Billige Foto-Clichés wie das Pictogramm an der Klotür

25 04 2013

Jan Banning hat völlig recht! Es sind immer wieder die gleichen Clichés, die nichts weiter machen als Vorurteile zu bedienen.

Diese Bilder ezählen nichts, hinterfragen nichts, sondern sind unkritische Pictogramme die dem Leser anzeigen wo der Krieg, das Klo oder der Babywickelraum sind. Und das alles genau so, wie er den Krieg und all die anderen Dinge schon kennt, nur vielleicht von Jahr zu Jahr ein wenig bunter, kontrastiger, photogeshoppter.

http://www.janbanning.com/icon-or-cliche-photojournalism-and-world-press-photo-2013

“What do these photos show us about these conflicts? What we seen last year from Libya we now see from Syria. What we seen last year – and many times before that from Gaza – we see again now. The same men and women (in their cliché’d roles), the same weapons, the same wounded and dead: visual archetypes.  It’s all very poignant, that’s for sure, and vividly photographed by brave, inspired and professional photographers. But it is visualised and presented in such a way that the conflicts have become inter-changeable through the repitition of the photographed aspects and the comparable visual language.”

Fotos können dem Betrachter Geschichten erzählen, sie können ihn herausfordern, das Gezeigte zu verstehen, wenn er im Bild lesen kann und muß. Das Bild, das nur die Clichés in seinem Kopf bedient kann das nicht.

Und dieser Mangel an Inhalt und echter Bedeutung, mag auch eine Erklärung sein, warum Bilder so massiv aufgehübscht werden müssen wie das diesjährige WPP Gewinnerbild.

Aber auch beim WPP gibt es Fotos die mit diesem Cliché-Mechanismus brechen:

“Surprisingly, even in WPP’s conflict categories we do find an example of a photo that questions issues that we regard as self-evident: the photo in which we see members of the Syrian opposition – in our (western) eyes we like to think of them as the good guys – torturing a man who is suspected of collaborating with the Assad regime (Spot News, 2nd prize singles). We can conclude from the fact that the tortured man was released after 48 hours that he appeared to be innocent. This photo shows us that we can’t always divide the world easily into categories like ‘good’ and ‘evil’.”





Pulitzer 2013: Es geht auch nüchtern!

15 04 2013

http://www.pulitzer.org/works/2013-Breaking-News-Photography

Die Pulitzer Jury zeigt, im Gegensatz zum World Press Photo, daß man auch ohne künstliche Photoshop-Dramatisierung auskommen kann.

Und mich berühren diese Bilder auch viel mehr als das diesjährige WOPF Gewinnerbild, ganz einfach, weil sie echter wirken und mein Gehirn nicht mit “is ja nur ein Kinoplakat” aus der Nummer rauskommt!





Taugt die Kamera oder das Objektiv was?

5 04 2013

Es gibt Menschen, die unverständliche Grafiken anfertigen, mit denen Menschen, denen die Bilder, die aus einer Kamera kommen, zu diesem Zweck nicht reichen, sich eine Meinung über eine Kamera oder ein Objektiv bilden können.

 

Ich schau mir auch immer eine Massenspektrometerkurve an, wenn ich wissen will, ob mir Rippchen mit Sauerkraut schmecken.

 

© CC Andreas Böhm

© CC Andreas Böhm

 

Mhhhh! Lecker!





Wie man einen Baum pflanzt – Journalismus und Wahrheit

21 10 2012

Auf diesem Bild soll man sehen, wie Grüne Lokalpolitiker einen Baum pflanzen. Genau genommen pflanzen da die Offenbacher Grünen einen “Protestbaum gegen Fluglärm”.

So würde man sich ja auch ein Bild vorstellen, von einem Termin der wie folgt auf der Website der Offenbacher Grünen angekündigt war:

Steht da ja (sogar fett): Wir pflanzen einen Protestbaum gegen den Fluglärm

Aber das Bild ist das Foto einer Inszenierung, ein ethisches Problem würde man es so veröffentlichen.

Denn bei dem Termin angekommen, standen drei Grüne mit Spaten und ein Frau mit Geige (die auch sogleich “alt wie ein Baum” geigte) neben einem Baum, der auch stand; und zwar sauber gepflanzt.

Auf meine, noch gut gelaunte Frage, ob man sich nun entschieden haben, als Protest gegen Fluglärm, einen Baum auszugraben, wurde mir erklärt, daß der Boden da irgendwie doof sei, weswegen der Baum schon am Vortag “von einer Fachfirma gepflanzt” wurde, weil das der Firma wohl irgendwie terminlich besser gepaßt habe…

Bis zu diesem Punkt wäre das alles noch irgendwie normal bizarr gewesen. Dann fingen die Grünen Lokalpolitiker aber an für die Kameras mit ihren Spaten in der Erde um den bereits gepflanzten Baum herum zu kratzen. Einer rief dann noch “Soo, der Baum steht.” Weil ja auch ein lokaler TV-Sender da war, worauf dann noch irgendwer geklatscht hat.

Im Anschluß gab dann noch der grüne Bürgermeister zwei Radiosendern ein Interview in dem er behauptete, man habe gerade einen Baum gepflanzt.

Sowas erwartet man ja nun auch nicht unbedingt bei den Grünen, die ja auch gerne mit dabei sind, wenn es um die Pressefreiheit und solche Dinge geht.

Was daran aber wirklich verstörend war, war vor allem wie selbstverständlich das alles scheinbar für all jene war, die da standen und so taten als seien sie Journalisten. Müßte man von mündigen Journalisten nicht erwarten, daß sie sagen, “Bei dem Theater machen wir nicht mit, wir machen gerne ein Bild von Eurem Protestbaum, aber nicht von der Schaufel-Show”?

Der Leser der jetzt vielleicht denkt, daß so ein Protestbaum gegen Fluglärm doch eine tolle Sache sei und daß das doch alles halb so wild ist, sollte sich mal fragen, ob Journalisten, die bei so offensichtlicher Manipulation schon nicht mehr merken, was da mit ihnen passiert, sicher nicht die sind, die irgendwa,s das aus der cleverer agierenden PR-Abteilung eines Millionen-schweren Konzerns kommt, hinterfragen werden.

Ist es noch aufrichtige, wahrheitsgemäße Berichterstattung, wenn man seine Leser in dem Glauben läßt der grüne Bürgermeister habe da eigenhändig einen Baum gepflanzt?

Ich bin da schon sehr froh, daß ich Kollegen habe, die das genauso sehen und  die sich trauen zu schreiben, wie es  vor Ort wirklich war und nicht wie es mal geplant war.

Und das machen wir nicht, weil wir vom Flughafen gekauft wären, sondern schlicht, weil wir berichten und nicht lügen wollen.





Urheberrechte helfen auch gegen Hassprediger!

4 10 2012

Wer  als Urheber, das Urheberrecht nicht wichtig findet, weil er meint da ginge es nur darum Geld zu verdienen und das für ihn aus irgendwelchen Gründen kein Thema ist oder wer seine Bilder per Creative Commons Lizenz für jedermann im Internet bereitstellt, der muß auch damit leben, daß seine Bilder für sowas benutzt werden und das der eigene Name dann in so einem Zusammenhang genannt wird, wie hier der Name des Fotografen eines Bildes von Dirk Bach auf einer Hetzseite irgendwelcher religöser Hassprediger.

Es ist eher unwahrscheinlich, daß der Fotograf ein Bild von Bach gemacht hat und das für den wikipedia Artikel über ihn zur Verfügung gestellt hat, weil er der Meinung ist, Bach sein “ein homosexueller Sittenverderber” gewesen, der nun “in der ewigen Homohölle brennt”.

Aber der Fotograf hat all das zugelassen, als er das Bild mit den folgenden Bedingungen für jedermann freigegeben hat, wahrscheinlich ist er davon ausgegangen, daß nur nette Leute Bilder unter einer Creative Commons Lizenz nutzen oder er hat garnicht drüber nachgedacht. Vielleicht findet er Urheberrechte auch schlicht doof:

Das sollte auch eine Warnung für all jene sein, die meinen jede Bildnutzung mit dem eigenen Namen am Bild sein eine gute Werbung und eine tolle Sache.

Bei Urheberrecht geht es um mehr als Geld. Es geht auch um Kontrolle darüber was mit den eigenen Werken passiert. Und diese Kontrolle nicht aufzugeben gehört zur Verantwortung des Urhebers. Gegenüber sich selbst aber auch gegenüber Dritten. Ganz besonders, wenn die sich nicht mehr selbst wehren können.

 

P.S.:

Die römisch-katholischen Deutschen und Österreichischen Bischofskonferenzen distanzierten sich ausdrücklich von kreuz.net.





Wo die Piraten Recht haben…

18 09 2012

Man kann guten Gewissens zugeben, daß die Piraten in manchen Punkten Recht haben. Zum Beispiel, wenn sie sagen, daß noch nicht alle Institutionen in der Realität des Jahres 2012 angekommen sind. Das Gericht im Pariser Vorort Nanterre ist sicher noch nicht ganz im digitalen Zeitalter angekommen

“Ein französisches Gericht hat dem Magazin “Closer” die weitere Veröffentlichung der Oben-ohne-Bilder von Prinz Williams Ehefrau verboten. Der Verlag muss die Fotos innerhalb von 24 Stunden an Kate aushändigen.

Wahrscheinlich fährt da jetzt ein Kurier Ausdrucke der Bilder zum Buckingham Palace, die stecken die da in den Aktenvernichter und gut isses!

“”Diese Fotoaufnahmen können nicht als Gegenstand von allgemeinem Interesse gesehen werden, da sie nicht mit den offiziellen oder öffentlichen Auftritten in Zusammenhang stehen”, begründete der Richter seine Entscheidung.”

Ja, gewiss! Aber diese Bilder sich sicher überhaupt keinen Gegenstände und deswegen erscheint das mit dem Aushändigen, sehr weltfremd!

 

http://www.spiegel.de/panorama/leute/william-und-kate-nach-oben-ohne-fotos-erfolg-gegen-closer-a-856443.html





Wir präsentieren: 1LIVE, Coldplay, Lady Gaga und die Fotografen

5 09 2012

Nein, ich empfinde das hier nicht wirklich als eine hilfreiche Form der Solidarität:

http://www.einslive.de/musik/extras/2012/09/120905_konzertfotografie.jsp

Es ist ja nett, daß man bei 1LIVE diese Sache nicht totschweigt und man das zum Thema macht.

Das war’s dann aber auch schon. Stattdessen man sollte auch die eigene Rolle bitte mal kritisch hinterfragen!

“Es hat schon Boykotte von Bildjournalisten gegeben. Die bringen aber tatsächlich nur dann etwas, wenn auch wirklich alle mitmachen. Unterschreibt nur ein Fotograf einen Vertrag, kann er seine Bilder an alle Redaktionen verkaufen. Er macht dann das Geld und alle anderen gehen leer aus.”

Ja, was gibt es unter Fotografen doch für Kollegenschweine. Keine Frage.

Aber was ist denn mit all den anderen Journalisten, die sich im Vorfeld zu willigen Handlangern machen lassen, die das Konzert “präsentieren”, als Zeitungen und Radiosender mit auf den Werbeplakaten für das Konzert stehen, als Medienpartner ordentlich die Werbetrommel vor dem Konzert rühren und wo im Nachhinein jedes Konzert immer megahammergeil ist und man weniger darüber berichtet, ob der Künstler überhaupt singen kann, sondern es vor allem darum geht, daß 2 Hörer/Leser dem Künstler nach einer Verlosung mal auf einem Flur “Guten Abend” sagen durften.

Immerhin steht da bei 1LIVE schließlich gleich im ersten und zweiten Satz: Am (…)  haben in Köln gleich zwei Konzert-Highlights stattgefunden. Lady Gaga und Coldplay – präsentiert von 1LIVE.“  dann frage ich mich, ob die nicht vielleicht auch mal (gerade als öffentlich rechtlicher Sender für den ich als Fotograf GEZ Gebühren zahlen muß, weil mein Computer und ich das Internet benutzen) über ihre “Medienpartnerschaften” nachdenken sollten.

Die haben im Vorfeld brav Werbung für die Dame und die Herren gemacht, ihre Schuldigkeit getan und damit mitgeholfen, daß die dank ausreichender Vorberichterstattung auf jede andere Form der Berichterstattung gerne verzichten können.

 





Wider dem Drang zur Hochzeitsreportage und schwachsinnigen Bildern!

15 07 2012

Gerade las ich im Internet von einer Pfarrerin die nicht will, daß in ihrer Kirche bei einer Trauung fotografiert wird.

Manche Kommentatoren fanden das intolerant. Und treffen damit wohl ins Schwarze, auch wenn sie das wohl nicht so gemeint haben werden.

Toleranz kommt von lat. tolerare und das heißt ertragen. Und wenn die Pfarrerin “intolerant” ist, dann kann oder will sie etwas nicht mehr ertragen.

Und auch ein religöser Ritus kann nur ein gewisses Maß an Störung ertragen, soll er nicht zur Farce werden.

Ich habe schon so manchen (Berufs-)Fotografen(oder als beliebte Steigerung Hobbyfilmer)-Auftritt auf Hochzeiten miterleben dürfen der kaum zu ertragen war und dessen Protagonisten sich, mitunter unfreiwillig, zur Hauptperson des Rituals “kirchliche Trauung” gemacht haben.

Irgendwie hat die Pfarrerin, da also schon durchaus recht damit, daß eine Trauung in der Kirche etwas anderes ist (oder wenigstens sein sollte) als ein Hochzeits-Shooting in einer tollen Location.

Und zu einem gewissen Teil mag die Ablehnung gegenüber Fotografie auch daran liegen, daß es in den Kirchen – und da muß man nicht mal irgendwie religiös sein, um das nachvollziehen zu können – PfarrerInnen gibt, denen es mißfällt, daß ihre Kirchen von Menschen denen Kirche und Glaube sonst eher fremd ist und denen die vermittelten Werte im Alltag erst recht wumpe sind, nur als Kulisse einer “Rosamunde Pilcher”-artigen Inszenierung genutzt werden, das Fundament eines Glaubens dem ganzen aber völlig abgeht.

Ausgehend von diesem Gedanken sind Fotos dann ab einem gewissen Punkt Trophäen/Fetische die das Paar in der Kirche produzieren lassen will. Und dies verweigert mancher Geistliche dann im Gegenzug. Klar trifft es da auch immer mal die falschen Brautpaare und Fotografen.

Und auch außerhalb von Kirchen ist manches befremdlich:

Meiner Ansicht nach (und ich sage das als Fotograf), wird heute auf vielen Hochzeiten zuviel fotografiert, Fotografie zu wichtig genommen.

So sehr, daß manche Hochzeit nurnoch als eine Art Bravo-Foto-Lovestory-Shooting mit Laiendarstellern – die dafür eine warme Mahlzeit bekommen, andererseits aber Geschenke mitbringen müssen – erscheint.

Welche Würde haben da noch die Hochzeitsbilder meiner Urgroßeltern bis Eltern. Die standen einfach da. Nebeneinander. Und gut war’s. Dann vielleicht noch ein Gruppenbild auf dem man heute spannende Reisen durch die Verwandtschaft unternehmen kann. Dann vielleicht noch ein paar Bilder vom Kaffeetrinken, Uroma mit der Kuchengabel im Mund und die Hälfte unscharf.

Dagegen bucht man heute die “Hochzeitsreportage” mit allem drum und dran. Am besten mit gleich zwei Fotografen, denn dann kann man sicher sein, daß die Verwandten, die nicht dabei sein konnten (und das plötzlich nicht mehr schade finden), im Hochzeitsalbum sowohl Braut als Bräutigam beim Einstieg in die Unterhose für den Tag der Tage bewundern können. Und auch der Onkel aus Amerika kann beruhigt sein, daß selbst wenn der Bräutigam wegen eines Unfalls mit dem Tortenmesser ins Krankenhaus gekommen wäre, er da mit sauberer Unterbuxe eine gute Figur gemacht hätte.

Und natürlich reicht es nicht, daß man Bilder hat auf denen die beiden glücklich nebeneinander stehen oder sich im Arm halten. Das Brautpaar von heute hängt lächerlich verrenkt im Sprung eingefroren in der Luft, weil der Fotograf seine Kreativität, mit vermeintlich tollen und frischen Ideen, unter Beweis stellen muß und das Paar, das “etwas besonderes” will zieht hemmungslos mit. Und weil jeder Hochzeitsfotograf eigene beeindruckende neue Ideen benötigt ist eine Reise über die, fröhlich Musik dudelnden, Hochzeitsfotografen-Homepages des Internets eine Tour auf der einem Brautpaare in den sonderbarsten Situationen begegnen. Die einen stehen barfuß in einem Brunnen, andere rennen, wie von einer Bestie gejagt, mit ihren Trauzeugen durch den Wald, andere rennen, ohne Trauzeugen, durch den Park, andere stehen auf einer Tartanbahn, wo man doch wirklich mal hätten rennen können. Auch beliebt sind akrobatische Posen, bei denen man den Bräutigam von hinten und der Braut in die Nasenlöcher sieht. Paare stehen in Restaurantküchen und rühren in Töpfen voller Gulaschsuppe. Was sagt mir ein Brautpaar hinter eine vergammelten Leitplanke? Was eine Braut in Unterwäsche breitbeinig vor dem Spiegel eine Hand an der Brust die andere im Schritt? Oder die Braut gleich ganz nackt, dafür so positioniert, daß es ein wohl eher ein  Vorher-Bild für ein Cellulitis-Präparat werden sollte.

Und das alles mit einer vollen Breitseite der in der jeweiligen Woche angesagtesten Photoshop Effekte, daß man den Eindruck hat, es ginge vor allem darum, mir zu vermitteln, wie ein Farbenblinder mit 50% Sehkraft und erheblichen Problemen in der Darstellung von Kontrasten so seine Welt wahrnehmen könnte.

Vieles davon so offenkundig bei jedem Bild gestellt und ausgeleuchtet und in so epischer Breite bebildert, daß es schwer vorstellbar ist, daß das an nur einem Tag gemacht ist. Geschweige denn, das Brautpaar zwischen drin noch “ja” gesagt, gefeiert oder mal die Toilette aufgesucht hat (sonst gäbe es ja sicher auch davon Bilder).

Und damit wären wir wieder beim Gedanken der Trophäen/Fetisch-Produktion. Wenn nämlich die Bilder wichtiger werden als das Ereignis selbst und das wirkliche Erleben hinter die Erzeugung dieser Bilder zurücktritt oder das Ereignis gleich ganz so ausgestaltet wird, daß Bilder das Ziel sind, die dann als Erinnerungsobjekte wichtiger werden als die wirkliche Erinnerung, dann läuft was falsch.

 





Haiti II – Sich selbst in Szene setzen?

29 01 2010

Dass ich von Hajo Schumachers Vorwürfen gegenüber den bösen Journalisten die ihre Arbeit machen, wo sie, seiner Meinung nach, helfen sollen nicht allzuviel halte, hatte ich ja schon deutlich gemacht.

Was dabei allerdings zu kurz kam, ist die Frage, ob es gut ist, wenn ein Journalist hilft und welche Rolle es spielt, warum er das tut.

Hajo Schumacher unterstellt ja vor allem Fotografen, daß sie nicht helfen würden und das an Stellen, wo es besser wäre die Kamera beiseite zu legen. Und mittlerweile kann ich auch verstehen wie das kommt. Denn was passiert, wenn der Fotograf die Kamera weglegt sieht niemand.

Kamerawirksam rettet der prominente Reporter Anderson Cooper einen blutenden Jungen von der Straße. Medizin-Reporter Sanjay Gupta wird gleich ganz zum Arzt, untersucht ein Baby vor laufender Kamera. Notoperationen, inszeniert für die Zuschauer daheim. Auf einen Flüchtlingstransport auf dem Weg ins Umland, auf der Suche nach etwas Essbarem, quetscht sich Reporter Ivan Watson dazu. Sein Kamerateam fährt hinterher.(Zitat aus einem Beitrag des NDR Medien-Magazins ZAPP, der ganze Beitrag findet sich als Video unten auf der verlinkten Seite.)

Fotografen sind Journalisten, die hinter ihren Bildern und der Kamera verschwinden, zurückstehen, sich verstecken oder versteckt werden, wogegen andere Journalisten sogar Teil des Geschehens werden, sich zum Teil des Geschehens machen oder sogar Teil ihrer eigenen Inszenierung werden.

Es mag sein, daß es für den unbedarften Rezipienten so aussehen mag, daß der Reporter der auf dem Wagen mit den Flüchtlingen mitfährt mehr Anteil am Schicksal der Menschen nimmt, als der Fotograf, der einen sterbenden Verschütteten fotografiert. Nüchtern betrachtet kann der Fotograf dem Verschütteten kaum helfen und ob er nachdem er das Bild gemacht hat, versucht hat Rettungskräfte für den Verschütteten zu organisieren, weiß keiner der das Foto gesehen hat. Ob der Reporter hinten auf dem Laster einem anderen den Platz wegnimmt, ist  dagegen eine Frage, sie sich kaum ein Fernsehzuschauer stellen wird.

Der Fotograf, der einen verletzen Jungen auf der Straße fotografiert, kann ihn danach ebenfalls in die Obhut von Helfern tragen. Er wird sich dabei aber kaum selbst fotografieren und er hat auch keinen Grund das zu tun. Denn die Geschichte die es zu erzählen gilt ist, daß es da verletzte Kinder gibt, denen niemand hilft und nicht, daß sich da tolle Fotografen um alles kümmern.
Der Fernsehjournalist der sich beim Wegtragen des Jungen filmen läßt, verfälscht das Bild, das er seinen Zuschauern zeigt, er entschärft es.

Spätestens wenn Journalisten anfangen vor der Kamera Kinder zu untersuchen, weil da kein (anderer) Arzt ist, ist eine Grenze überschritten, denn die eigentliche Aufgabe wäre es zu zeigen, daß da kein Arzt ist, statt sich selbst vor dem Zuschauer in Szene zu setzen. Und diese Grenzverletzung, ist gravierender als der Umstand, daß der Betrachter eines Bildes vermuten könnte, der Fotograf sei ein schlechter Mensch.

Lesenswerter als der Text von Hajo Schumacher ist sicher dieser Text von Hans Durrer:

http://www.gazette.de/Archiv/Gazette-Aug03-Jan04/Durrer03.html

Man kann übrigens davon ausgehen, daß es James Nachtwey wichtiger war das Bild hier

http://i.timeinc.net/time/daily/special/photo/inferno/sudan3.jpg

veröffentlich zu sehen, als das Bild, das den Text von Hans Durrer bebildert. Und das sicher nicht weil er das Bild im Durrer Text nicht selbst gemacht hat.





Können Fotos guter Journalismus sein?

24 01 2010

Hajo Schumacher kennen viele sicher als “Achim Achilles”, denn unter diesem Pseudonym schreibt er Laufsportkolumnen bei Spiegel-online. Er schreibt aber auch für das Onlinemagazin V.i.S.d.P. Und ebenda ereifert er sich in der aktuellen Ausgabe über die Medienvertreter in Haiti, die statt zu helfen lieber schreiben, filmen oder fotografieren. Nein, garnicht wahr: Er beklagt sich nur über die Fotografen.

Ob Berichterstattung bei Katastrophen die Rettungsarbeiten stört und damit den Opfern schadet oder ob es den Menschen hilft, weil erst die Berichte zum notwendigen Spendenaufkommen führen,  ist eine wichtige Frage. Und sicher eine die polarisiert. Und natürlich eine, die sich so pauschal garnicht beantworten läßt, denn im Endeffekt ist das ja immer auch vom Verhalten des einzelnen Journalisten abhängig. Und natürlich gibt es jede Menge Journalisten die sich in solchen Situationen daneben benehmen und solche die das auch tun, um Geld zu verdienen oder beruflich weiter zu kommen. Was in der Diskussion wenig hilfreich ist, sind aber Beiträge wie die von Hajo Schumacher, und das aus mehreren Gründen.

Schumacher (als schreibender Journalist) sieht das Problem überhaupt nur bei Fotografen (und in einer Nebenbemerkung bei “Kameraleuten”), denn die sind alle geil auf die sensationellen Bilder und fotografieren immer nur dann, wenn sie eigentlich die Kamera beiseite legen und helfen müßten.

Das ist in mancher Hinsicht diskussionswürdig:

Die größte Kritik die man an Journalisten in Krisengebieten haben kann ist, daß sie Transportkapazitäten ins und aus dem Krisengebiet, Resourcen vor Ort (Essen, Trinkwasser, Strom, Transportmittel, Kommunikation…) belegen, die man für zusätzliche Retter verwenden könnte und durch ihre Anwesenheit die Rettungsarbeiten behindern. Das führt aber zur  fundamentalen Frage, ob Berichterstattung ganz unterbleiben soll. Dem würden die meisten Hilfsorganisationen und die Menschen vor Ort widersprechen, denn Berichterstattung sorgt für Spenden, denn wer nichts vom Leid der Menschen im Katastrophengebiet weiß, der spendet nicht. Auf der anderen Seite sichert Berichterstattung aber auch, daß Hilfe ankommt und die Öffentlichkeit erfährt, wenn Hilfe an den Bedürfnissen vor Ort vorbeigeht. Somit dient Berichterstattung auch der Kontrolle der Hilfsorganisationen. Wer das für abwegig und bösartig hält, weil seiner Meinung nach alle Helfer altruistische Helden sind, denen man nichts böses unterstellen sollte, der soll sich mal die Berichte zu den Auftritten der Helfer der Scientology Church anschauen, die im Moment in Haiti per Handauflegen abgetrennte Nervenverbindungen wiederherstellen. Da staunt der Neurochirurg!

Wenn man nun aber Berichterstattung generell zuläßt, dann kommt man zu dem Punkt in Schumachers Kritik, daß die Kollegen da nicht im rechten Moment die Kamera beiseite legen und helfen. Schumacher versucht den Eindruck zu erwecken, daß die Fotografen in Haiti “angesichts hundertausendfachen Sterbens” nicht geholfen hätten. Das ist zynisch und dumm, denn wir sprechen hier von einem Erdbeben, also einem Ereignis bei dem innerhalb weniger Minuten tausende Menschen in einstürzenden Gebäuden sterben. Die Berichterstattung beginnt erst danach. Es ist also mitnichten so, daß da Fotografen hunderttausende Menschen einfach sterben ließen. Wer das nicht glaubt, der soll sich mal fragen, warum die internationalen Helfer vor Ort mühsam in Trümmern nach Menschen suchen, und auch einzelne gerettete Verschüttete feiern, statt die hunderttausenden Sterbenden in den Straßen zu retten.

Aber einen Verschütteten nach einem Erdbeben zieht man nicht mal so eben mit einer “helfenden Hand” aus den Trümmern, wie sich Schumacher das reichlich naiv vorstellt. Das geht selbst für professionelle Helfer oft nur mit schwerem Bergungsgerät und oft genug nur nach Notamputationen. Und nur ein völlig naiver Laie kann so tun, als würde jemand der Stunden oder Tage verschüttet war, dann einfach “Danke” sagen und dann fröhlich seines Weges gehen oder gleich fleißig selbst die “helfende Hand” in die Trümmer strecken. Das ist nichts, was der nette Fotograf von nebenan mal so eben leistet und auch Hajo Schumacher würde da nichts reißen, auch wenn es verständlich ist, daß manch einer sich angesichts des Ausmaßes einer Katastrophe in Allmachtsphantasien flüchtet.

Dazu kommt, daß die Berichterstattung aus Krisengebieten meistens an Orten erfolgt, an denen schon professionelle Helfer vor Ort sind. Da ist kein Eingreifen durch Journalisten nötig oder erwünscht, weil das keine wirkliche Hilfe wäre, sondern eher ein symbolischer, sinnloser Akt. Für sinnlose Gutmenschensymbolik ist aber bei solchen Ereignissen kein Platz! Bei einem Brand oder einer Überflutung in Deutschland würde auch niemand erwarten, daß Presseverterter je einen Sandsack oder eine Flasche Wasser mitbringen.

Und es ist natürlich auch reichlich vermessen/scheinheilig anhand eines Fotos beurteilen zu wollen ob jemand vor oder nach der Aufnahme geholfen hat, ob er überhaupt helfen mußte (mal ganz abgesehen von konnte) oder ob außerhalb des Bildes 100 Mann von einer Hilforganisation zugange sind.

Wie sollte eine Katastrophenberichterstattung aussehen, die Schumacher gutheißen könnte? Opfer werden erst fotografiert, wenn sie vom Fotografen persönlich gerettet, verarztet, geduscht und frisch angezogen sind? Ist das noch eine objektive Berichterstattung oder sind das alles gestellte Fotos? Und kann man damit noch wirklich zeigen, was da vor Ort passiert oder konstruiert man ein spendenminderndes Idyll?

Was Schumacher, wie schon erwähnt, ausläßt ist der Umstand, daß da in Haiti ja nicht nur Fotografen (Kameramänner) unterwegs sind. Aber bei denen die schreiben, Ton für Fernsehsendungen machen, die als Techniker oder redaktionell an Fernsehbeiträgen arbeiten, bei denen scheint sich die Frage, ob sie helfen sollten, ob sie fehl am Platze sind garnicht zu stellen. Der Fotograf kann einen Moment nur im Moment festhalten, der schreibende Journalist kann auch seinen  Block weglegen und es nachher aus der Erinnerung aufschreiben.

Schumacher mag Recht haben, wenn er sagt, daß es in Haiti derzeit nicht an Bildmaterial mangelt, sondern an Helfern. Aber es fehlt eben an Helfern und Hilfsgütern! Und so wie sich ein Fotograf nicht in einen Reissack und eine Palette Wasserflaschen verwandeln läßt, so verwandelt er sich auch nicht in einen Notarzt, wenn man ihm die Kamera wegnimmt und stattdessen ein Stethoskop um den Hals hängt.

Genauso abwegig ist es, zu glauben, daß automatisch mehr Ärzte kommen, wenn man nur weniger oder keine Journalisten reinläßt.

Wenn Schumacher also im ersten Satz die Wirkung der Bilder auf ihn selbst beschreibt und bei ihm dabei der Wunsch aufkommt, daß der Fotograf ihn nicht damit belästigen soll, ja er gefälligst den abgebildeten Umstand selbst beheben soll, dann zeigt das zumindestens, daß die Bilder das Grauen der Situation in Haiti transportieren. Auch wenn nicht alle die richtigen Schlußfolgerungen daraus ziehen.

Das alles wird nicht besser, wenn man Fotografen abschätzig als “Kamerakünstler” tituliert und behauptet, daß deren Entgegnung sei, daß die Aufgabe eines Fotografen nicht in humanitärer Hilfe, sondern im Abbilden des Elends bestünde.

Was in Schumachers Text völlig untergeht ist, daß es sich bei den kritisierten Fotografen um Journalisten handelt, die aus einem Krisengebiet berichten. Stattdessen gewinnt man, den Eindruck, daß da irgendwelche verkappten aber selbstverliebten Künstler in ein Krisengebiet eingefallen sind, wo sie nach blutigen Bildern für einen Fotowettbewerb suchen. Scheinbar ganz im Gegensatz zu den Menschen die in Mikrofone sprechen und in Blöcke schreiben und auf Notebooktastaturen schreiben. Fast hat man den Eindruck, daß Fotografen keine echten Journalisten sind, die sich der Fotografie statt des Wortes bedienen, um Geschichten zu erzählen, sondern eher aus der Not heraus fotografieren, weil sie nicht schreiben können oder weil sie parasitär vom Leid anderer profitieren wollen, aber in der Mülltonne gegenüber von Paris Hiltons Schlafzimmerfenster keinen Platz mehr bekommen haben.

Anbei ein Screenshot des Textes zum Nachlesen:









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