Drauflegen? (Umsonst oder kostenlos? Teil 3)

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In Teil 2 klang es ja schon leicht an: Wer kostenlos arbeitet, dem kann es nicht nur passieren, daß er am Ende umsonst gearbeitet hat. Man kann auch drauflegen. Sogar dann, wenn man nicht kostenlos arbeitet.

„Ich mache bei jedem Auftrag 20 Euro Verlust, aber das hole ich über die Menge wieder rein, denn wegen meiner günstigen Preise bekomme ich viele Aufträge.“

Zitat von einer amerikanischen Website zum Thema

Viele Photographen machen sich die Welt im Kopf passend und sonnenbeschienen. Das Thema Betriebskosten wird gerne ausgeklammert oder man redet es sich schön. „Ich hab ja eine Digitalkamera, da kostet photographieren nicht mehr als das bißchen Strom um die Akkus zu laden.“ Und schwups erscheint jeder Euro der reinkommt als Gewinn.

Das ist aber Augenwischerei: Wenn man als Photograph Geld verdienen will – und da ist es egal, ob man sich beim Lokalblättchen am Wochenende was dazuverdienen will oder ob man in der Spitzengruppe als Modephotograph arbeiten will – fängt das Verdienen erst an, wenn man die Ausgaben, und zwar alle Ausgaben, wieder drin hat.

Als ersten Schritt muß man also seine gesamten Betriebskosten erkennen und verstehen. Und viele Photographen haben keinerlei Ahnung davon, was die eigenen Betriebskosten, die gesamten Betriebskosten oder was Betriebskosten an sich sind.

Ein tolles Werkzeug sich mal einen Überblick zu verschaffen ist der NPPA Cost of Doing Business (CDB) Calculator, der amerikanischen National Press Photographers Association. Das ist ein Tool, das berechnet, was man bei einer angegebenen Anzahl von Jobs pro Jahr durschnittlich pro  Job verdienen muß, um die durch das Tool erfaßten Betriebskosten wieder reinzubekommen und das gewünschte Jahreseinkommen zu erzielen.  Und man sollte sich bei den einzelnen Posten die Erläuterungen durchzulesen, die eingeblendet werden, wenn man auf das „i“ neben dem Posten klickt, und man sollte ehrlich sein, auch wenn einen das Ergebnis erschreckt. Man braucht schon ganz ordentliche Tageseinnahmen, um über die Runden zu kommen.

Nehmen wir zum Beispiel den Photographen aus Teil 2 der für ein Abdruckhonorar von 20 Euro pro Bild arbeitet  für eine Beispielrechnung, die bei weitem nicht so detailiert und durchdacht sein wird wie der NPPA Rechner:

Gehen wir mal davon aus, daß unser Photograph pro (Arbeits-)Tag 5 Themen für „Die Zeitung“ arbeitet und die zudem noch ein Archivbild von ihm benutzen. Das macht 120 Euro pro Tag.

Für den Einsteiger, Studenten oder den Semi-Profi mag das verlockend klingen, denn schon nach 7 Wochenenden hätte man z.B. eine EOS 50D mit einem brauchbaren Objektiv finanziert. Und wenn man das jede Woche 5 Tage machen würde käme man auf 2400 Euro Einnahmen im Monat. Wer mag da schon von drauflegen sprechen?

Dummerweise sind 2400 Euro Einnahmen was anderes als 2400 Euro Lohn oder Einkommen. Die Supermarktkassiererin kann ja Abends auch nicht die Tageseinnahmen mitnehmen, dafür muß sie aber auch nicht die Waren kaufen, den laden mieten und die Regale und die Kasse hat auch jemand anderes bezahlt.

Kommen wir mal zu den Betriebskosten eines Photographen:

Nehmen wir nur mal ein paar Fixkosten, als Beispiele: DSL-Internetzugang für zuhause 400 Euro pro Jahr, Handy mit UMTS Datenflatrate und UMTS-Karte 800 Euro, Computer anteilig für ein Jahr  600 Euro, Software anteilig für ein Jahr 600 Euro, Kameraausrüstung anteilig für ein Jahr 2000 Euro, Bürobedarf 100 Euro. Macht zusammen 4500 Euro.

Manch einer wird jetzt sagen, daß man über die Fixkosten diskutieren kann. Klar kann man das, man könnte sagen, daß es auch ohne UMTS und Handy geht. Das ist aber schwierig, denn zum einen wird heute von vielen Kunden erwartet, daß man das einfach hat und zum anderen fallen einem die am UMTS gesparten Kosten wieder auf die Füße, wenn man immerzu irgendwohin fahren muß, von wo man Bilder schicken kann.
Man könnte einwenden, daß 2000 Euro pro Jahr für die Kameraausrüstung viel zu hoch gegriffen sind. Aber: Wer professionell arbeiten will sollte schon 2 Kameragehäuse haben (wer meint er braucht das nicht, muß dann eben Geld weglegen um die 2 Wochen zu überbrücken, wenn die Kamera mal in der Werkstatt ist), die Standardausstattung sollte heute den KB-Brennweitenbereich von ca. 16-200mm umfassen, das aber möglichst so lichtstark, daß man das auch sinnvoll nutzen kann. Kann man das nicht, kann man manche Jobs nicht annehmen und das Einkommen sinkt. Rechnen wir also mal mit:

2x EOS 50D mit Hochformatgriffen…………..2400 Euro

1x Canon EF-S 10-22……………………………..650 Euro

1x Canon EF-S 2, 8  17-55 IS …………………..800 Euro

1x Canon EF 4,0 70-200 IS…………………….950 Euro

2x Canon Speedlite 580EX II…………………..800 Euro

1x Tasche z.B. Domke J2…………………………….300 Euro

Speicherkarten, Akkus, Ladegeräte
Kleinteile etc. …………………………………….500 Euro
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6400 Euro

Dann darf jetzt bei den angesetzten 2000 Euro pro Jahr, frühestens nach 3,5 Jahren etwas kaputt gehen oder Bedarf für etwas zusätzliches aufkommen, sonst sind die 2000 Euro noch viel zu bescheiden angesetzt.

Aber wer nun sagt,  daß er den Computer und DSL Anschluß ja auch schon hat um privat im Internet zu surfen und er die Kameras schon längst bezahlt hatte bevor er den ersten Job angenommen hatte, der hat eigentlich schon erkannt, daß er seine Photo-Jobs (und damit schlußendlich auch den vermeintlichen „Kunden“) irgendwie selbst subventioniert.

Neben den Fixkosten enthalten die Betriebskosten aber noch einen variablen Anteil von Kosten die mit jedem Job entstehen und deren Höhe von der Art des Jobs abhängt. Es macht einen Unterschied ob man an 200 Tagen für 120 Euro Anstrichhonorar arbeitet und pro Tag 5 Geschichten fotografiert oder ob man an 60 Tage für 400 Euro arbeitet und dabei je eine Geschichte fotografiert und der Kunde auch noch die Spesen bezahlt. Im letzteren Fall zahlt der Kunde für jeden gefahrenen Kilometer 30 Cent und kommt somit für die Kosten auf. Im ersten Fall fährt der Photograph täglich zu 5 Terminen und diese Kosten bleiben an ihm hängen. Grob überschlagen sind 20km pro Termin nicht viel. Macht also

20km x 5 Termine pro Tag x 200 Tage x 0,30 € = 6000 €

Auch berücksichtigen muß man, daß einer der Beispiel-Photographen 140 Tage mehr arbeiten war als der andere und 1000 statt 60 Termine fotografiert hat, was dazu führt, daß seine Ausrüstung mehr leidet und er weniger Zeit hat um z.B. freie Arbeiten zu machen, die sich ja wiederum verkaufen ließen:

Im oberen Beispiel kommen beide Photographen auf

24.000 Euro

Abzüglich der oben genannten Fixkosten und der Fahrtkosten bleiben dem einen dann 1125,- Euro im Monat und dem der 140 Tage weniger gearbeitet hat bleiben 1625 Euro im Monat.

Wenn jetzt beide Photographen zwei Tage pro Monat mehr arbeiten, dann hat der eine 1305,-  und der andere 2425,- Euro. Wobei es für den einen viel wahrscheinlicher ist, daß er einen zusätzlichen Job annehmen kann, weil er ja nur an 60 statt 200 Tagen ausgebucht ist. Wer 60 Geschichten mit Muße fotografiert und nebenbei noch eigene Geschichten machen kann, der wird am Ende sicher mit besseren Bildern dastehen als jemand der Tag ein Tag aus von einem Termin zum anderen hetzt; so gesehen hat der Photograph da noch den Vorteil, daß er ein wesentlich besseres Portfolio entwickelt und damit einen weiteren Vorteil erwirbt, wenn es um andere oder bessere Jobs geht.

Nach dem Kassensturz ist der Job unseres Beispiel-Photographen der für 20 Euro auf Anstrichbasis arbeitet also alles andere als ein Hauptgewinn. Und um ehrlich zu ein fehlen in dieser Rechnung der Einfachheit halber einige Posten (wie Strom, Kameraversicherung etc.) und sechs Bilder pro Tag im Blatt zu haben ist auch schon eine stolze Leistung. Einfach mal die örtliche Lokalzeitung zu Hand nehmen und schauen wieviele Bilder die Fotografen da so pro Tag im Blatt haben.

Photographie ist ein teueres Hobby und die Honorare der Berufsfotografen erscheinen (vergleichen mit den Stundenlöhnen von Arbeitern und Angestellten) als leicht verdientes Geld und so liegt der Gedanke nahe sich mit dem teuren Hobby einen Teil der Kosten zu refinanzieren und sich so mehr leisten zu können. Solange das keine Schwarzarbeit ist, sei das auch jedem gegönnt. Wer aber für 100 Euro pro Auftrag Hochzeiten fotografiert kann, wenn er Pech hat feststellen, daß er sich nach 2 Jahren mit je einer Hochzeit pro Monat nicht mehr erarbeitet hat als die Kamera die er dabei verschlissen oder fallen gelassen hat. Wenn er diesen Text verstanden hat wird er einsehen müssen, daß er obendrein noch die Fahrtkosten und alle anderen Unkosten draufgelegt hat.

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5 Antworten auf „Drauflegen? (Umsonst oder kostenlos? Teil 3)

  1. Pingback: realfragment
  2. Wieviele Tagessätze à ±350 Euronen bekommt ein durchschnittlicher Freelancer in der Woche? Drei?
    Wieviel Prozent des Honorars kann er später noch durch Zweitverwertung dazuverdienen? 10 Prozent? 25 Prozent?

    Ergibt, wenn alles gut geht 30-40.000 Euronen BRUTTO Im Jahr.
    Je nach individueller Fähigkeit wirtschaftlich zu handeln, gehen davon 40-60% Betriebsausgaben weg.
    Nicht zu vergessen: Krankenversicherung, Altersvorsorge und zum guten Schluss noch die Einkommenssteuer!

    Und – auch Fotografinnen und Fotografen haben Familie, müssen zumindest ihren Anteil am Familieneinkommen dazuverdienen.

    Wer also das Bundesdeutsche Durchschnittseinkommen (vor Steuern!) von ca. 29.000 Euro erreichen will, muss sich ganz schön nach der Decke strecken.

    Die Süddeutsche Zeitung schreibt:
    „Ein freiberuflicher Werbefotograf kommt im Schnitt auf brutto 1.400 Euro monatlich.
    Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren in Folge der Medienkrise verschlechtert.
    Für ein abgedrucktes Foto in einer größeren Tageszeitung bekommt ein freier Fotograf etwa 70 Euro (die Süddeutsche selbst bezahlt weniger!), Zeitschriften zahlen meist besser.“

    1. Ja, wenn jemand heute seinen Lebensunterhalt mit Photographie bestreitet verdient das prinzipiell Anerkennung, denn einfach ist das nicht. Vor allem die Phase bis man davon leben kann ist hart. Was natürlich nicht heißt, daß man es gut finden muß, wenn sich jemand wund arbeitet, weil er sich dummerweise ausbeuten läßt und er dabei auch noch die Preise für die anderen versaut.

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