
Film ist tot. Das hört man immer wieder. Eine der Begründungen ist oft, daß Digitalkameras besser sind als es analoge Kameras je waren. Und angesichts der Bilder aus einer Leica M9, Canon EOS 5D Mark III oder Hasselblad H mit Digitalrückteil, hat diese Aussage durchaus ihre Berechtigung, denn was da rauskommt ist in mancher Hinsicht besser und sicher flexibler als alles, was ich früher analog gemacht habe.
Und dann sind da noch die Bilder die mein iPhone so machen kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Und das was da rauskommt kann man ja noch mit tausend Apps so aussehen lassen als wäre es praktisch alles von der Polaroid bis zur Lochkamera.

Bild aus einem iPhone 4
Und als wäre das alles nicht genug, kommt zu alledem natürlich noch die Frage der Zukunftssicherheit. Die ehemals ganz gute Minilab Versorgung ist Geschichte. Wer weiß schon, ob es Morgen noch Filme und Chemie gibt bzw. ob es Morgen noch die Filme gibt die ich benutzen will. Von Ersatzteilen für Kameras (wenn nicht Leica draufsteht) oder gar Scannern ganz zu schweigen.
Bleibt also die Frage “Warum noch analog fotografieren? Und wenn ja, wie und womit?”
Wenn nicht sogar: “Warum damit (wieder) anfangen?”
Die “womit-Frage” hat mir David Burnett abgenommen, als er mich in der Normandie 2004 neugierig auf die lustige Plastikkamera machte, die er um den Hals hatte. Und als ich dann Bilder aus dem Ding gesehen hatte war ich hin und weg. Die erste Holga trat in mein Leben. Und dabei war ich gerade erst komplett digital geworden!

Die Holga ist eventuell, nein, sicher, die schlechteste Mittelformatkamera der Welt. Sie ist in den meisten Fällen nicht mal wirklich lichtdicht. Der Verschluß kann nur eine Belichtungszeit bilden, die wohl irgendwo um 1/125 liegt und B, dafür sieht er aus als wäre er aus dem Überraschungsei, und manche Holgas haben zwei Blenden (f8 und F11), manche nur eine, weil da ein Teil fehlt. Das Objektiv, hat selbstverständlich jeden optischen Fehler der bislang entdeckt wurde, ist wahlweise mit Kunststoff- oder Glaselementen zu haben und alle 12 Bilder ist der Film voll.

Und die Holga benutzt Mittelformatfilme. Das ist teuer, erst recht für Menschen, die glauben Digitalbilder würden garnichts kosten, und man muß das Zeug verarbeiten, das ist noch teurer. Zum einen weil man die Filme entwickeln lassen muß, zum anderen weil das nach einem Scanner schreit.
Fairer Weise muß man da aber auch sehen, daß die Holga für 25,- € incl. Versand aus China angeflogen kommt.

Wenn man dann aber mit den Bildern auch was anfangen will, wird es teurer. Das Problem ist schlicht, daß die sehr guten Mittelformatscanner sehr teuer sind (Hasselblad Flextight) oder (Nikon) nicht mehr gebaut werden. Für die meisten Dinge reicht aber auch ein guter Flachbettscanner mit Durchlichteinheit, für das was das Objektiv der Holga kann allemal.
Mein älterer Epson hat gerade einem Epson V-700 (gibt es noch neu und um die 450,- €) Platz gemacht, der ein wenig besser und deutlich schneller (gerade mit der automatischen Staub- und Kratzerkorrektur iSRD) scannen kann und der zwar nurnoch zwei statt drei Mittelformatstreifen auf einmal in den Halter bekommt, dafür sind die Streifen aber längs statt quer komplett im Scanbereich angeordnet und hängen nicht mehr teilweise seitlich raus wie beim Vorgänger. Damit kann man dann in einem Durchgang zwei 3er Streifen 6×6 scannen. (Und wenn ich irgendwann mal völlig den Rappel bekomme und eine Großformatkamera kaufe, dann scannt der das auch…)

Richtig Spaß macht das ganze dann mit Silverfast 8 (auch wenn das Programm und ich einen schwierigen Start hatten, sind wir mittlerweile sehr glücklich miteinander), weil man da einfach Rahmen für jedes Bild aufziehen kann und Silverfast die dann nacheinander scannt, wo man früher jedes Bild einzeln nacheinander scannen mußte und den nächsten Scan erst starten konnte wenn der vorherigen abgeschlossen war. Hinzu kam dann noch das Gefummel, weil man jeden Negativstreifen zum Scannen einmal neu im Halter Positionieren mußte. Das macht das Scannen viel angenehmer, weil man nebenbei noch andere Dinge erledigen kann und verschafft dem Flachbettscanner, mit sechs auf einen Streich, dann einen deutlichen Geschwindigkeits- und Komfortvorteil gegenüber reinen MF-Filmscannern.
Für noch schnelleres Scannen: Einfach für ein paar Euro einen zweiten Filmhalter bestellen, dann kann der Scanner weiterarbeiten während man in aller Ruhe die Filmstreifen im zweiten Halter tauscht.

Da bleibt natürlich immernoch die Frage nach dem “warum analog fotografieren”. Mancher wird sagen, daß man die Bilder hier im Artikel auch locker aus den Daten aus einer EOS 5D erstellen kann und man obendrein noch die deutlich besseren Bilder zusätzlich hätte.
Ja, das mag sein. Aber eine Kamera wie die Holga verändert fundamental die Art und Weise wie man fotografiert. Das fängt bei den 12 Bildern bis zum Filmwechsel und dem Bewußtsein, daß jedes Bild Geld kostet an, hört da aber noch lange nicht auf, denn der Umstand, daß man an einer Kamera wie der Holga eigentlich nichts einstellen kann bleibt auch nicht ohne Folgen. Spätestens, nachdem man nach den ersten paar Filmen feststellt, daß das überhaupt kein so dolles Problem ist wie der Fotograf der ständig an Blende, Zeit und ISO rumschraubt und der auch früher bei analogem Material brav die Belichtung gemessen hat, im ersten Moment annehmen würde.

Analoges Fotografieren ist aber auch dann anders, wenn man nicht gleich zu so extremen Maßnahmen wie der Holga greift, sondern eine alte Sucherkamera oder eine günstige Spiegelreflex von ebay benutzen.
Da ist zum einen der Umstand, daß die Kamera wieder vom Fernseher zur Black Box wird. Da ist nichts mit rumprobieren, nachschauen, was ändern, weiterprobieren. Zum anderen wird das auch alles langsamer, nein, sagen wir lieber: geruhsamer. Die Bilder sind nach der Aufnahme erstmal weg. Und sie wandern auch nicht gleich abends im Hotel oder zuhause in den Computer und ab ins Internet.
Die Holga-Bilder hier im Artikel habe ich im Oktober 2009 in Frankreich gemacht, irgendwann 2010 entwickeln lassen und dann erst letzte Woche gescannt. Und das war schön, weil es so ein wenig wie eine Schatzsuche ist, wenn man die Bilder wiederfindet. Dazu muß man das Zeug aber nicht unbedingt so lange liegen lassen. Das war auch dem Umstand geschuldet, daß das Scannen vor dem V700 und der neuen Silverfast-Version etwas anstrengender war, aber wenn ich da keine Digitalkamera parallel benutzt hätte, wäre das sicher auch schneller gegangen.



