Können Fotos guter Journalismus sein?

Hajo Schumacher kennen viele sicher als „Achim Achilles“, denn unter diesem Pseudonym schreibt er Laufsportkolumnen bei Spiegel-online. Er schreibt aber auch für das Onlinemagazin V.i.S.d.P. Und ebenda ereifert er sich in der aktuellen Ausgabe über die Medienvertreter in Haiti, die statt zu helfen lieber schreiben, filmen oder fotografieren. Nein, garnicht wahr: Er beklagt sich nur über die Fotografen.

Ob Berichterstattung bei Katastrophen die Rettungsarbeiten stört und damit den Opfern schadet oder ob es den Menschen hilft, weil erst die Berichte zum notwendigen Spendenaufkommen führen,  ist eine wichtige Frage. Und sicher eine die polarisiert. Und natürlich eine, die sich so pauschal garnicht beantworten läßt, denn im Endeffekt ist das ja immer auch vom Verhalten des einzelnen Journalisten abhängig. Und natürlich gibt es jede Menge Journalisten die sich in solchen Situationen daneben benehmen und solche die das auch tun, um Geld zu verdienen oder beruflich weiter zu kommen. Was in der Diskussion wenig hilfreich ist, sind aber Beiträge wie die von Hajo Schumacher, und das aus mehreren Gründen.

Schumacher (als schreibender Journalist) sieht das Problem überhaupt nur bei Fotografen (und in einer Nebenbemerkung bei „Kameraleuten“), denn die sind alle geil auf die sensationellen Bilder und fotografieren immer nur dann, wenn sie eigentlich die Kamera beiseite legen und helfen müßten.

Das ist in mancher Hinsicht diskussionswürdig:

Die größte Kritik die man an Journalisten in Krisengebieten haben kann ist, daß sie Transportkapazitäten ins und aus dem Krisengebiet, Resourcen vor Ort (Essen, Trinkwasser, Strom, Transportmittel, Kommunikation…) belegen, die man für zusätzliche Retter verwenden könnte und durch ihre Anwesenheit die Rettungsarbeiten behindern. Das führt aber zur  fundamentalen Frage, ob Berichterstattung ganz unterbleiben soll. Dem würden die meisten Hilfsorganisationen und die Menschen vor Ort widersprechen, denn Berichterstattung sorgt für Spenden, denn wer nichts vom Leid der Menschen im Katastrophengebiet weiß, der spendet nicht. Auf der anderen Seite sichert Berichterstattung aber auch, daß Hilfe ankommt und die Öffentlichkeit erfährt, wenn Hilfe an den Bedürfnissen vor Ort vorbeigeht. Somit dient Berichterstattung auch der Kontrolle der Hilfsorganisationen. Wer das für abwegig und bösartig hält, weil seiner Meinung nach alle Helfer altruistische Helden sind, denen man nichts böses unterstellen sollte, der soll sich mal die Berichte zu den Auftritten der Helfer der Scientology Church anschauen, die im Moment in Haiti per Handauflegen abgetrennte Nervenverbindungen wiederherstellen. Da staunt der Neurochirurg!

Wenn man nun aber Berichterstattung generell zuläßt, dann kommt man zu dem Punkt in Schumachers Kritik, daß die Kollegen da nicht im rechten Moment die Kamera beiseite legen und helfen. Schumacher versucht den Eindruck zu erwecken, daß die Fotografen in Haiti „angesichts hundertausendfachen Sterbens“ nicht geholfen hätten. Das ist zynisch und dumm, denn wir sprechen hier von einem Erdbeben, also einem Ereignis bei dem innerhalb weniger Minuten tausende Menschen in einstürzenden Gebäuden sterben. Die Berichterstattung beginnt erst danach. Es ist also mitnichten so, daß da Fotografen hunderttausende Menschen einfach sterben ließen. Wer das nicht glaubt, der soll sich mal fragen, warum die internationalen Helfer vor Ort mühsam in Trümmern nach Menschen suchen, und auch einzelne gerettete Verschüttete feiern, statt die hunderttausenden Sterbenden in den Straßen zu retten.

Aber einen Verschütteten nach einem Erdbeben zieht man nicht mal so eben mit einer „helfenden Hand“ aus den Trümmern, wie sich Schumacher das reichlich naiv vorstellt. Das geht selbst für professionelle Helfer oft nur mit schwerem Bergungsgerät und oft genug nur nach Notamputationen. Und nur ein völlig naiver Laie kann so tun, als würde jemand der Stunden oder Tage verschüttet war, dann einfach „Danke“ sagen und dann fröhlich seines Weges gehen oder gleich fleißig selbst die „helfende Hand“ in die Trümmer strecken. Das ist nichts, was der nette Fotograf von nebenan mal so eben leistet und auch Hajo Schumacher würde da nichts reißen, auch wenn es verständlich ist, daß manch einer sich angesichts des Ausmaßes einer Katastrophe in Allmachtsphantasien flüchtet.

Dazu kommt, daß die Berichterstattung aus Krisengebieten meistens an Orten erfolgt, an denen schon professionelle Helfer vor Ort sind. Da ist kein Eingreifen durch Journalisten nötig oder erwünscht, weil das keine wirkliche Hilfe wäre, sondern eher ein symbolischer, sinnloser Akt. Für sinnlose Gutmenschensymbolik ist aber bei solchen Ereignissen kein Platz! Bei einem Brand oder einer Überflutung in Deutschland würde auch niemand erwarten, daß Presseverterter je einen Sandsack oder eine Flasche Wasser mitbringen.

Und es ist natürlich auch reichlich vermessen/scheinheilig anhand eines Fotos beurteilen zu wollen ob jemand vor oder nach der Aufnahme geholfen hat, ob er überhaupt helfen mußte (mal ganz abgesehen von konnte) oder ob außerhalb des Bildes 100 Mann von einer Hilforganisation zugange sind.

Wie sollte eine Katastrophenberichterstattung aussehen, die Schumacher gutheißen könnte? Opfer werden erst fotografiert, wenn sie vom Fotografen persönlich gerettet, verarztet, geduscht und frisch angezogen sind? Ist das noch eine objektive Berichterstattung oder sind das alles gestellte Fotos? Und kann man damit noch wirklich zeigen, was da vor Ort passiert oder konstruiert man ein spendenminderndes Idyll?

Was Schumacher, wie schon erwähnt, ausläßt ist der Umstand, daß da in Haiti ja nicht nur Fotografen (Kameramänner) unterwegs sind. Aber bei denen die schreiben, Ton für Fernsehsendungen machen, die als Techniker oder redaktionell an Fernsehbeiträgen arbeiten, bei denen scheint sich die Frage, ob sie helfen sollten, ob sie fehl am Platze sind garnicht zu stellen. Der Fotograf kann einen Moment nur im Moment festhalten, der schreibende Journalist kann auch seinen  Block weglegen und es nachher aus der Erinnerung aufschreiben.

Schumacher mag Recht haben, wenn er sagt, daß es in Haiti derzeit nicht an Bildmaterial mangelt, sondern an Helfern. Aber es fehlt eben an Helfern und Hilfsgütern! Und so wie sich ein Fotograf nicht in einen Reissack und eine Palette Wasserflaschen verwandeln läßt, so verwandelt er sich auch nicht in einen Notarzt, wenn man ihm die Kamera wegnimmt und stattdessen ein Stethoskop um den Hals hängt.

Genauso abwegig ist es, zu glauben, daß automatisch mehr Ärzte kommen, wenn man nur weniger oder keine Journalisten reinläßt.

Wenn Schumacher also im ersten Satz die Wirkung der Bilder auf ihn selbst beschreibt und bei ihm dabei der Wunsch aufkommt, daß der Fotograf ihn nicht damit belästigen soll, ja er gefälligst den abgebildeten Umstand selbst beheben soll, dann zeigt das zumindestens, daß die Bilder das Grauen der Situation in Haiti transportieren. Auch wenn nicht alle die richtigen Schlußfolgerungen daraus ziehen.

Das alles wird nicht besser, wenn man Fotografen abschätzig als „Kamerakünstler“ tituliert und behauptet, daß deren Entgegnung sei, daß die Aufgabe eines Fotografen nicht in humanitärer Hilfe, sondern im Abbilden des Elends bestünde.

Was in Schumachers Text völlig untergeht ist, daß es sich bei den kritisierten Fotografen um Journalisten handelt, die aus einem Krisengebiet berichten. Stattdessen gewinnt man, den Eindruck, daß da irgendwelche verkappten aber selbstverliebten Künstler in ein Krisengebiet eingefallen sind, wo sie nach blutigen Bildern für einen Fotowettbewerb suchen. Scheinbar ganz im Gegensatz zu den Menschen die in Mikrofone sprechen und in Blöcke schreiben und auf Notebooktastaturen schreiben. Fast hat man den Eindruck, daß Fotografen keine echten Journalisten sind, die sich der Fotografie statt des Wortes bedienen, um Geschichten zu erzählen, sondern eher aus der Not heraus fotografieren, weil sie nicht schreiben können oder weil sie parasitär vom Leid anderer profitieren wollen, aber in der Mülltonne gegenüber von Paris Hiltons Schlafzimmerfenster keinen Platz mehr bekommen haben.

Anbei ein Screenshot des Textes zum Nachlesen:


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4 thoughts on “Können Fotos guter Journalismus sein?

  1. Sicherlich waren die Bilder über das Erdbebend schockierend ,die da über den Bildschirm flimmerten . Teilweise habe ich einfach nicht mehr hingugcken können, weil es mich in Angstzustände versetzte. Jedoch konnte ich auch nicht einfach wegsehen, denn es war die einzigste Informationquelle die wir hatten. Es hätte ja sein können das unser Haus oder ein Familienmitglied gezeigt wird.

    Ich habe mit meiner Familie in Haiti gesprochen und nachgefragt was sie davon halten das man diese Foto´s zeigt und sie alle haben das selbe gesagt. Sie sind froh darüber, denn so können sich die Menschen eine Vorstellung machen von der Katastrophe und die Bereitschaft ist größer helfen zu wollen. Vor allem , da Haiti ein vergessenes Land war.

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