Piraten vs. Photographen

Heute hatte ich das Vergnügen einen Auftritt von 5 Bundestagskandidaten in einem Gymnasium erleben zu dürfen.

Reden wir besser nicht vom ersten Teil der Diskussion in der die amtierenden und angehenden Volksvertreter sich zum Afghanistaneinsatz der Bundeswehr äußerten. Höhepunkt war, als einer, ich glaube der von der Linken, den Schülerinnen und Schülern mal etwas von der „Hagener Konvention“ erzählte. Tolle Werbung für die Stadt Hagen oder ein Armutszeugnis für jemanden der sich aufschwingt als Politiker anderen zu erklären wie die Welt funktioniert und der das mit der Haager Landkriegsordnung selbst nicht so recht verstanden hat.

Als nächsten Punkt hatte man sich das publikumswirksame Thema Urheberrecht ausgesucht. Wohl in der Hoffnung, daß Jugendliche alle im Internet Musik runterladen und dabei nicht kriminalisiert werden wollen. Da sollte man doch punkten können.

Und in der Folge kamen dann gute 30 Minuten die einem Urheber die Nackenhaare zu Berge stehen lassen. Den Höhepunkt bei diesem Treiben bildeten die Äußerungen des Kandidaten der Piratenpartei, der sich eigentlich für kaum eine Position zu blöd war. Vom Klassiker „Wenn ich etwas aus dem Internet runterlade, dann mache ich eine Kopie und das Original ist nicht weg also ist kein Schaden entstanden“. Bis hin zu so tollen Vorschlägen wie der Idee, daß Urheber ihr Geld gefälligst ausschließlich mit Konzerten verdienen sollen für die ihre Werke ansonsten nur kostenlos verteilte Werbung sein sollen.

Na, herzlichen Dank! Da hat ja jemand alle Arten des geistigen Eigentums voll und ganz verstanden und beweist eine beeindruckende Kompetenz.

Urheberschaft gibt es scheinbar nur bei Musik, Filmen und Software.

Nur zu gerne hätte ich da auch mal ein paar Fragen gestellt, die die Veranstaltung aber sicher gesprengt hätten:

– Wie veranstalte ich als Fotograf, Illustrator oder Schreiber Konzerte die meinen Lebensunterhalt decken?

– Was muß ich als Fotograf zukünftig jemandem zahlen, wenn er mit meinen Fotos auf seiner Website Werbung für meine Konzerte macht?

– Ist Schwarzfahren auch ok; jedenfalls solange ich die U-Bahn nicht mitnehme?

– Ist mir wirklich kein Schaden entstanden nur weil ich die Datei noch habe, wenn mein Portrait einer jungen blonden Frau deutschlandweit auf Nazi-Wahlplakaten zu sehen war und deswegen kein Kunde mehr mit dem Gesicht Werbung für irgendein Produkt machen will, das Bild also unverkäuflich geworden ist?

– Wird sich die Konzertkarten noch jemand leisten können, denn die Kosten für die Produktion der Alben einer Band müssen ja irgendwo herkommen?

– Fordert die Piratenpartei auch daß Pornofilme kostenlos abgegeben werden und wie sehen da die Konzerte aus?

– Wo kommen die ganzen Theater her in denen Filmschauspieler auftreten um den Werbeeffekt ihrer Filme in Geld umzusetzen? Was kosten da die Karten um millionenteuere Filme zu refinanzieren?

– Wenn die Piratenpartei den Schülern in Aussicht stellt, daß Urheberrechtsverletzungen kein Thema sein sollen und im Internet juristisch alles nicht so eng zu sehen ist, was sagt die Piratenpartei denn dann wenn jemand den Schülern bei ebay, was verkauft, das Geld nimmt und keine Ware schickt?

Der große Verlierer der Diskussion war übrigens der Schüler, der später gerne Filme machen würde und sich irgendwie nicht vorstellen konnte wie er davon leben können sollte.

Dem hat man dann was von irgendeiner Kulturflatrate erzählt.

Ich soll jetzt also glauben, daß alle die heute schon (durchaus nachvollziehbar) wegen der GEZ-Pflicht von Computern auf die Barrikaden gehen in Zukunft heiß drauf sind eine Abgabe auf alle Internetanschlüsse zu entrichten, die dann an die Urheber geht?

Mal abgesehen davon, daß so eine Kulturflatrate nichts anderes ist, als der Versuch derer, die für die Werke von Urhebern nicht bezahlen wollen, die Kosten für diese Werke auf die Allgemeinheit umzulegen (man stelle sich nur eine Benzinflatrate vor, bei der die Fahrrad- und 3L Lupo-Fahrer helfen den Durst der SUVs zu stillen), kann das nur funktionieren, wenn es sich dabei um einen lächerlichen Feigenblattbetrag handelt, von dem am Ende praktisch nichts bei den Urhebern ankommt. Ein Almosen, das eher ein Hohn als ein Honorar ist.

Wie sollten denn die Ausschüttung solcher Gelder geregelt werden, die Frage, was die Verwaltung einer solchen Abgabe verschlingt, mal außen vor?

Bekomme ich für 100 unterbelichtete Fotos in 10 Sekunden mit 10B/s gemacht genausoviel wie jemand der 100 aufwändige Portraits an 100 Arbeitstagen fotografiert hat? Um das fair zu regeln müßte man ja irgendwie messen, was wie oft runtergeladen wurde oder soll jemand der ein völlig mißlungenes Foto produziert genausoviel bekomme, wie jemand der den Sommerhit des jeweiligen Jahres produziert hat? Jetzt kann ich mir nicht vorstellen, daß diejenigen die sich eine Kulturflatrate wünschen eine solche Erfassung der Nutzung haben wollen. Da würde das Lieblingsfeindbild der Piratenpartei ja lachend aus dem Rollstuhl kippen.

Ergänzung:

Was mir heute beim Nachdenken noch besonders sauer aufgestoßen ist, ist daß da auch tatsächlich das Argument kam, daß man mit all diesen Plänen zur Abschaffung des geistigen Eigentums junge Talente fördern und Ihnen somit eine Chance geben würde. Das ist etwas, daß Fotografen zur Genüge kennen: Leute die etwas für lau abgreifen wollen und dabei noch mäzenatenhaft tun, weil sie sich herablassen den Namen des Fotografen an das Bild zu schreiben, was schließlich eine tolle Werbung ist.

Soll man doch einfach sagen: wir finden die Idee des geistigen Eigentums scheiße, wollen dafür nix bezahlen und was aus denen die sowas herstellen wird ist uns auch egal. Das wäre wenigstens ehrlich.  Aber bitte nicht so tun, als würde man den Urhebern damit noch helfen.

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9 thoughts on “Piraten vs. Photographen

  1. Wenn man als Fotograf einen Auftrag hat wird man ja wohl auch dafür bezahlt, ohne jetzt irgendwelche Urheberrechten nachlaufen zu müssen.

    Urheberrechte für den Privaten Gebrauch sind IMHO überholt.

    1. Und was soll mir das sagen? Dass Deine Meinung geltendes Recht aushebelt? Oder, daß wenn einer sich was hat machen lassen alle es umsonst nutzen dürfen?

    2. Hast Du es geschafft den Text durchzulesen und zu verstehen?
      1. Tip: Es gibt nicht nur Auftragsarbeiten
      2. auch die private Nutzung richtet Schäden an. Das Beispiel mit der blonden Frau hat er schon gebracht. Tausch die NPD Als Partei gegen die Webseite eines einzelnen Neonazis aus. Auch das reichtschon um genug Schaden zu verursachen.
      3. Die Kunst ist durch das Grundgesetz (und sogar die Menschenrechte) besonders geschützt. Zu diesem Schutz gehört auch die freie Entscheidung, was mit seinen Werken geschieht.

  2. Ich finde deine Ausführungen und Kritiken recht gut, auch wenn die Beispiele nicht 1:1 zutreffend sind, aber sie bebildern grundsätzlich den Zustand. Nur weil Internet digital ist, ist das keine andere Welt und deswegen müssen keine anderen Regeln oder Gesetze gelten. Ganz im Gegenteil, aufgrund der digitalen Welt und Möglichkeit, alles schnellstens verbreiten und kopieren zu können, müssen noch mehr Regelungen und vor allem Kontrollen her, die eben genau das unterbinden, warum es einigen Branchen nicht mehr so gut geht, warum viele Leute u.a. auch ihren Job verloren haben und warum die Volkswirtschaft nicht mehr so stark ist. Ja, es gibt noch 1000 andere Gründe, aber hier müssen schon gewisse Regelungen her. Das Internet ist kein luftleerer und gesetzesleerer Raum. Hier ist alles noch viel komplizierter.

  3. He, das ist richtig klasse geschrieben, witzig und richtig. Inhaltlich gebe ich Dir absolut recht, ich befürchte nur, dass die Geiz-ist-geil-Mentalität auf gute Argumente keine Rücksicht nimmt.

  4. ….die Piratenpartei hat tatsächlich eine Jugendorganisation. Einen der Jugendkandidaten hab dann für eine große Zeitung fotografiert. Der junge Mann wollte doch wirklich von mir die Fotos – als er sie auf dem Display gesehen hat.

    ….der kriegt die nichtmal für Geld.

  5. Ich kann verstehen, dass man als Urheber, der von dem gewinnbringenden Einsatz seiner Werke abhängig ist, von dieser ganzen Idee erst mal abgeschreckt ist (ich bin selbst Fotografin).
    Man sollte aber nicht gleich alles verwerfen, weil ein Mitglied der Piratenpartei, oder vllt. auch die Piratenpartei an sich, nicht in der Lage war, klarzumachen, was genau da eigentlich anvisiert wird und mit welchen Methoden man da hin kommen kann. Die Kulturflatrate ist EIN Modell, das selbstverständlich noch ausgearbeitet werden muss. Es gibt auch noch andere Modelle, über die man immerhin mal nachdenken kann. Das bedingungslose Grundeinkommen zählt für mich z.B. auch dazu; es ist mindestens ein Modell, aus dem sich, mit einem neuen Vergütungssystem kombiniert, etwas sinnvolles machen ließe.
    Das Thema ist sehr komplex und lässt sich nicht mal eben in ein paar Sätzen abhandeln. Falls du dich eines Tages doch mal der Sache aufgeschlossen fühlst, empfehle ich z.B. den Abschlussbericht zur 3. Initiative „Urheberrecht für die Informationsgesellschaft“: http://collaboratory.de/reports/initiative_3#9 . Da werden verschiedene Szenarien vorgestellt und durchgespielt. Interessante Texte gibt es auch bei dem Portail http://www.irights.info , auch ganz allgemein zu Internet und Urheberrecht usw.
    Achja: Das Urheberpersönlichkeitsrecht (wegen deinem Nazi-Argument) ist im aktuell geltenden Urheberrecht eng mit dem Verwertungsrecht verbunden, es sind aber zwei verschiedene Dinge. Das Urheberpersönlichkeitsrecht steht nirgendwo zur Debatte, das soll natürlich beibehalten werden, es muss dann nur anders „sichergestellt“ werden.

    1. Besten Dank, aber ich will nicht per Grundeinkommen zum „Sozialhilfeempfänger deluxe“ mutieren, ich möchte gerne weiter für meine Arbeit und gemessen an der Qualität meiner Arbeit entlohnt werden!

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