Ethik

Der schweizer Fotograf Reto Camenisch geißelt in einem Interview Bilder von Jérôme Sessini als „eine Barbarei, die jede Grenze überschreitet“:
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Ein-totaler-moralischer-Bankrott/story/11761719

Viele Kollegen geben Camenisch uneigeschränkt Recht.

Ich weiß es nicht. Ich habe aber das Gefühl, daß es sich Camenisch vielleicht etwas einfach macht.

Denn, das kann man auch anders sehen, und ich denke da zum Beispiel an Fabian Mohrs Text, der die Frage aufwirft, ob die Einstellung, daß man keine Leichen zeigen sollte, weil „das nichts zur Geschichte beiträgt“ richtig ist:

http://www.fabianmohr.de/2014/07/22/why-show-dead-people-in-the-news/

Da müssen wir uns dann schon fragen, ob es andersrum gedacht nicht etwas von der Geschichte wegnimmt, wenn man den Tod bei einem Ereignis wie dem Abschuß von MH 17 nur im Text (als Opferzahl?) schildert und es der Phantasie des Lesers überläßt sich da ein Bild zu machen? Ein Bild, das oft zur Verharmlosung neigt. Oder, wenn man mit Symbolen wie Bilder von Kinderspielzeug auf einen Acker arbeitet.

Was das auf Dauer bewirkt merkt man zum Beispiel am Umgang mit dem Tod aber vor allem mit Verletzten in unserer Gesellschaft und den Medien.

„Verletzung“ wird oft nur noch als „halb so schlimm“ gegenüber dem noch höher tabuisierten Tod begriffen und gerne aus der eigenen Erfahrung mit verstauchten Füßen und Schnittverletzungen bei der Küchenarbeit gedacht. Die Verletzten erscheinen oft als die „Glücklichen“, so als würden alle Wunden an Körpern und Seelen so schnell und vollständig heilen, wie die Öffentlichkeit das Ereignis vergißt.

Das macht z.B. die Bilder von Andrea Gjestvang zu Utøya so bedeutsam. Sie zeigen, daß Verletzung ein tieferer Einschnitt ins Leben ist, daß Heilung langsamer verläuft als der Leser, der nur einen Text hat das imaginiert, oder daß Heilung manchmal garnicht oder nicht vollständig erfolgt:

http://andreagjestvang.com/photography-2/one-day-in-history/

Sicher sind das auch Bilder, die viele Menschen „sich nicht zumuten“ wollen, wie Camenisch es formuliert.

Vielleicht sollte man erstmal die Bilder anschauen, um die es geht. Und ja, die sind hart. Aber das Ereignis, um das es da geht ist das eben auch.

Hier die veröffentlichten Bilder:

http://lightbox.time.com/2014/07/18/malaysia-airline-ukraine-crash-jerome-sessini/#1

http://www.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=CMS3&VF=MAGO31_4&VBID=2K1HZOQ8FP3TIR&IID=2K1HRGBQZM17&PN=2

Und hier die Bilder im Magnum-Archiv :

http://www.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=SearchResult&VBID=2K1HZOQP938383&SMLS=1&RW=1874&RH=1021

Wer da von „einer Barbarei, die jede Grenze überschreitet“ und einem „totalen moralischen Bankrott“ spricht also quasi einen Superlativ der Verwerflichkeit bemüht, der begeht den Kardinalsfehler, daß er die Bilder gleichsam auf eine Stufe mit dem Abschuß des Passagierflugzeuges, um den es geht, stellt.

Wobei der Umstand, daß Time z.B. nicht alle Bilder veröffentlicht und auch Magnum bei der Auswahl auf der Website da eine Auswahl getroffen hat, es schwierig macht, Sessini auch wegen der nicht veröffentlichen Motive so an den Pranger zu stellen, besonders, wenn man dann auch Christoph Bangerts „War Porn“ anführt und da kein Problem sieht, mit dem Argument: „Bangert ist ein verdienter Fotograf, und gegen sein Buch lässt sich nichts sagen, weil es einen ganz anderen Kontext für solche Bilder schafft: Es mutet sie einem nicht unvorbereitet zu.“

Magnums Archiv (und wenn er „Suchbegriff sagt, kann es nur ums Archiv gehen) sieht Camenisch dagegen als einen Ort an dem Menschen diese Bilder „unvorbereitet zugemutet werden“: „Es brauchte gar keine Presse, um Sessinis Bilder zu veröffentlichen. Dafür hat Mag­num gleich selber gesorgt: Auf der Website der Agentur kann sie sich jeder ansehen, der will – in guter Auflösung, ohne Passwort, mit einem einfachen Suchbegriff. Das ist schon ein Teil des Skandals.“

„Dieser Fall handelt davon, mit welchen Mitteln sich ein Fotograf und eine Agentur ins Gespräch bringen wollen.“ ist ein Vorwurf, für den ich schon mehr als Belege/Argumente bräuchte, daß die Agentur drastische Bilder im Archiv hat.

„Die Gründer wollten einen ethisch hochwertigen, einen humanistischen Bildjournalismus. Davon scheint nichts mehr übrig geblieben zu sein. Hier geht es nur noch um fotografische Eitelkeit, visuelle Dezibelstärken, medialen Opportunismus.“

Das führt zu einer weiteren Frage die Fabian Mohr aufgeworfen hat: „Take a minute and watch a few iconic photographs that have been published in the 20th century. Ask yourself – would they (or similar subjects) appear on a 2014 newspaper front page, on a quality news website or on TV evening news?“

Ist dieses Bild ähnlich unmoralisch?:http://mediastore.magnumphotos.com/CoreXDoc/MAG/Media/TR2/4/5/6/9/PAR126778.jpg

Halten wir nicht viele dieser Bilder heute für humanistische Statements? Oder handelt es sich auch dabei um „fotografische Eitelkeit, visuelle Dezibelstärken, medialen Opportunismus“?

Wenn Camenisch auf den Einwand des Interviewers, Bangert habe gesagt, unmoralisch sei nicht das Zeigen sondern das Wegsehen, entgegnet: „Es ist überhaupt nicht unmoralisch, wenn sich jemand solche Anblicke nicht zumuten will.“ dann ist das ein gefährliches Argument, denn es postuliert, daß nur gezeigt werden darf, was jederman sich zumuten mag. Sollte das der Maßstab sein, an dem sich die Beantwortung der Frage, was man als Fotograf fotografieren und was ein Medium publizieren kann, orientieren sollte?

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