Haiti II – Sich selbst in Szene setzen?

Dass ich von Hajo Schumachers Vorwürfen gegenüber den bösen Journalisten die ihre Arbeit machen, wo sie, seiner Meinung nach, helfen sollen nicht allzuviel halte, hatte ich ja schon deutlich gemacht.

Was dabei allerdings zu kurz kam, ist die Frage, ob es gut ist, wenn ein Journalist hilft und welche Rolle es spielt, warum er das tut.

Hajo Schumacher unterstellt ja vor allem Fotografen, daß sie nicht helfen würden und das an Stellen, wo es besser wäre die Kamera beiseite zu legen. Und mittlerweile kann ich auch verstehen wie das kommt. Denn was passiert, wenn der Fotograf die Kamera weglegt sieht niemand.

Kamerawirksam rettet der prominente Reporter Anderson Cooper einen blutenden Jungen von der Straße. Medizin-Reporter Sanjay Gupta wird gleich ganz zum Arzt, untersucht ein Baby vor laufender Kamera. Notoperationen, inszeniert für die Zuschauer daheim. Auf einen Flüchtlingstransport auf dem Weg ins Umland, auf der Suche nach etwas Essbarem, quetscht sich Reporter Ivan Watson dazu. Sein Kamerateam fährt hinterher.(Zitat aus einem Beitrag des NDR Medien-Magazins ZAPP, der ganze Beitrag findet sich als Video unten auf der verlinkten Seite.)

Fotografen sind Journalisten, die hinter ihren Bildern und der Kamera verschwinden, zurückstehen, sich verstecken oder versteckt werden, wogegen andere Journalisten sogar Teil des Geschehens werden, sich zum Teil des Geschehens machen oder sogar Teil ihrer eigenen Inszenierung werden.

Es mag sein, daß es für den unbedarften Rezipienten so aussehen mag, daß der Reporter der auf dem Wagen mit den Flüchtlingen mitfährt mehr Anteil am Schicksal der Menschen nimmt, als der Fotograf, der einen sterbenden Verschütteten fotografiert. Nüchtern betrachtet kann der Fotograf dem Verschütteten kaum helfen und ob er nachdem er das Bild gemacht hat, versucht hat Rettungskräfte für den Verschütteten zu organisieren, weiß keiner der das Foto gesehen hat. Ob der Reporter hinten auf dem Laster einem anderen den Platz wegnimmt, ist  dagegen eine Frage, sie sich kaum ein Fernsehzuschauer stellen wird.

Der Fotograf, der einen verletzen Jungen auf der Straße fotografiert, kann ihn danach ebenfalls in die Obhut von Helfern tragen. Er wird sich dabei aber kaum selbst fotografieren und er hat auch keinen Grund das zu tun. Denn die Geschichte die es zu erzählen gilt ist, daß es da verletzte Kinder gibt, denen niemand hilft und nicht, daß sich da tolle Fotografen um alles kümmern.
Der Fernsehjournalist der sich beim Wegtragen des Jungen filmen läßt, verfälscht das Bild, das er seinen Zuschauern zeigt, er entschärft es.

Spätestens wenn Journalisten anfangen vor der Kamera Kinder zu untersuchen, weil da kein (anderer) Arzt ist, ist eine Grenze überschritten, denn die eigentliche Aufgabe wäre es zu zeigen, daß da kein Arzt ist, statt sich selbst vor dem Zuschauer in Szene zu setzen. Und diese Grenzverletzung, ist gravierender als der Umstand, daß der Betrachter eines Bildes vermuten könnte, der Fotograf sei ein schlechter Mensch.

Lesenswerter als der Text von Hajo Schumacher ist sicher dieser Text von Hans Durrer:

http://www.gazette.de/Archiv/Gazette-Aug03-Jan04/Durrer03.html

Man kann übrigens davon ausgehen, daß es James Nachtwey wichtiger war das Bild hier

http://i.timeinc.net/time/daily/special/photo/inferno/sudan3.jpg

veröffentlich zu sehen, als das Bild, das den Text von Hans Durrer bebildert. Und das sicher nicht weil er das Bild im Durrer Text nicht selbst gemacht hat.

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One thought on “Haiti II – Sich selbst in Szene setzen?

  1. Herausfordernd. Sehr herausfordernd. Äusserst herausfordernd. Über den verlinkten Artikel bin ich auf Kevin Carter und sein Foto gestossen, mit dem er den Pulitzer 1994 gewonnen hat. Es hat mich geschüttelt. Besonders nachdem ich den Kommentar Carters zum Foto gelesen hatte.

    Als Reportagefotografen haben wir sicher die Aufgabe das Leben in allen Höhen und Niederungen zu zeigen. Das ist gut, richtig und wichtig. Auch wenn es oft unter die Haut geht. Aber wie Du schreibst: Bei Lebensgefahr (was eigentlich besser Todesgefahr heissen sollte) gilt es zuerst zu helfen.

    Just my5c

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