Street View Fighting Men and Rentner

Der Widerstand gegen Google Streetview wächst und er könnte schwachsinniger nicht sein. Als Realsatire haben sich jetzt erstmal ein paar Rentner in Düsseldorf, die nicht wollen, daß man ihre Häuser und damit ihre vermeintiche Privatsphäre im Internet sehen kann, von einer Zeitung vor ihren Reihenhäusern fotografieren und das Bild im Internet veröffentlichen lassen. Und natürlich sehen es die Rentner garnicht ein, daß jemand einfach ihre Häuser fotografieren darf. Und am Ende könne man auf den Bildern nicht nur das Haus sondern auch das Grundstück sehen.

Fehlt eigentlich nurnoch, daß Eugen W. betont, daß er sich vor allem wegen dem Schmuck seiner Frau, der nur hinter dem Öltank versteckt ist und seiner 100.000 € Münzsammlung im Wohzimmerschrank (Schublade ganz unten rechts) Sorgen macht, weil sie doch jetzt für 3 Wochen nach Norderney fahren und keiner der Nachbarn oder Verwandten Zeit hat nach dem Rechten zu sehen und man bei Streetview doch sicher auch sehen kann, daß die Außentür zum Keller sich nicht mehr richtig schließen läßt (der Haustürschlüssel it aber eh in der Mülltonnenbox, die sie da hinter mir und meiner Frau auf dem Foto sehen…).

Die wichtigste Regel, wenn man Menschen sucht die erbittert gegen etwas kämpfen, ist Leute auszusuchen, die höchstens andeutungsweise verstehen, worum es geht und auch sonst juristisch eher unbeschlagen sind. Dann verzichtet man auf solche sonderbaren journalistischen Praktiken wie Ausgewogenheit, bei der man z.B. hätte anmerken müssen, daß man als Zeitung selbst ständig Bilder zeigt auf denen Häuser und Straßen zu sehen sind und daß man das sehr wohl nach geltendem Recht ohne die Einwilligung der Eigentümer/Bewohner veröffentlichen und erst recht fotografieren darf. Und selbst den empörten Rentnern hätte man ja amal die Frage stellen können, ob sie denn bei jedem Andenkenfoto daß sie im letzten Sommer in Tirol gemacht haben immer Rücksprache mit dem Eigentümer gehalten haben, wie sie das selbst fordern. Vielleicht wäre da manchem ein Licht aufgegangen, daß es erstmal garnicht per se verboten ist Häuser zu fotografieren.

Das schöne am Internet ist aber, daß es klugen und kreativen Menschen eine Plattform für kluge und kreative Kritik an Dummheit bietet. Und so gibt es jetzt ein Projekt, bei dem man sich selbst vor seinem Haus aus Protest gegen Google Streetview fotografieren kann und man diese Bilder dann bei Google Maps auf einer Karte am Ort des eigenen Wohnsitzes hinterlassen kann. Das ist grandios subversiv und ungemein komisch!

Und nebenbei schafft man damit auch die angemessene Protestplattform für all die Datenschutz Hysteriker, die zwar stündlich jederman per Twitter mitteilen, was sie gerade machen und auf diversen Communities jedem Bilder zeigen, die beweisen, wie besoffen man gestern wieder war (da ist es schon fast eine Frechheit, daß der Chef am Montag überhaupt noch einen gelben Schein sehen will, wo es doch die Bilder vom Wochenende gibt), die aber meinen die Welt ginge unter, wenn jeder ihr Haus von außen sehen kann.

Und noch ein paar Worte zu all den Stimmen die behaupten, daß Googles Streetview allein schon deswegen illegal sei, weil da nicht aus Augenhöhe, sondern aus 2,5 oder 3 Meter Höhe fotografiert würde und die das vorzugsweise mit einem Urteil begründen, bei dem es um die kommerzielle Nutzung eines Bildes des Hundertwasserhauses geht, (und dessen Relevanz nach dem Sanssouci-Urteil und der Friesenhaus-Entscheidung auch geringer sein dürfte) das vom Balkon einer gegenüberliegenden Wohnung ausfgenommen wurde.

Das ganze auf den Mast auf dem Google Fahrzeug zu beziehen ist abenteuerlich, denn dieser Mast trägt nur dem Umstand, daß das rechts und links der Fahrbahn Autos parken Rechnung. Google würde die gleichen Bilder auf Augenhöhe bekommen, wenn sie mit dem Wagen über die Bürgersteige fahren würden, was aber niemand wirklich will. So zu tun als wären die Kameras auf einem Mast, um in die Gärten oder auf Balkone schauen zu können ist lächerlich.

Wer solche sonderbare Standpunkte vertritt, der müßte auch jegliches Fotografieren von Aussichtstürmen, Hochhäusern, dem Reichstagsdach in Berlin etc. verbieten lassen, der könnte gegen jedes Bild vorgehen, bei dem ein Fotograf bei einer Demo auf eine Mülltonne geklettert ist und eine Straße entlang auf die Demo fotografiert hat. Jedem Fotografen, der seine Kamera über den Kopf hält, haut die gleich ein Polizist aus den Händen! Erst Recht wären dann Übersichtsaufnahmen von Demos oder Plätzen aus Gebäuden heraus schlicht verboten. Luftaufnahmen nurnoch mit der Einwilligung aller Bewohner des gezeigten Gebiets veröffentlichungsfähig. Hey, wann verklagt ihr die Satelliten- und Luftbildansicht von google Maps? Wann verbieten wir diese Satelliten? Aber wahrscheinlich stehen schon die ersten „Betroffenen“ mit Laserpointern im Garten und versuchen die abzuschießen.

Zu guter Letzt wird man beim genauen Lesen der Urteile feststellen, daß beim Hundertwasserurteil auch eine Rolle spielt, daß die Klägerin hier als Vertreterin des Miturhebers auftritt, wogegen im Sanssouci-Urtiel explizit darauf hingewiesen wird, daß bloßes Eigentum nicht zu einem Urheberrecht an der Sache führt, das der Nutzung einer Abbildung der Sache durch andere entgegenstehen würde: „Das Fotografieren eines Kunstgegenstandes ist eine Vervielfältigungshandlung, die dem Urheber zugewiesen ist (§ 16 UrhG). Einem Eigentümer werden durch den bloßen Erwerb dieses Gegenstandes keine Nutzungsrechte eingeräumt ( § 44 Abs. 1 UrhG).“

Und das OLG Brandenburg liefert im Urteil auch ein wunderbares Schlußwort:

„Wollte man dies anders sehen, so würde das Eigentum an einer Sache dazu führen, da nahezu die gesamte Erdoberfläche unter Eigentümern aufgeteilt ist, das risikofreies Fotografieren nur noch in den eigenen vier Wänden und auf hoher See möglich wäre.“ Aktenzeichen:  5 U 12/09

Zum Weiterlesen:

http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2010-08/pro-street-view?page=1

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5 thoughts on “Street View Fighting Men and Rentner

  1. Sommerloch-Hype… Und es hinterläßt in der Tat seltsame Blüten. Nett finde ich auch Volkes Schrei nach einer Verlängerung der Widerspruchsfrist, da der gesetzlich vorgeschriebene Monat ja auf einmal erschreckend schnell rum ist…,

    Gruss,
    Hauke

  2. Das wir nicht stolz auf Deutschland sein dürfen, wurde uns allen schon in der Schule beigebracht. Das find ich auch nicht schlimm, allerdings empfand ich – so erzogen – den Nationalstolz der Amis immer stets als lustig, den einiger anderer Reiseländer bisweilen sogar als rechtsextrem.

    Ist aber jetzt sowie alles egal, denn:
    FÜR DEUTSCHLAND kann ich mich nur noch SCHÄMEN!
    Deutsche Touristen im Ausland belustigen sich über „Zurückgebliebene Eingeborene“ welche nicht fotografiert werden möchten und spotten über deren Ängste daß der Fotograf ihnen die Seele stehlen könnte.
    Kaum zurück in Deutschland ändert sich das Bild.
    Hier ist es plötzlich der Deutsche, der Angst hat fotografiert zu werden. Diese Angst erstreckt sich sogar auf seine Immobilien.
    Es könnte ihm ja jemand die Seele stehlen. Oder Schlimmeres.

    Mein Gott. Ich schäme mich. Ob es vielleicht eine Option wäre, ein paar Brocken niederländisch zu erlernen um sich auf der nächsten Reise heimlich als Holländer ausgeben zu können?

  3. Achso.. Mist.. & Sorry.
    Hab zu schnell „absenden“ geklickt.

    ICH SCHÄME MICH
    auch, weil im Kern schon offensichtlich ist, worauf das Ganze denn hinauslaufen soll.
    EIGENTLICH hatte nämlich niemand Angst. Die Angst kam erst mit den TV-Berichten von Leuten die Angst hatten.
    Erst diese haben viral den Anstoss gegeben, daß plötzlich jeder Uninformierte eine Heidenpanik vor Streetview hatte.
    Selbstverständlich haben die TV-Berichte selbst auch komplett vermieden aufzuklären!

    RATINGEN vs. STREETVIEW
    Ausgerechnet Ratingen – meine Wahlheimat, da Düsseldorfs Finanzamt mir zu betrügerisch und die Politessen zu abzockerisch sind – läutete letztes Jahr dann die Möglichkeit zur Google-Abzocke ein.
    Noch etwas wofür ich mich schäme.
    Denn Ratingen will Geld von Google für die kommerzielle Nutzung der Strassen durch die Googleautos zum Zwecke des Fotografierens.
    Das ist natürlich kompletter juristischer Schwachfug, aber zeigt gleichzeitig folgendes:
    – Gäbe es wirklich eine Gefahr, würden wir unsere Bürger lieber verkaufen als beschützen
    – Wir sind nicht gegen Google, nehmen aber die Bürgerstimmung gern als Anlass uns neue Einnahmequellen zu eröffnen.

    Dieser Vorstoss gibt aber auch die Richtung vor:
    Entweder soll Google wohl für Deutschlands Panoramafreiheit bezahlen, oder es eben sein lassen. Wie schön doch hier das Wort Freiheit vergewaltigt wird!

    Juristisch
    Aus meinem laienhaften juristischem Verständnis erschliesst sich jedoch keinerlei Grundlage für Zahlungen an Google oder die Schwärzung/Unkenntlichmachung einzelner Gebäude..
    Ebenso wie man jedes Tier im öffentlichen Bereich fotografieren darf, weil das Foto den Wert oder die Gebrauchsfähigkeit des Tieres nicht mindert oder einschränkt, gilt dies auch für Immobilien.

    Es wäre ja auch traurig, wenn Immobilien plötzlich mehr Persönlichkeitsrechte als Lebewesen haben.. oder?

  4. Pingback: realfragment

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