Leica M9 – Eine Sucherkamera braucht halt einen Sucher

Mit der Olympus EP-1 bin ich nicht glücklich geworden und bei Olympus hat man scheinbar auch erkannt, daß eine Sucherkamera ohne Sucher irgendwie nicht so das Ende der Weisheit darstellt und deswegen wird es ab Anfang nächsten Jahres eine EP-2 geben bei der man einen elektronischen Sucher aufstecken kann (selbiges bietet auch die Panasonic GF-1, die ebenfalls den MicroFourThirds-Standard nutzt).

Ob es Spaß machen wird mit diesem elektronischen Sucher scharf zu stellen und wie gut das gehen wird, wird man sehen, in jedem Fall macht er die Kamera nicht unbedingt kompakter. Aber wer Zoomobjektive will, wie sie zu den MFT-Kameras angeboten werden, wird um einen elektronischen Sucher kaum herumkommen.

Für mich ging der Weg deswegen zurück zur Meßsucherkamera (meiner M6TTL hatte ich auch lange genug nachgetrauert). Meßsucherkameras sind nicht jedermanns Sache, ob man damit klar kommt muß jeder für sich selbst entscheiden. Dem ganzen aber mal eine Chance zu geben und sowas mal auszuprobieren ist sicher kein Fehler. Meßsucherkameras, gerade wenn Leica draufsteht und sie teuer sind, gehören zu den Dingen in der Fotografie zu denen viele eine Meinung haben; auch gerne ohne sowas überhaupt mal benutzt zu haben. Gleichzeitig sind Meßsucherkameras der Kameratyp, bei dem einem fremde Meinungen am wenigsten helfen. Manche Dinge muß man einfach selbst ausprobieren.

Nach einem kurzen Leica M8-Gastspiel* tut jetzt hier seit ein paar Wochen eine M9 ihre Pflicht und Schludigkeit; und das macht sie richtig gut. Schon die M8 war eine Offenbahrung, aber kaum daß sie da war, war leider schon das Ende ihres Gastspiels absehbar, deswegen hab ich es mir geschenkt etwas dazu zu schreiben, aber viele Dinge die an der M9 toll sind, sind an der M8 schlicht identisch und machen die M8 momentan auch zu einer tollen Gebrauchtkamera. Auch wenn man an jeder Ecke jemanden findet, der einem erklärt, daß die M8 praktisch unbrauchbar sei – Leute die damit fotografieren sehen das anders.

Die M9 ist eine „richtige Kamera“, wenn man die Blende verstellen will, dreht man am Blendenring, wenn man scharfstellen will am Fokussierring und wenn man die Belichtungszeiten verstellen will, dann dreht man am Zeitwahlrad, alles wie bei einer analogen M6. Das ist so dermaßen intuitiv, daß einem Kameras wie eine E-P1 vorkommen wie ein Zauberwürfel. Es ist einfach eine Freude wieder mit einer M-Leica arbeiten zu können, weil es so ist als hätte man wieder eine gute alte Kamera in der Hand. Das ist ein wenig so wie der haptische Unterschied zwischen eine Nikon FM2 und einer D90, das optisch, mechanischen Erlebnis der Fotografie gewinnt wieder über all die elektronischen Aspekte. Natürlich braucht die M9 wie jede Digitalkamera auch ein paar Knöpfe für den digitalen Teil und ein Display auf dem Rücken, hat Menues und eine Speicherkarte, aber auch das ist alles überaus einfach und elegant gelöst, daß man oft schlicht verwundert ist, daß an der Kamera nichts fehlt.

Der Engländer sagt zum Sucher „Finder“ und der Unterschied zwischen einem Sucher einer Sucherkamera wie einer Canon G9 und dem Sucher der Leica M9 ist eigentlich ganz gut beschrieben, wenn man den einen Sucher und den anderen „Finder“ nennt. Der entscheidende Vorteil einer Meßsucherkamera gegenüber einer Sucherkamera ist schlicht und einfach, daß man wirklich sieht wo man fokussiert und das mit einer Präzision die es ermöglicht auch wirklich lichtstarke Objektive bei Offenblende zu benutzen. Die Leica Objektive sind auch bei Offenblende schon gestochen scharf, aber das wäre völlig nutzlos, wenn die Kamera es nicht ermöglicht die präzise Schärfe da hinzulegen wo man sie haben will.

Das war einer der Punkte die an der Olympus EP-1 ärgerlich waren, denn der eingebaute AF hat schon beim 2,8 17er (entspricht einem 35er an KB) bei Offenblende gerne mal daneben gelegen und auch mit der manuellen Fokussierung (über das Display) war das nicht besser zu schaffen (auf das Paar im Hintergrund zu fokussieren wie beim ersten Bild war ein Albtraum), mal abgesehen davon, daß das nicht wirklich schnell geht. Ob man mit einem 1,4er Objektiv da glücklich wird man sehen müssen. Ein gescheiter Sucher war früher etwas ganz normales und sogar Meßsucher waren in Kameras wie der Minolta Hi-Matic zu finden.

Manuelles Fokussieren mit der M9 geht mit ein wenig Übung schneller und präziser als mit dem AF einer Sucherkamera.

Und die Schärfe liegt dann auch genau da, wo man sie haben will. Denn das Meßfeld einer Meßsucherkamera zeigt genau, was innerhalb des Meßfeldes scharf wird, das AF-Meßfeld einer AF-Sucherkamera stellt auf irgendwas innerhalb des Meßfeldes scharf, was genau das ist, ist das Geheimnis des AF-Systems, denn im Gegensatz zur Spiegelreflex und Meßsucherkamera gibt es bei der AF-Sucherkamera keine optische Kontrolle der Schärfe im Sucher (elektronische Sucher mal ausgenommen, aber die haben die gleichen Probleme wie die Displays auf der Rückwand).

ausschnitt002

Wenn es dann noch ein gutes Objektiv ist, dann ist die Schärfenebene auch am Rand so scharf wie in der Mitte.

Abgesehen davon, daß die Optiken, die Leica für das M-System baut, zum besten gehören, was man für Geld kaufen kann, sind die Dateien die aus der M9 (oder auch der M8) kommen wegen des nicht vorhandenen AA-Filters vor dem Chip im Vergleich zu anderen Kameras, wie der EOS 5DII, ungeheuer scharf.

Beim Thema Rauschen kann die M9 gegenüber der M8 punkten, aber nicht mit Kameras wie der 5DII oder der Nikon D3 mithalten. Das ist ein tolles Thema für Leute die sich stundenlang damit beschäftigen können Bilder bei 100% zu betrachten, die noch nie einen 800ASA CN-Film gesehen haben und die das Bild nicht sehen, weil sie an den technischen Aspekten des Fotos hängen bleiben.

Die Praxis ist eine andere Geschichte: Meine Canon DSLRs benutze ich in der Regel bis 800ASA, wenn es sein muß auch mal bis 1600ASA. 3200ASA ginge zur Not auch, allein ich brauche es vielleicht alle 6 Monate einmal. Die M9 ist bei 800ASA unkritisch und bei 1600ASA noch keine Katastrophe, dazu kommt der Vorteil der lichtstarken Objektive und der genaueren Fokussierung, was schnell nochmal 1-2 Blendenstufen bringt. Wo ich mit der Canon bei 800 ASA liege, reichen mir bei der M9 meist schon 400ASA. So gesehen ist Rauschen nichts wovor man bei der M9 sonderlich Angst haben müßte.

Was die Bildqualität betrifft braucht sich die M9 vor Spiegelreflexkameras nicht zu verstecken. Und auch sonst kann sie punkten, denn eine M9 mit 2-3 Objektiven kann man locker in den Jackentaschen unterbringen (ein Leica M 1,4 35er ist ein Winzling im Vergleich zu einem Canon EF 1,4 35L) das macht das Leben im wahrsten Sinne des Wortes leichter, denn eine DSLR mit 2-3 Objektiven den ganzen Tag zu schleppen kann ganz schön in die Knochen gehen. Dazu kommt, daß die Leica leiser und weit weniger auffällig ist als eine DSLR.

Kurz: Die M9 ist eine digitale M6 mit besseren Filmen als man sie zur M6 kaufen konnte.

Auf der negativen Seite stehen ein paar Kleinigkeiten, wie z.B. der Umstand, daß die Kamera Ewigkeiten (im Vergleich) braucht, um eine Speicherkarte zu formatieren, was sich sicher per Firmware-Update lösen läßt und ich hätte die Kamera lieber schwarz verchromt statt lackiert gekauft. Und einen mechanischen Aufzugshebel hätte ich auch lieber als den elektrischen Aufzug. Aber relevant ist das alles kaum.

* Die M8 ist mit der aktuellen Firmware und einem IR-Filter vor dem 6-bit codierten Objektiv eine wirklich tolle Kamera und wenn man sie nicht mit einer M9 zusammen benutzt, kann man damit sehr sehr glücklich werden. Aber eine Kamera die IR-Filter braucht und eine Kamera die ohne auskommt zusammen zu benutzen ist einfach eine anstrengende Kombination.

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7 thoughts on “Leica M9 – Eine Sucherkamera braucht halt einen Sucher

  1. Danke für den nüchternen und sachlichen Bericht aus der Praxis. Irgendwie habe ich Blut geleckt.

    Mit meiner derzeitigen G10 bin ich seit 1 Jahr auch sehr glücklich unterwegs, habe inzwischen 23tsd Fotos mit sehr viel Freude geschossen und gehe inzwischen mit ihr schlafen (Spaß!!!). Und das, obwohl man damit wegen der achsovielen Pixel und des wahnsinnigen Rauschens eigentlich keine Bilder produzieren kann. So eine M9, wie von Dir beschrieben, sie könnte mir auch gefallen.

    1. Hallo!
      Natürlich kann man mit der Canon G10 fotografieren (ich benutze selbst eine G9), es gibt da ja diesen Bericht von M.Reichmann, daß es nur schwer möglich ist einen Print mittlerer Größe aus G10 und Mittelformatrückteil zu unterscheiden. Das natürlich nur, solange man in dem Bereich bleibt in dem eine solche Kamera nicht an ihre Grenzen stößt, wobei die Grenzen natürlich auch von den Anforderungen des Fotografen an das Ergebnis definiert werden. Jede Kamera ist ja nur ein Kompromiß und jede Kaufentscheidung für oder gegen eine Kamera ist auch ein Kompromiß, es sei denn man läßt sich die Kamera maßschneidern.

      Ich habe nur manchmal den Eindruck, daß die BWLer und Marketingexperten bei den Kameraherstellern verkennen, auf was Fotografen bei Kameras verzichten können und auf was nicht. Und so hat man den Eindruck, daß „möglichst viel von allem“ der Kompromiß ist, denn man von Seiten der Kamerahersteller anstrebt. Die wirklich guten Klassiker der Kamerageschichte waren aber eher Kameras die eine bestimmte Sache sehr gut konnten.

  2. …endlich mal ein paar brauchbare Infos zu der Kamera im Netz. Nicht nur Lobhundelei. Wie reagiert die Kamera bei Mischlicht? Roten und Blauen Licht bei den Konzerten? Sind die JPGs direkt verwendbar, oder sollte man lieber im RAW fotografieren?

    …mußt Du mir alles erzählen, wenn wir uns das nächste mal sehen!

    Liebe Grüsse

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