Wie Symbolbilder das Sehenkönnen zerstören

Symbolbilder sind Bilder die nicht wirklich das zeigen, worum es geht, sondern etwas, das symbolisch für das Thema steht. Das kann durchaus eine Berechtigung haben, weil man eben viele Dinge nicht wirklich fotografieren kann. Und dann bebildert man einen Text zum Thema „Liebe“ z.B. mit einem Bild zweier Schwäne, deren Hälse ein Herz bilden.

Symbolbilder haben dummerweise aber auch den Vorteil, daß sie billig sind, wenn man sie von Micro Stock Agenturen bezieht, statt sie von konventionellen Agenturen zu beziehen oder sie etwa selbst in Auftrag zu geben. Das führt dazu, daß man auch gerne zum Symbolbild greift, wo das Symbolbild eigentlich nicht paßt. Sternstunden ergeben sich, wenn man bei der Bildauswahl den falschen Tornado erwischt (also z.B. Wirbelsturm statt Kampfflugzeug und umgekehrt) oder wenn man einen Bericht über ein Feuer in X-Dorf mit dem Bild eines Feuerwehrautos bebildert auf dem groß „FEUERWEHR B-STADT“ steht oder man gleich amerikanische Feuerwehrleute einkauft.

Symbolbilder sind bequem und machen bequem. In vielen Redaktionen fehlt es heute an echten Bildredakteuren. Den mit dem Bebildern befaßten Mitarbeitern fehlt oft die Zeit sich intensiv mit der Suche nach geeigneten Bildern zu befassen, weil sie das neben ihren sonstigen Aufgaben erledigen müssen. Erschwerend kommt hinzu, daß viele von ihnen „Bildredakteur“ nicht gelernt oder gar Fotografie studiert haben, sondern sich ihre Kenntnisse von anderen abgeschaut haben. Das führt zu einer Potenzierung von Unwissen im Bezug auf Bilder, man macht Dinge, wie man Dinge eben macht. Und weil man eben so gesehen hat, daß man für einen Artikel über Computer Hacker und Cyber Kriminalität woanders auch immer „so ein Bild“ nimmt, schafft man es, völlig abseitige Ikonographien zu erschaffen. Eine Art Teufelskreis, der im Extremfall Stoff für Satire bieten:

Bildschirmfoto 2014-05-23 um 01.36.08

Denn würde man danach gehen, auf welche Weise viele Medien Geschichten über Hacker bebildern, dann säßen die wohl wirklich mit Sturmhauben zuhause oder besser noch irgendwo in einem Cafe mit W-LAN an ihren Notebooks. Und gibt man „Computer“ und „Hacker“ bei der google Bildersuche ein, dann sieht man: Das hat sich durchgesetzt.

Bildschirmfoto 2014-05-23 um 01.41.35

 

Denn hier kommt dann wohl noch ein anderer Mechanismus der Symbolbild-Welt zum Zuge: Die Micro Stock Produzenten produzieren, was sie für verkaufbar halten. Und verkaufbar ist, was gedruckt wird. Womit wir den zweiten Symbolbild-Teufelskreis gefunden hätten. Nartürlich geben die miesen Preise des Micro Stock Marktes keine großen Budgets für Produktionen her und die Flut der „Nachschöpfungen“ und „inspirierten Werke“ reduzieren die Verkäufe der einzelnen Bilder nochmals. Somit geht der Trend zusätzlich zum billig zu produzierenden Symbolbild.

Das alles hat Auswirkungen auf die Art und Weise wie Menschen Fotos sehen und wie Menschen Fotos verstehen. Im Grunde genommen ist es so, als würde man zu einem Kind sein ganzes Leben lang in Babysprache sprechen und in der Folge kennt das Kind nur einen Begriff für Lebensmittel und Essen: „HAPPA!!!“ Weil seine Eltern und sein Umfeld zu allem was es zu essen gab immernur „HAPPA!“ gesagt haben.

Klingt das abwegig oder überzogen? Nun, dann werfen wir mal einen Blick auf diesen Beitrag bei africasacountry.com:

Afrika ist eine Baum im Sonnenuntergang. Oder vielleicht reicht sogar nur irgendwas mit Orange. HAPPA! (Übrigens hätte ich beim letzten Bild in der vierten Reihe eher „Toskana“ gedacht.)

Die spannende Frage ist, ob Menschen, die mit solchen Piktogrammen aufwachsen überhaupt noch in der Lage sein werden andere Afrika-Motive als „Afrika“ zu lesen und zu verstehen. Und da geht es dann nichtmal um so komplexe Dinge wie Hahn und Hartungs brilliante Serie „The Forgotten“, die uns eine afrikanische Mittelschicht zeigt, die auch ein Afrikabild, das über „Orange“ hinausgeht in Frage stellt. Für jemanden mit dem Afrikabild der Buchcover wird die Einordnung dieser Bilder nahezu unmöglich.

Denn das Kind, dessen Eltern, immer nur „Happa!“ gesagt haben hat noch ein anderes Problem. Nur ein Wort für jede Form von Essen zu kennen ist das eine. Nur in Einwortsätzen kommunizieren zu können ist das andere. Wer nur die einfache Holzhammer-Bildsprache der Symbolbilder gewohnt ist, für den werden komplexere Fotografien unlesbar. Wer keine Sturmhaube trägt wird dann nicht mehr als möglicherweise kriminell verstanden.

Möglicherweise sorgt die Invasion der Symbolbilder dafür, daß andere Fotos irgendwann nicht mehr verstanden werden.

 

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