
Die Qualität der Bilder in den meisten deutschen (Tages-)Zeitungen ist mies. Klar, es gibt die paar deutschlandweit erscheinenden Zeitungen die einen ganz anderen Standard halten, aber die kleinen Tageszeitungen in der Fläche sind fotografische Krisengebiete. In den Mantelteilen, die fast ausschließlich mit Agenturmaterial bebildert werden, fällt das nicht so auf und da kann dann auch die kleine Regionalzeitung mal ein Bild abdrucken, das den World Press Photo Award gewonnen hat. Aber spätestens bei den selbst produzierten Geschichten geht es dann steil bergab. Das hat viel Gründe. Der erste ist, daß in vielen Fällen einfach garkeine Fotografen mehr vorhanden sind, sondern die Bilder von den Leuten die auch die Artikel schreiben „mitgemacht“ werden. Das sieht dann meistens so aus, daß der Redakteur bevor er geht, die Beteiligten schnell zum Gruppenbild stellt. Das macht man natürlich nicht zuletzt um Geld zu sparen.
Aber zu sagen, daß es daran liegt, daß die Leute die da fotografieren das nicht können ist ein wenig einfach, weil es die Frage warum, denn da Leute fotografieren die das nicht können ausklammert. Und auch zu sagen, daß es nur am Geld liegt, trifft nur einen Teil des Problems.
Viel entscheidender ist die Einstellung vieler Blattmacher, vom Volontär bis zum Chefredakteur, zum Thema Fotografie. Bei vielen Blättern sind die Fotografen Mitarbeiter zweiter Klasse (schließlich macht sich ein Foto schneller als ein Text und fotografieren kann jeder). Sie stehen in der Nahrungskette ganz unten, das sieht man auch daran, daß es kaum noch festangstellte Fotografen gibt und sich bei deutschen Zeitungen kaum Fotografen finden, die es irgendwie die Karriereleiter raufgeschafft haben. Der Fotograf gilt oft nicht als Journalist, sondern ist eher eine Art Handwerker; so wie der Typ der gestern die Neonröhre in der Redaktion getauscht hat.
Diese (Miss-)verhältnis ist oft auch in der Struktur zementiert. Bei vielen Blättern verteilen die Redakteure die Aufträge an die Fotografen und sind im modernen Redaktionsablauf auch diejenigen die das Bild für die Seite aussuchen und es in die Seite einbauen, wenn sie nicht sogar vor Ort dem Fotografen erklären, wie das Bild gemacht zu werden hat. So haben in vielen Blätter, selbst, wenn es noch Fotografen geben sollte, die Schreiber doch das letzte Wort in Sachen Bildsprache. Und der Fotograf der seine Sichtweise und nicht die Erwartungen des Redakteurs umsetzt, ist dann beim nächsten mal halt außen vor. Das Bild, das er für das beste gehalten hätte oder das er zusätzlich gemacht hat kommt eh nicht ins Blatt. Wer bestellt hat das Sagen. Da ist dann das Gruppenbild natürlich eine sichere Bank, ganz im Gegensatz zu Bildern, mit denen der Fotograf versucht eine Geschichte so zu erzählen wie er sie wahrgenommen hat. Beim Gruppenbild ist das Risiko, daß die eigene Wahrnehmung von der der Schreibers abweicht deutlich geringer.
Bildredakteure haben nurnoch wenige Tageszeitungen – daß die Bildauswahl oder die Vergabe der einzelnen Aufträge in den Händen der Fotografen liegt dürfte eine Seltenheit sein.Bildredakteure und Art Directoren, sind wichtig für Fotografen, weil sie deren Interessen in der Redaktion vertreten und auch selbst ein Interesse an guter Fotografie im Blatt haben. Nicht zuletzt zeugt das Fehlen oder Vorhandensein von Bildredakteuren von der Stellung die Fotografie bei einer Publikation einnimmt.
Ein Bild wie das ganz oben würden die meisten deutschen Tageszeitungen (jedenfalls außerhalb des Mantels) nicht drucken; und schon garnicht als Portrait eines Schwimmlehrers. Das nicht weil es schlecht wäre, sondern weil es die dort arbeitenden Fotografen garnicht erst fotografieren würden, weil sie gelernt haben, daß es ihnen nichts bringt soetwas zusätzlich zu machen und darum zu kämpfen sowas ins Blatt zu bekommen. Das kostet nur Zeit die für die meisten Fotografen, besonders jene die auf Anstrich arbeiten, nicht bezahlt wird. Nach den „Lokalzeitungsstandard“ fehlt dem Bild: der Rest des Schwimmlehrers, der Bürgermeister, eine Urkunden und ein Porzellanteller. So gesehen bin ich in einer sehr glücklichen Position, weil ich für Kunden arbeite, die solche Bilder verstehen und sich auch trauen sowas zu drucken.
In weiten Teilen des deutschen Blätterwaldes besteht der Sinn und Zwecke eines Fotos nicht darin, eine Geschichte aus Sicht des Fotografen zu zeigen. Bestenfalls hat das Bild die Geschichte des Schreibers zu illustrieren, das jedoch so leichtverdaulich wie möglich (man könnte auch sagen: „mit dem grafischen Holzhammer“). In den schlimmeren Fällen soll das Bild die Personen der Geschichte zeigen, das aber nicht etwa bei der Tätigkeit, um die es bei der Geschichte geht sondern möglichst in Reih und Glied nebeneinander stehend, damit möglichst viele Menschen in einem Bild Platz finden. Denn ein anderes Ziel von Bildern in Zeitungen ist möglichst vielen Menschen dazu verhelfen, sich oder jemanden den sie kennen in der Zeitung zu sehen. Außerdem kann man Bilder natürlich auch benutzen, um das alles ein wenig aufzulockern und den Platz voll zu bekommen. Schlimmstenfalls hat man Bilder in der Zeitung nur, „weil die anderen das auch machen“.

Zu behaupten, daß diese schlecht gestellten Gruppenportraits das geeignete Mittel sind den Lesern die Welt zu zeigen oder ihr Interesse für irgendwas zu wecken ( „Ist das ein achteckiger Porzellanteller den unser Bürgermeister da überreicht? Auf den letzten 1000 Bildern waren die Teller immer rund!“), wäre gewagt. Und ob man wirklich damit Leser gewinnt oder halten kann, indem man möglichst viele Leute in der Zeitung abdruckt oder ob man eher dafür sorgt, daß sich der Leser fragt, welchen Wert es denn nun für ihn hat, daß er jeden Tag zwei Bilder mit dem Bürgermeister ins Zeitungsrohr gesteckt bekommt, und er die Zeitung deswegen abbestellt, dürfte für die Zeitungen eine spannende Frage sein.
Auch bei anderen Themen verkommt das Bild in vielen Zeitungen zum reinen Beweis der Anwesenheit des Journalisten und des Umstandes, daß das Ereignis, so wie es der Text schildert, stattgefunden haben kann.

Es gibt eigentlich keinen Grund, warum man dem Leser nicht zutrauen sollte, mehr aus einem Bild herauslesen zu können, als die Gesichter zu den Namen die drunterstehen zu finden. Und um nochmal auf das Schwimmlehrerportrait zurückzukommen: Der Leser der bei dem Bild neben einem Artikel über den Schwimmlehrer nicht begreift, um wen es sich da handelt, ist eh verloren. Wenn es aber darum geht einen Leser auf einen Artikel neugierig zu machen, dann wird das mit einem Bild bei dem nicht alles offenkundig ist eher gelingen als bei einem austauschbaren Paßbild.
Vielleicht liegt der Grund für das fotografische Qualitätsproblem in vielen Tageszeitungen ja einfach darin, daß man es geschafft hat trotzdem zu überleben und nun meint, daß man deswegen überlebt hat und deswegen fröhlich weiter macht. Wenn es in der deutschen Tageszeitungslandschaft an etwas fehlt, dann am Glauben, daß man Leser dazugewinnen könnte, indem man seine Arbeit besser macht. Stattdessen verwechselt man Stagnation und langsamen Niedergang mit Kontinuität und Rationalisierung. Die Leser einer Zeitung werden immer halbwegs zufrieden mit einer Zeitung sein, sonst würden sie die Zeitung nicht lesen. Maßstab müsste eher jene sein, die eine Zeitung nicht oder nicht mehr lesen und davon sollte es genug geben.