Unfall, Entermanöver und Sturz? Von wegen!

In letzter Zeit fällt mir immer mehr eine Art sprachlicher Zerfall in den Medien auf. Ein Beispiel sind Bildunterschriften, ein weiteres diese Meldungen bei Spiegel Online:

Neonazi rast absichtlich in Menschenmenge

In Baden-Württemberg ist ein Streit zwischen Skinheads und Volksfestbesuchern eskaliert: Im Verlauf der Auseinandersetzung raste ein Rechtsradikaler mit einem Auto direkt in die Menschenmenge und verletzte drei Menschen. Er wurde festgenommen.

Soweit die Sachlage.

In der Nacht zum Sonntag kam es gegen 3.30 Uhr in Haigerloch im Zollernalbkreis zu einem schweren Unfall: Der Polizei zufolge raste ein offenbar rechtsradikaler Mann mit einem Auto in eine Gruppe von Besuchern einer Tanzveranstaltung. Drei Menschen wurden verletzt.

Wie kann man da von einem „Unfall“ sprechen? War der Amoklauf von Winnenden ein Missgeschick beim Waffenreinigen?
Bei der Veranstaltung handelte es sich den Behörden zufolge um einen Showtanz einer Narrenzunft, die auch eine Gruppe Neonazis besucht haben soll. 
Also hat eine Narrenzunft einen Showtanz aufgeführt und  diese Narrenzunft soll auch einen Besuch bei einer Gruppe Neonazis durchgeführt haben? Oder sollte es heißen “ einen Showtanz einer Narrenzunft, den auch eine Gruppe Neonazis besucht haben soll“?
Und wo kommen dann mangles eines Volksfestes eigentlich die Volksfestbesucher aus dem Anfang der Meldung ins Spiel?
Und weiter geht es:

Tierschützer entern japanischen Walfänger

Drei Tierschutzaktivisten haben einen japanischen Walfänger geentert und werden nun gegen ihren Willen festgehalten. Ursprünglich hatten die Männer gehofft, die Waljäger würden sie nach Australien zurückbringen. Doch die Reise geht offenbar nach Japan.
Laut wikipedia heißt entern:
Entern (von ndl oder ndd: enteren, von span: entrar, dt: überfallen, erobern; auch: Kaperung, Aufbringung) ist ein Manöver zur See und bezeichnet das Erobern eines gegnerischen Schiffes, meist zu militärischen Zwecken oder zu Zwecken der Piraterie.
Die haben also bestenfalls versucht irgendwas zu entern und sind dabei kläglich gescheitert, sind nun in der Gewalt der Walfänger und werden vielleicht sogar nach Japan verschleppt.
Und gleich das nächste Highlight des Morgens:

Kaputtes Bungeeseil

Australierin überlebt 111-Meter-Sturz

„Es ist ein Wunder, dass ich überlebt habe“: Nahezu unverletzt hat eine 22-Jährige einen Bungeesprung überlebt, bei dem das Seil gerissen war. Die Australierin war in Afrika aus 111 Metern Höhe abgesprungen – stürzte in den Sambesi-Fluss und trieb auf Stromschnellen zu.

Sydney – Ein 111-Meter-Bungee-Sprung an den Viktoria-Fällen hat sich für eine australische Touristin zum lebensgefährlichen Abenteuer entwickelt: Das Seil riss, als die Frau 20 Meter über der Wasseroberfläche war – und die 22-Jährige stürzte ungebremst in den Grenzfluss Sambesi zwischen Simbabwe und Sambia.
Also, wenn man freiwillig wo runterspringt, dann ist es kein Sturz, sondern ein Sprung!  Ein Sturz waren vielleicht die 20m ab dem Punkt an dem das Seil riß.
Und wenn so ein Seil reißt, dann geht dabei Energie aus dem Fall verloren, die benötigt wird, um das Seil zu zerreißen, weswegen es gewagt ist da noch von „ungebremst“ zu sprechen.
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3 thoughts on “Unfall, Entermanöver und Sturz? Von wegen!

  1. Warum steht eigentlich Sydney als „Ort des Geschehens“ am Anfang der Nachricht? Es ist doch am Sambesi passiert, oder???

  2. Die Stadt am Anfang der Nachricht entspricht (meines Wissens) immer dem Aufenthaltsort des Korrespondenten und nicht dem „Ort des Geschehens“.

    Zur Physik: Um ganz präzise zu sein ist die meiste Energie des Falls durch die Deformation des Seils „verloren“ gegangen. Die Energie die zum zerreisen des Seiles nötig war ist ein Bruchteil derer die im Seil steckte.

  3. Ja. In diesem Fall wird wohl das dpa Büro in Australien, dem Heimatland der „abgestürzten“ Frau davon erfahren haben.

    Heutzutage ist es leider immer öfter so, daß derjenige der berichtet garnicht da ist wo irgendwas passiert, sondern er aus zweiter Hand aus einem Redaktionsbüro im (sicheren) Irgendwo berichtet. Das konnte man bei der Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen bei den Revolutionen in Nordafrika ganz gut beobachten.

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