (Aushang an der Uni Frankfurt, selbst gesehen)

Wenn man das liest, könnte man meinen, James Nachtwey muß auf der Weihnachtsfeier des Stern jedes Jahr im Krippenspiel als Esel (Hinterteil)  auftreten, damit die seine Bilder drucken und andere müssen dafür bezahlen in der Bäckerblume gedruckt zu werden. Aber so funktioniert der Markt nicht!

Damit sind wir mitten im Durcheinander zwischen a) und b). Es gibt viele Menschen, die der Meinung sind, daß man durchaus mal umsonst arbeiten oder Bilder abgeben könne, um einen Fuß in die Tür zu bekommen und seine Fähigkeiten zu beweisen. Das mag sinnvoll sein, wenn man eine Lehrstelle als Photograph ergattern will und man dem potentiellen Arbeitgeber so beweisen kann, daß man in der Lage ist pünktlich zur Arbeit zu kommen und ohne eine eklatante Störung des Betriebsfriedens mitzuarbeiten.

Das lohnt sich aber nur, wenn es eine solche Stelle auch gibt und das Gegenüber überhaupt beabsichtigt diese zu besetzen statt alle zwei Wochen ein neues Gesicht zu begrüßen, das ein paar Tage/Wochen für umsonst arbeitet.

Das gleiche gilt für das Angebot “Bilder mit Namensnennung zu veröffentlichen”. Viele junge Photographen sehen darin eine Chance, weil sie glauben sich so einen Namen zu machen. Das ist eine Illusion, mehr leider nicht. Die Photographie ist eine Welt der Eigeninitiative! Wer etwas erreichen will muß es selber angehen. Praktisch alles was einem per Anzeige angeboten wird ist Nepp! Da gibt es den “offiziellen Bildpresseausweis der Vereinigung der taubblinden Pressefotografen mit Sprachstörung” den man sich für 200 Euro (Autopresseschild inkludiert!) bestellen soll (ein Preis für den man auch Drucker plus Laminiergerät bekommt) und der das “VIP-Ticket zu allen coolen Konzerten und den Presserabtten” sein soll. Nebenan sucht eine “Fotopresseagentur” Bilder; warum man denen aber erstmal 20 Euro in einem Briefumschlag statt einer Mappe mit Bildern schicken soll, wird wohl deren Geheimnis bleiben.

Eine Zeitung die nach kostenlosen Bildern sucht, sucht nicht nach Leuten die sie bezahlen, fördern oder irgendwie weiterbringen kann. Das Angebot der Namensnennung ist auch nicht mehr als ein Appell an die Eitelkeit des Photographen. Wer glaubt, daß andere Zeitungen Fotografen in den Captions irgendwelcher billig produzierter Stadtmagazine suchen ist naiv. Wer glaubt, daß er irgendwo von unbezahlt zu bezahlt aufsteigen kann, der ist noch naiver und wird einfach vom nächsten “Freiwilligen” ersetzt.

Damit kommen wir zu einem Punkt an dem sich zeigt wie es zu den Mißverständnissen bezüglich Hobby’s Artikel kommt, denn Hobby erklärt, daß einen kostenlose Projekte photographisch weiterbringen würden. Keine Frage: beim Photographieren lernt der Photograph am meisten und an seinen Herausforderungen wächst man. Hobby meint damit aber etwas anderes als jedes Wochenende auf irgendeinem Volksfest oder in irgendeiner Disko betrunkene 16jährige totzublitzen. Das kann in der geforderten Qualität jeder, der eine vollautomatische Kamera auslösen kann ohne dabei umzukippen. Da lernt man mehr, wenn man sich selbst irgendwelche Aufträge erfindet und die Bezahlung ist die gleiche. Aber am Ende hat man eine Mappe mit 15 spannenden Bildern statt 15.000 Bilder von betrunkenen Heranwachsenden. Was mehr Wert ist, falls man sich mal irgendwo vorstellen geht, sollte jedem klar sein.

Was Hobby meint ist, daß es Sinn macht etwas umsonst zu machen, wenn der Kunde eine Gegenleistung bieten kann die den Ausfall eines Honorars kompensieren. Das sind aber Sachen an die man nicht einfach so rankommt, weil der “Kunde” eben auch etwas dazu beiträgt, er ein Risiko trägt und er für diesen Einsatz auch ein Ergebnis erwartet. Wenn eine Hilfsorganisation einem Photographen anbietet ihn für 4 Wochen in ein Krisengebiet “mitzunehmen” und er ihr dafür Bilder liefert, welche die Organisation zur Darstellung ihrer Arbeit nutzen kann, dann profitieren beide Seiten. Der Photograph, weil er Zugang und Logistik (Reise, 4 Wochen Unterkunft, Kontakte und Infrastruktur vor Ort usw.) gestellt bekommt und zudem Bilder machen kann die er auch anderen (z.B. Zeitungen) anbieten kann und die sein Portfolio aufwerten. Auf der anderen Seite gewinnt auch die Hilfsorganisation, weil sie an Bilder in einer Qualität kommt die sie sonst (28 Tagessätze) vielleicht nicht bezahlen könnte. Dafür sucht man sich aber einen  Photographen der sich nicht dadurch auszeichnet umsonst zu arbeiten, sondern man wird das jemandem vorschlagen bei dem man davon ausgeht, daß er gut photographieren kann

Chase Jarvis erklärt einen entscheidenden Punkt (wohl unabsichtlich) sehr gut, wenn er erklärt, daß eine bekannte Band (und auch das Beispiel Dave Matthews Band ist gut gewählt) die ein Benefizkonzert gibt, sich damit nicht schadet, weil das nicht dazu führt daß das nächste Konzert schlecht besucht wäre und daß es auch der Musikindustrie nicht schadet weil es auch nicht dazu führt, daß Justin Timberlake beim nächsten Konzert alleine dasteht. Dabei übersieht er aber, daß man das alles nicht nach unten übertragen kann.

Erfolgreiche Spitzenbands können locker von der Musik leben und auch das Benefizkonzert finanziert die durch das Konzert entstehenden Kosten in der Regel selbst. Natürlich wird ein Dave Matthews Band Konzert für umsonst keinen Justin Timerlake Fan dazu bringen stattdessen das kostenlose Konzert zu besuchen, so wie Metallica nicht die Fans weglaufen, wenn in der Oper der Tag der offenen Tür ist. Und wer schwarz-weiß Kriegsbilder von James Nachtwey im Blatt haben will, um einen Artikel über Kriege zu bebildern, der wird nicht nackte Frauen von Terry Richardson drucken, nur weil der die Woche mal umsonst Bilder verteilt.

Am anderen Ende des Marktes – also genau da wo Leute umsonst arbeiten, weil sie hoffen sich so etwas aufzubauen, um in den Markt zu kommen und nicht da wo Leute, die es geschafft haben,  “etwas zurückgeben wollen”  – haut das, was Chase Jarvis sagt, aber nicht mehr hin. Da wo es nur darum geht, daß im Pub an der Ecke irgendeine Band spielt, wird sich der Pub-Besitzer für die Band entscheiden, die umsonst spielt und mit dem Hut rumgeht. Und die andere Band, die letzte Woche noch 50 Pfund dafür bekommen hat, wird schön wieder nachhause geschickt. Und wer kostenlose Bilder bekommen kann und dem es eigentlich egal ist wie die aussehen, Hauptsache die Leute aus der Disko suchen sich am Montag auf den Bildern auf seiner Website und generieren dabei Klicks, der wird genauso entscheiden. Und dann werden Märkte zerstört und das dummerweise von den Leuten die sich einen Platz in eben diesen Märkten erobern wollen.

Wenn es um die Frage geht, ob man umsonst arbeiten sollte oder nicht, gibt es leider keine einfache Antwort; “es kommt halt drauf” an und zwar auf den Photographen, das Projekt, den Markt, die Bedingungen und den Kunden. Tragisch ist, wenn Leute ausgenutzt werden, anderen weh tun und dabei noch glauben, daß sie es dabei zu etwas bringen.

Spannend zum Thema wie schaden sich Photographen selbst und gegenseitig sind auch Mark Loundy’s monatliche Kolumnen.

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4 Kommentare

  1. Pingback: realfragment
  2. Umsonst?

    Kostenlos?

    Zwei völlig verschiedene Wörter mit unterschiedlichen Bedeutungen:

    Studierte Heinz noch kostenlos, so macht es Klaus jetzt wahrscheinlich umsonst.

    Für mich ist es bei “umsonst” eine Form von Verschwendung: Entweder verschwende ich meine Zeit, fahre umsonst zur Hochzeit, weil sich das Brautpaar am Vorabend zerstritten hat. Verschwende vielleicht noch unnötig Geld und Nerven, weil ich auf der Anreise im Stau stehe, zu spät komme und völlig umsonst hingefahren bin, weil die Hochzeit schon gelaufen ist.
    Oder es sind meine besten Freunde, dann mach ich das gerne kostenlos.

  3. Hi Sascha,
    bin über einen Link aus dem DSLR-Forum auf diesen Artikel aufmerksam geworden.
    Sehr nett geschrieben, Thema schön beleuchtet – aber die Überschrift leider sehr unpassend gewählt .. das ist meine Meinung hierzu.
    Inhaltlich jedoch absolut richtig.

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