Wir versuchen dann ihnen Mut zu machen…

In der aktuellen „M“, der „medienpolitischen ver.di-Zeitung“, kann man in einem Artikel zum Thema Vergütungsregeln für Freie folgendes lesen:

ver.di erreichen zurzeit viele Mails, in denen freie Kollegen ihre miese Bezahlung sowohl bei Texten (unter 10 Cent! (Zeilenhonorar; Anm. d. A.)) als auch bei Fotos (doch ganze 4 Euro!) schildern. „Wir versuchen dann, diesen Kollegen Mut zu machen. (…)“

Nein! Leuten, die ihre Bilder für 4,- € das Stück verkaufen, muß man keinen Mut machen! Die sollte man eher mal fragen, ob sie nicht vielleicht selbst schuld dran sind, daß sie sich ausgebeutet fühlen. Und ob nicht ihr eigenes „Verhandlungsgeschick“ sie dahin gebracht hat – wer immer sagt er könne mit weniger Honorar nicht existieren, aber trotzdem nach jeder Honorarkürzung weitermacht statt zu kündigen, den kann man nicht ernst nehmen.

Und vor allem sollte man sich in einem Artikel zu diesem Thema dann nicht „erschüttert über die offensichtliche Unkenntnis in manchen Chefredaktionen“ zeigen, sondern sich vielleicht mal über die offenkundige Doofheit der Leute unterhalten, die zu solchen Dumpingpreisen arbeiten und die über die Jahre die Entwicklung solcher Dumpingpreise erst möglich gemacht haben.

Warum sollte sich eine Chefredaktion die Frage stellen, ob 4,- € ein angemessener Preis für ein Foto sind, wenn da jede Menge Leute Tag ein Tag aus Fotos für 4,- € machen

Und vielleicht sollte man mal den Taschenrechner bemühen und sich fragen, ob das denn wirklich hauptberufliche, freiberufliche Journalisten sind oder ob es sich da um irgendwelche Nebenerwerbsspinner handelt die mit Dumpingpreisen Arbeitplätze vernichten, um den eigenen Namen in der Zeitung zu sehen.

Für 1000,-€ Monatsumsatz müßte ein Fotograf bei 4,-€ pro Bild vier Wochen lang, an jeweils 6 Wochentagen je 10-11 Bilder pro Tag im Blatt haben. Schonmal irgendwer so eine Tageszeitung gesehen? Schonmal jemand einen Fotografen gesehen, der von 1000,-€ Umsatz (sic!) im Monat irgendwie leben kann?

Für 1000,- €  Umsatz müßte eine schreibender Journalist bei 10 Cent Zeilenhonorar und vier Wochen mit je 6 Erscheinungstagen pro Tag 417 Zeilen im Blatt haben. Auch das sieht man wohl eher selten.

Also sollte man sich bei ver.di lieber mal selbst Gedanken statt anderen Mut machen.

Nicht zuletzt darf man auch nicht übersehen, daß wenn eine Gewerkschaft solche Fälle derart unreflektiert in den Raum stellt, ja irgendwo der Eindruck erweckt wird, daß 10,-€ pro Bild dann ja schon fast ein faires Honorar sein müssen, wenn andere von 40% leben zu können scheinen!

Zum weiterlesen:

“If you sell yourself cheap, you will never get out of that hole.” – Barbara Bordnick

https://rheker.wordpress.com/2008/12/08/umsonst-oder-kostenlos/

https://rheker.wordpress.com/2008/12/11/noch-mehr-fur-noch-weniger-umsonst-oder-kostenlos-teil-2/

https://rheker.wordpress.com/2008/12/26/drauflegen-umsonst-oder-kostenlos-teil-3/

https://rheker.wordpress.com/2009/11/13/umsonst-oder-kostenlos-teil4/

https://rheker.wordpress.com/2009/11/25/fotohonorare-verstehen-umsonst-oder-kostenlos-teil5/

https://rheker.wordpress.com/2009/12/11/feilschen-verhandeln-nein-sagen-umsonst-oder-kostenlos-teil-6/

3 Kommentare

  1. Danke für die mutigen Worte!

    Gut, dass einmal jemand die Eigenverantwortung der vermeintlichen Opfer in den Mittelpunkt stellt und nicht die „bösen“ Verleger, die sich letztlich nicht anders verhalten als jeder private Haushalt auch: Die benötigte Qualität zum niedrigstmöglichen Preis kaufen. Der resultiert eben aus Angebot (!) und Nachfrage.

    Ich habe mehrfach die Erfahrung gemacht, dass es sich mittelfristig mehr als auszahlt, sich zu überwinden und „nein“ zu sagen, wenn ein Auftraggeber plötzlich nur noch Honorare jenseits der Lächerlichkeitsgrenze zahlen möchte. Viele Freiberufler sehen sich selbst nicht als Unternehmer und versäumen es deshalb, sich entsprechend zu verhalten.

    Es käme einem Unternehmen wie Coppenrath & Wiese (um mal ein appetitliches Beispiel zu nennen) ja auch nicht in den Sinn, ihre Torten für 1 Euro zu vertickern: Zwar würden sie dann viele neue Kunden erreichen, aber viele von den alten Kunden würden mutmaßen, mit der Qualität könne es zu diesem Preis ja nicht weit her sein, und künftig anderswo einkaufen. Und würde der Tortenbäcker bei gleichbleibender Qualität langfristig bei diesem niedrigen Preis bleiben, dann wäre er über kurz oder lang pleite.

    Aus dieser Warte betrachtet funktioniert Journalismus nicht anders als Tortenbacken. Klar, die Hausfrau von nebenan kann auch leckere Torten backen, und der viel bemühte pensionierte Lehrer schreibt und fotografiert vielleicht ebenfalls auf druckfähigem Niveau. Na und? Wer in seinem Beruf länger als nur ein paar Monate tätig ist, und dennoch so wenig Selbstwert entwickelt hat, dass er sich bei der Preisfindung an Amateuren orientiert, hat wahrscheinlich den falschen Beruf.

    1. Es ist natürlich nicht so, daß es für den Verleger besonders clever wäre immer das Billigste zu kaufen. Der Privathaushalt hat da ja bei jedem Toaster 2 Jahre Gewährleistung, aber wenn man seine Leser erstmal mit langweiligen und schlecht geschriebenen Artikeln und miesen Fotos verloren hat, gibt es keine Gewährleistung.

      Wirklich verblüffend finde ich immer wieder, daß viele Freie handeln als wäre jeder Euro den man als Honorar einnimmt gleich einem Euro Reingewinn und als müsse man dafür keine Ware herstellen und ausliefern.

  2. Ja, Du hast Recht. Aber man sollte sich mal ansehen, wie sowas entstanden ist. Sowas kommt ja nicht von jetzt auf gleich.
    Und wie ich denke, hat sich die Diskussion um die niedrigen Honorare auch bald erledigt.

    Ich kann es ein wenig anhand meiner eigenen Geschichte erklären:

    Das geht los in einer Lokalredaktion ineinem Gespräch mit der freien Mitarbeiterin, die am Wochenende über eine Tanzperformance im Museum schreiben soll: „Ach, Dein Freund kann fotografieren? Vielleicht kann er mal für uns ein BIld machen, wenn Du den Text schreibst und Ihr sowieso zu zweit dahin geht?!“
    Gebauchpinselt gefühlt; beim Termin Blut und Wasser geschwitzt; in der Dunkelkammer Blut und Wasser geschwitzt; dann zwischen lauter Schrottfotos doch ein halbwegs brauchbares gefunden; Erleichterung. Freunde, dass es in der Redaktion gefällt.
    Honorar? Ach ja, Kontonummer da gelassen. Telefonnummer auch. Zwei Tage später ein Anruf: Wir haben gerade einen Engpass, könntest Du heute abend. . . . ?
    Irgendwann im nächsten Monat sind ein paar Mark zusätzlich auf dem Konto. Im Monat danach ist die Summe schon dreistellig.
    Dann im Laufe der Zeit komplette Wochenenden, Tagesvertretungen, Urlaubsvertretungen.
    Die Summe ist vierstellig.
    Die Wohnung ist billig, das Auto auch. Kamera kauft man sich gebraucht. Filme kriegt man vom festangestellten Fotoredakteur ab und zu zugesteckt.
    Viel Arbeit, aber auch Geld. Haben und nicht haben. Für nen Studienabbrecher, der sonst nur LKW fährt – gar nicht so schlecht.
    Für LKW fahren keine Zeit mehr. Dafür Steuerprüfung . . .
    Das Geld bleibt konstant: viel Arbeit – genug Geld zum Leben.
    Andere verdienen mehr. Und die Redakteure erst.
    Welten liegen zwischen dem, was für die gleiche Arbeit gezahlt wird – arbeiten tun die erfahrenen Freien mindestens genauso gut.
    Miete wird teurer, das Auto ist kaputt, ein neues muss dringend her! Ohne Auto keine Arbeit.
    Erstmal Das von den Eltern geliehen. Von der Freundin ab und zu.
    So geht’s nicht weiter.
    Fast jedes Wochenende im Dauereinsatz. Und es bleibt doch weniger übrig als vor drei, vier Jahren. Die Freundin zieht aus.
    Umzug? Erstmal die Wohnung alleine weiterzahlen. Wird schon irgendwie.
    Eine Perspektive fehlt.
    „Du brauchst doch Geld, kannst Du nicht vielleicht auch mal in … aushelfen? Die zahlen zwar nicht so viel . . . “
    Ja. Irgendwie muss es doch weitergehn.
    Für mich ging es dann aber irgendwann anders weiter.

    Jahre später:

    Mittlerweile gibt es in meiner Stadt eigentlich (fast) keine Freien mehr. Texte und Fotos werden von Firmen! Vereinen und Privatpersonen zugeschickt.
    Zeitung machen geht wie von selbst.
    Per mail kommt der Text und wird per Copy & Paste in ein Textdokument verwandelt.
    Mit ein paar Stichworten versehen landet auch das Foto aus der Mail im System.
    Der Layouter kann direkt darauf zugreifen.
    Und vielleicht wird der Text auch noch redigiert.

    In Nachbarstädten gibt es allerdings immer noch Freie, die so ähnlich arbeiten, wie ich damals.
    Es sind nicht mehr viele.
    Weil jetzt bald das Ende erreicht ist. Das Ende der Honorarzahlungen. Es gibt ja fast alle Informationen umsonst!
    Und echte alternative Arbeitsmöglichkeiten gibt es nicht. Und wenn man einmal in der Mühle drin ist . . .
    Und die Rentner, denen die Berichterstattung ihr liebstes Hobby ist, die kriegen weiter ein paar Groschen Honorar – und die meckern auch nicht, denn sie sind ja so in ihrem Dorf der Medienzar.

    Und der Freie, der ab und an ein paar Fotos macht, um seine Kameraausrüstung als Nebentätigkeit für die Steuer abzusetzen, der macht auch weiter.

    Hier in meinem Ort gibt’s übrigens aktuell 10 Euro pro Foto.
    Früher, als ich anfing, waren es 20 Mark.

    Und dieses Früher, das war im Herbst 1988 . . .

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