Wider dem Drang zur Hochzeitsreportage und schwachsinnigen Bildern!

Gerade las ich im Internet von einer Pfarrerin die nicht will, daß in ihrer Kirche bei einer Trauung fotografiert wird.

Manche Kommentatoren fanden das intolerant. Und treffen damit wohl ins Schwarze, auch wenn sie das wohl nicht so gemeint haben werden.

Toleranz kommt von lat. tolerare und das heißt ertragen. Und wenn die Pfarrerin „intolerant“ ist, dann kann oder will sie etwas nicht mehr ertragen.

Und auch ein religöser Ritus kann nur ein gewisses Maß an Störung ertragen, soll er nicht zur Farce werden.

Ich habe schon so manchen (Berufs-)Fotografen(oder als beliebte Steigerung Hobbyfilmer)-Auftritt auf Hochzeiten miterleben dürfen der kaum zu ertragen war und dessen Protagonisten sich, mitunter unfreiwillig, zur Hauptperson des Rituals „kirchliche Trauung“ gemacht haben.

Irgendwie hat die Pfarrerin, da also schon durchaus recht damit, daß eine Trauung in der Kirche etwas anderes ist (oder wenigstens sein sollte) als ein Hochzeits-Shooting in einer tollen Location.

Und zu einem gewissen Teil mag die Ablehnung gegenüber Fotografie auch daran liegen, daß es in den Kirchen – und da muß man nicht mal irgendwie religiös sein, um das nachvollziehen zu können – PfarrerInnen gibt, denen es mißfällt, daß ihre Kirchen von Menschen denen Kirche und Glaube sonst eher fremd ist und denen die vermittelten Werte im Alltag erst recht wumpe sind, nur als Kulisse einer „Rosamunde Pilcher“-artigen Inszenierung genutzt werden, das Fundament eines Glaubens dem ganzen aber völlig abgeht.

Ausgehend von diesem Gedanken sind Fotos dann ab einem gewissen Punkt Trophäen/Fetische die das Paar in der Kirche produzieren lassen will. Und dies verweigert mancher Geistliche dann im Gegenzug. Klar trifft es da auch immer mal die falschen Brautpaare und Fotografen.

Und auch außerhalb von Kirchen ist manches befremdlich:

Meiner Ansicht nach (und ich sage das als Fotograf), wird heute auf vielen Hochzeiten zuviel fotografiert, Fotografie zu wichtig genommen.

So sehr, daß manche Hochzeit nurnoch als eine Art Bravo-Foto-Lovestory-Shooting mit Laiendarstellern – die dafür eine warme Mahlzeit bekommen, andererseits aber Geschenke mitbringen müssen – erscheint.

Welche Würde haben da noch die Hochzeitsbilder meiner Urgroßeltern bis Eltern. Die standen einfach da. Nebeneinander. Und gut war’s. Dann vielleicht noch ein Gruppenbild auf dem man heute spannende Reisen durch die Verwandtschaft unternehmen kann. Dann vielleicht noch ein paar Bilder vom Kaffeetrinken, Uroma mit der Kuchengabel im Mund und die Hälfte unscharf.

Dagegen bucht man heute die „Hochzeitsreportage“ mit allem drum und dran. Am besten mit gleich zwei Fotografen, denn dann kann man sicher sein, daß die Verwandten, die nicht dabei sein konnten (und das plötzlich nicht mehr schade finden), im Hochzeitsalbum sowohl Braut als Bräutigam beim Einstieg in die Unterhose für den Tag der Tage bewundern können. Und auch der Onkel aus Amerika kann beruhigt sein, daß selbst wenn der Bräutigam wegen eines Unfalls mit dem Tortenmesser ins Krankenhaus gekommen wäre, er da mit sauberer Unterbuxe eine gute Figur gemacht hätte.

Und natürlich reicht es nicht, daß man Bilder hat auf denen die beiden glücklich nebeneinander stehen oder sich im Arm halten. Das Brautpaar von heute hängt lächerlich verrenkt im Sprung eingefroren in der Luft, weil der Fotograf seine Kreativität, mit vermeintlich tollen und frischen Ideen, unter Beweis stellen muß und das Paar, das „etwas besonderes“ will zieht hemmungslos mit. Und weil jeder Hochzeitsfotograf eigene beeindruckende neue Ideen benötigt ist eine Reise über die, fröhlich Musik dudelnden, Hochzeitsfotografen-Homepages des Internets eine Tour auf der einem Brautpaare in den sonderbarsten Situationen begegnen. Die einen stehen barfuß in einem Brunnen, andere rennen, wie von einer Bestie gejagt, mit ihren Trauzeugen durch den Wald, andere rennen, ohne Trauzeugen, durch den Park, andere stehen auf einer Tartanbahn, wo man doch wirklich mal hätten rennen können. Auch beliebt sind akrobatische Posen, bei denen man den Bräutigam von hinten und der Braut in die Nasenlöcher sieht. Paare stehen in Restaurantküchen und rühren in Töpfen voller Gulaschsuppe. Was sagt mir ein Brautpaar hinter eine vergammelten Leitplanke? Was eine Braut in Unterwäsche breitbeinig vor dem Spiegel eine Hand an der Brust die andere im Schritt? Oder die Braut gleich ganz nackt, dafür so positioniert, daß es ein wohl eher ein  Vorher-Bild für ein Cellulitis-Präparat werden sollte.

Und das alles mit einer vollen Breitseite der in der jeweiligen Woche angesagtesten Photoshop Effekte, daß man den Eindruck hat, es ginge vor allem darum, mir zu vermitteln, wie ein Farbenblinder mit 50% Sehkraft und erheblichen Problemen in der Darstellung von Kontrasten so seine Welt wahrnehmen könnte.

Vieles davon so offenkundig bei jedem Bild gestellt und ausgeleuchtet und in so epischer Breite bebildert, daß es schwer vorstellbar ist, daß das an nur einem Tag gemacht ist. Geschweige denn, das Brautpaar zwischen drin noch „ja“ gesagt, gefeiert oder mal die Toilette aufgesucht hat (sonst gäbe es ja sicher auch davon Bilder).

Und damit wären wir wieder beim Gedanken der Trophäen/Fetisch-Produktion. Wenn nämlich die Bilder wichtiger werden als das Ereignis selbst und das wirkliche Erleben hinter die Erzeugung dieser Bilder zurücktritt oder das Ereignis gleich ganz so ausgestaltet wird, daß Bilder das Ziel sind, die dann als Erinnerungsobjekte wichtiger werden als die wirkliche Erinnerung, dann läuft was falsch.

 

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4 thoughts on “Wider dem Drang zur Hochzeitsreportage und schwachsinnigen Bildern!

  1. Schlank und einfach : Danke. Spricht mir aus der Seele ;)

    […] Tartanbahn, wo man hätte […] und vor lauter Kreativität nicht erkannt hat ;)

  2. Oh ja, wie mir da jemand aus der Seele spricht. Ich hatte einen kürzlich einen Fall:
    vor der Trauung haben wir wunderschöne Standfotos in einem Klostergarten gemacht, oh Gott, bei einer(!) Pose schaute der Unterrock unter dem Kleid her, naja, wenn man locker 100 Superfotos hat, fällt das eigentlich nicht ins Gewicht, dachte ich und habe es nicht gelöscht. Ja und dann die Trauung in der Klosterkapelle, der Altarraum kaum größer als ein Gäste WC, Nonnen, die Fotografen hassen und diese auf eine ausgesuchte Stelle verbannen. Ja und dann passiert das: man kann die Zermonie nur von dieser einen Stelle fotografieren kann, ja und was macht der Bräutigam, er zieht erst mal 50 % des vereinbarten Honorars ab, ja dumm gelaufen, das ist mir in 25 Jahren als Hochzeitsfotografin noch nicht passiert und die ganze Sache wird wohl leider vor dem Richter enden, schade, eine Hochzeit sollte doch eine schöne Erinnerung sein, denn die Reportagefotos sind wunderschön geworden, A b e r eben alle von einer Seite. Dieses Brautpaar sah die Hochzeit als Medienereignis und nicht als Sakrament, vielleicht wollte er auf diesem Weg aber auch nur Geld herausschlagen, traurig, denn ich habe wirkich faire Preise!

  3. Ich weiß nicht ob die Nonnen da wirklich Fotografen hassen. Vielleicht ist für die nur etwas anderes wichtiger, wenn es um Trauungen und Gottesdienste geht…

  4. Ja, da hast Du Recht, ich habe Deinen Artikel nochmal mit mit Verstand durchgelesen, da siehr man auch, warum das so ist, ich habe weder etwas gegen Nonnen und Pfarrer, ich habe auch schon erlebt, dass Fotografen halb auf dem Altar gelegen haben, bei aller Liebe, aber das finde ich respektlos, denn das hat nichts mehr mit einer kirchlichen Eheschließung und Glauben zu tun. Ich wollte mit meinem Kommentar nur zum Ausdruck bringen, dass vieles in der Hochzeitsfotografie übertrieben wird und das sagt dein Artikle ja auch aus.

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