Irgendwie hab ich das meiste davon schon irgendwie geahnt. Jetzt hat es mir mir jemand erklärt: Christan Sandström
Der erklärt nämlich bei http://www.luminous-landscape.com warum Hasselblad so massive Probleme mit dem Umstieg von analog zu digital hat. Gut, daß da endlich mal jemand eine Doktorarbeit drüber geschrieben hat (und nicht nur das, eine PowerPointPräsentation gibt es auch noch) und mal mit den Mythen aufgeräumt wird.
Um es kurz zusammenzufassen: Es ist zu einfach zu behaupten, alle Kamerahersteller die es beim Umstieg von analog zu digital zerlegt hat (oder die da ins Schleudern gekommen sind) hätten die Digitaltechnik schlicht verschlafen. Manche von denen, die auf der Strecke blieben, waren Pioniere, denen irgendwann das Geld ausging, die den falschen Finanzinvestoren in die Hände fielen oder bei denen, und das finde ich den spannendsten Punkt, schon vorher Dinge versäumt wurden, bei denen die Konkurrenz ihre Hausaufgaben gemacht hatte, und die nun zusammen mit der Umstellung analog zu digital zuviel waren als das man das noch hätte schultern können. So standen Leica, Hasselbald und Contax zu Beginn des digitalen Booms (nicht des digitalen Zeitalters), ganz im Gegensatz z.B. zu Nikon und Canon ohne Autofokus da. Und bei Leica sieht man ja derzeit ganz schön, wie sehr gerade ein kleinerer Hersteller zu kämpfen hat, wenn er nach Jahrzehnten der minimalistischen Modellpflege (man will den Kunden ja nicht erschrecken) plötzlich neben der fälligen Renovierung auch noch eine Revolution wie den Schritt analog zu digital stemmen muß. Und nicht zu vergessen, daß das alles plötzlich in einem Markt passiert, bei dem die Produktzyklen rapide kürzer wurden. Da wo Leica früher alle paar Monate eine Sondernedition erfunden hat, um den Sammler zum Kauf einer zusätzliche Kamera zu verführen, denn neue M-Kameras gab es nicht mal alle 10 Jahre, war man plötzlich in einem Markt unterwegs wo die Bildqualität in der Kamera mit drinsteckt und wo andere Hersteller dreimal im Jahr, neue bessere Kameras raushauen und ein 2 Jahre alte Modell was für’s Museum ist.
Ein gutes Beispiel, das Sandströms These ganz anschaulich illustriert ist Contax. Zu lange hatte man den Schritt zu einem richtigen AF-System gescheut, sondern stattdessen erstmal 1996 die Contax AX auf den Markt gebracht, bei der die Filmebene in der Kamera verschoben wurde, um mit den vorhandenen MF-Optiken fokussieren zu können. Das obwohl man schon ab 1994 mit der Contax G1 eine AF-Meßsucherkamera auf dem Markt hatte, bei der die Fokussierung im Objektiv erfolgte, technisch hatte man das also wohl im Griff. Allein man scheute den Schritt die bisherige Objektivlinie mit einem radikalen Schnitt auf AF umzustellwn, weil man Angst hatte daß das die Kunden verärgert und diese bei der Neuanschaffung von AF-Optiken gleich zur Konkurrenz wechseln könnten, bei der es AF schon länger gab und wo in der Folge das System umfangreicher war (wieder ein Symptom dafür, daß man zu spät ist) . Nachdem man nur Geld in die AX versenkt hatte die technisch nicht mit Geräten wie der 1988 eingeführten Nikon F4 und schon garnicht mit der 1995 eingeführten F5 mithalten konnte, versenkt hatte, kam von Contax erstmal ein Mittelformat-AF System. Erst 2000 kam mit dem N-System ein wirkliches AF-SLR System, mit wirklich guten und interessanten Objektiven von 17-400mm. Außerdem kündigte man auch eine dogitale SLR an, die dann mit der N Digital 2002 endlich auf den Markt kam. Und die N Digital war die erste Vollformat DSLR der Welt! Aber sie hatte allerlei Kinderkrankheiten: sie war ein Stromfresser mit AA Zellen, rauschte ab 200 ASA recht fies, konnte RAW-Bilder nicht auf dem eigenen Display darstellen, hatte nur dürftige Software zur RAW-Verarbeitung etc. Ein guter erster Versuch eben. 2004 wurde die Kamera eingestampft und das Ende von Contax nahte.
Hätte man sich die Mühe und die Entwicklungskosten der AX und des Mittelformatsystems gespart, dann hätte man vielleicht das Geld und die Zeit gehabt die N Digital als ersten Versuch zu verbuchen und mit einer verbesserten N Digital MarkII einen echten Knaller rauszubringen. So hat Kyocera Conatx den Hahn abgedreht und das war es. Aber nachher ist das natürlich alles leicht gesagt, denn wenn heute Mittelformatkameras mit Digibacks das große Ding wären, dann hätte Contax mit seiner 645 vielleicht doch ganz gut dagestanden…
Wie so oft sind die Dinge also wesentlich komplexer, als daß da einfach wer was verschlafen hätte.