Das World Press Photo Dilemma

Ist das diesjährige Gewinnerbild des World Press Photo Awards ein großartiges Stück Fotojournalismus, das obendrein an die Pieta erinnert oder ist es nur ein Symbolbild, weil es eben an die Pieta erinnert, dabei christliche und islamische Symbolik mischt und es sich so dazu eignet etliche Geschichten zu bebildern, die Geschichte die das Bild erzählen will/soll, die Geschichte der Menschen auf dem Bild, aber hinter der Symbolik zurücktritt.

Dazu paßt, was die Jurorin Nina Berman selbst, gegenüber dem British Journal of Photography, zu dem Bild sagt:

„There’s been discussions about connections between Samuel Aranda’s image and the Pietà,“ admits jury member Nina Berman. „I was a big supporter of this image and I think it’s fantastic that Christian audiences can connect in a way that is compassionate and not prejudicial with the Muslim world,“ she tells BJP

Jörg M. Colberg schreibt aus Anlaß des Gewinnerbildes dazu unter anderem:

“ We have seen the news media, especially online, using more and more images to present events. But we have not seen any efforts to use these images to educate viewers what they are actually looking at. For this flood of images in the news to really make sense – to tell us more about the world – we need more context, we need better explanations, and we also need an increased visual literacy.“

Sicher liegt ein Teil des Problems darin, daß man das Bild alleine sieht, eingebettet in den Zusammenhang einer Reportage würden ihm die anderen Bilder womöglich den Rahmen geben, der dem Betrachter erklärt, was dort passiert.

Nun wird das Bild aber überall ohne einen solchen Kontext gezeigt und die „more and more images“ die Colberg anspricht und die sich ja auch tatsächlich in Onlinemedien finden sind eben auch in der Regel keine Reportagen, sondern Bildstrecken, die aus den unterschiedlichsten Quellen zusammengestückelt werden und das in vielen Fällen von Redakteuren die keine Bildredakteure sind.

Man stelle sich vor, ein Zeitungsartikel würde von jemandem aus Agenturmeldungen zusammengesetzt, indem er einfach wahllos Sätze aneinanderreiht und das nach dem Kriterium, welche Sätze am besten klingen, aussehen oder die bunteste und knalligste Sprache haben. Obendrein ist nichtmal gesagt, daß derjenige die Sprache spricht, in der er da arbeitet.

Für viele Redakteure bei Onlinemedien sind Bilder nur Mittel zum Zweck; und der heißt nicht etwa Geschichten erzählen, sondern: viele Klicks generieren! Da sind 40 Bilder aus dem Agentur-Abo besser als eine Reportage von 20 Bildern anzukaufen. Und wenn die Agentur von einem Motiv eins hoch und eins quer liefert, dann packt man beide da rein. Jeder Klick ein Treffer.

Womit wir bei der nächsten bitteren Kröte sind, die es im Umfeld des World Press Photo in diesem Jahr zu schlucken gab: Die fortschreitende Verwesung des toten Patienten Fotojournalismus, in Folge kurzsichtigen Sparens an der Qualität.

Es ist schon fast pervers, daß sich Rob Honstra freut, was beim World PRESS Photo Award gewonnen zu haben, weil das seiner  Langzeitreportage finanziell weiterhilft.

Denn seine Langzeitreportage über die russische Stadt Sochi (da sind demnächst olympische Winterspiele) ist eigentlich nichts, was mit „Presse“ oder „Journalismus“ zu tun hat. Das nicht weil Honstra als Fotograf kein Journalist wäre oder er seine Arbeit nicht als Reportage verstanden sehen wollen würden. Nein; schlicht, weil er sein Projekt über Crowdfunding (vulgo betteln*) und den Verkauf von Prints und Bildbänden finanzieren muß, weil keine Zeitung, Zeitschrift oder Magazin, keine Agentur etc. das finanziert.

Das ist genau das, was Neil Burgess schon 2010 festgestellt hat. Fotojournalismus ist tot, wenn Fotografen nicht mehr als Journalisten bezahlt werden!

Es ist traurig, daß ausgerechnet ein Preis, der das Wort „Presse“ im Namen trägt, für Fotografen eine Hilfe ist, durch die damit verbunden Öffentlichkeit, in anderen Felder die Finanzierungslücke zu schließen, die entstanden ist, weil die Presse lieber auf billigeren Content zurückgreift.

Es stößt einem bitter auf, wenn sich derzeit jedes Käseblatt mit den Bildern Honstras und anderer schmückt und vor seinen Lesern so tut als sei all das „Presse“ und man als Blatt sei selbst ein Teil davon und würde all das für den Leser möglich und die Leser das mit ihrem Abo möglich machen. Dabei druckt man nur die kostenlosen Handouts des Wettbewerbs, hat die eigenen Fotografen längst abgeschafft und Leute wie Honstra lassen im Internet den Klingelbeutel rumgehen.

Ergänzung auf den Einwand, daß all diese Katastrophen un Kriegsfotos allein deswegen keine Wirkung mehr hätten, weil man das alles ständig im Fernsehen sehen würde und man abstumpft:

Das was dieser Einwand beschreibt ist wohl das, was passiert, wenn verloren geht, was Colberg mit der „visual literacy“, also der Fähigkeit Bilder lesen zu können, meint.
Bilder werden nicht mehr wirklich wahrgenommen, der Betrachter entnimmt dem Bild keine konkrete Information, sondern es dient nurnoch als Symbol, wie ein Pictogramm.Denn das Pictogramm für Toilette erzählt auch nichts darüber, was eine Toilette ist und was man da macht. „Wie Toilette geht“ könnte man auch kaum in nur einem Bild zeigen, da bräuchte man einen Comic Strip.

Und so ist dann auch das Bild eines schwarzen Kindes mit dickem Bauch ein Symbol für „Hunger in Afrika“, das auch gerne von Zeitungsmachern benutzt wird, weil es so einfach zu verstehen ist und wie eine Überschrift, die dem Leser nichts erzählen soll, sondern ihm nur sagen soll: Jetzt kommt ein Artikel zum Thema X.

Ein Symbol also, das aber nur diejenigen verstehen die eben dieses Symbol und seine Bedeutung kennen und es dann mit dem, oft auch aus dem Fernsehen bekannten, verknüpfen. Wobei es fatal ist, wenn aktuelle Bilder vom Hunger in Afrika, ob ihrer Symbolbild-Austauschbarkeit nurnoch nette wohlig warme Gefühle an den Kauf einer Band-Aid Platte in den 80ern wecken.

Und das ist genau das was Colberg damit meint, daß diese Bilder für den Westen gemacht sind und die westliche Symbolik voraussetzen.

Früher, in der guten alten Zeit des Fotojournalismus, hat die Fotoreportage ganze Geschichten erzählt und nicht nur Stereotype bedient oder Erinnerungen wachgerufen. Dazu brauchte es mehr als ein Bild. Dafür braucht es was für das Toiletten-Pictogramm weiter oben der Comicstrip wäre.

Das muß aber nicht zwingend eine Fotoreportage eines einzelnen Fotografen sein, auch verschiedene Bilder zu einem Thema in verschiedenen Blättern können beim Betrachter zu einem Verständnis führen.

Solange die Bilder eben in ihrer Gesamtheit dann die verschiedenen Aspekte einer Geschichte zeigen.

Ein Beispiel ist da sicher der Vietnamkrieg.

Das sind die beiden Bilder die heute symbolisch für diesen Krieg stehen:

http://www.wellesley.edu/Polisci/wj/…ges/EAdams.jpg

http://www.siue.edu/~ejoy/Vietnam%201.jpg

Diese Bilder sind aber nur deswegen solche Ikonen, weil es tausende andere Bilder gegeben hat, Bilder die die Basis gelegt haben, damit diese beiden Bilder überhaupt im Kontext Vietnamkrieg verstanden werden konnten!

Das aktuelle Arbeiten mit Symbolbildern benötigt nur ein Bild. Oft „Das Bild“ genannt und deswegen versuchen viele Fotografen (besonders bei den Agenturen) eben „Das Bild“ zu machen.

Und da heute oft die Basis der „tausend anderen Bilder“ fehlt, greift man auf noch tiefere Symbolik zurück wie eben die Orientierung an der Pieta.

Die beiden Bilder da oben haben das nicht gebraucht.

* Nicht, daß ich falsch verstanden werde, ich finde Crowdfunding eine tolle Idee, allein schon weil man damit demokratisch Dinge finanzieren kann, bei denen die Entscheider des Mainstreams wissen, „daß das keine Sau interessiert“. Und plötzlich spenden Menschen ohne wirkliche Gegenleistung mehr Geld für ein Projekt als sie je im Leben für Presseerzeugnisse ausgeben würden. Aber eine Welt in der man das nicht brauchen würde, wäre mir lieber.

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