Hipstershop oder Flohmarkt

Vieles, was bei lomography.de angeboten wird ist toll und einzigartig. Wie die Spinner für kleines Geld.

Lomo Spinner 360°

Lomo Spinner 360°

Vieles ist aber auch nur rausgeschmissenes Geld und man ist auf dem Gebrauchtmarkt besser bedient.

Warum sollte man sich die neue Lomo LC-A 120 6×6 Kamera für 399,- € kaufen, wenn man für das Geld gute zehn gebrauchte Seagull 203 bekommen kann oder man eben eine perfekt erhaltene für 80,- €, der man dann vielleicht noch einen  Werkstatt-Kuraufenthalt für weitere 80,- € spendiert. Ein Belichtungsmesser kostet auch nicht die Welt. Am Ende hat man dann eine 6×6 Meßsucherkamera statt die Entfernung schätzen zu müssen, die zwar keinen Belichtungsmesser  oder eine Automatik hat, bei der man dafür aber alles, genauso wie man es braucht und will, einstellen kann.

Bel-Air und irgendwie die Qualität einer schlechten Holga.

Bel-Air und irgendwie die Qualität einer schlechten Holga.

Ein weiteres Beispiel ist die Bel-Air. Ja, ich hab mir damals eine gekauft, denn Wechselobjektive sind spannend. Aber wir haben uns bald getrennt, denn 249 – 349,- Euro für eine Kamera, die eher enttäuschende Bilder liefert, sind dann doch zuviel. Und das Angebot nochmal ein paar hundert Euro für russische Objektive mit Glaslinsen draufzupacken, war auch nicht sexy.

Bel-Air - Lichteinfall durch locker aufgerollten Film.

Bel-Air – Lichteinfall durch locker aufgerollten Film.

Zumal die Bel-Air eben eine Plastikkamera bleibt, die man erstmal modifizieren mußte, damit sie den Rollfilm so stramm aufwickelt, daß man nicht bei der Entnahme sofort Probleme mit Lichteinfall bekommt und sie ist eben leider nur eine Kamera mit Belichtungsautomatik ohne Eingriffsmöglichkeiten.

Adox Sport (1951)

Adox Sport (1951)

Da ist z.B. die Adox Sport (Baujahr 1951), die hier neulich für schlanke 16,63 € plus Versand eingezogen ist, eine ganz andere Hausnummer. Und sieht auch noch viel schöner aus. Faßt sich auch besser an.

Adox Sport

Adox Sport

Klar. Sie hat keine Wechselobjektive, kann nur 6×9 statt 6×12, hat keine Belichtungsautomatik. Aber das ist eine Kamera aus Metall, mit einem Zentralverschluß an dem ich Zeit und Blende frei wählen kann (z.B. wenn ich cleverer mit Gegenlicht umgehen will als eine Automatik das kann), die den Film, von Haus aus, ordentlich aufwickelt  und die mir mein Kameraschrauber zur Not auch mal überholt. Das Objektiv hat Glaslinsen und ist scharf.

Adox Sport - Gegenlicht ohne Automatik

Adox Sport – Gegenlicht ohne Automatik

Das einzige Problem alter Kameras ist, daß es schwer sein kann, eine schöne zu finden, da man die oft nur bei Ebay bekommt und ein großer Teil der da angebotenen Kameras defekt (und ein großer Teil der Verkäufer nicht so ganz seriös) ist, weil die Schmiermittel der Verschlüsse über die, oft jahrzehntelangen Zeiten der Nicht-Nutzung, verharzt sind. Auf die Beschreibungen da kann man sich kaum verlassen. Meine Adox z.B. wurde als defekt angeboten funktioniert aber perfekt. Verblüffender Weise habe ich noch keine Kamera bekommen, bei der der Balgen nicht mehr lichtdicht gewesen wäre.

Aber wie gesagt: Selbst wenn man da eine Wartung mit einberechnet, ist man oft billiger unterwegs als mit einer neuen Hipster-Kamera, die im direkten Vergleich garnichtmal so hip ist.

Und es gibt da noch eine ganze Reihe alter Kameras, die wenig kosten aber mehr Spaß machen als manches Trend-Gerät aus dem Lomo-Regal:

Da ist zum einen die POUVA START aus der „Ehemaligen“, die quasi „die bessere Holga ist“, da sie einen Klappsucher und ein versenkbares Objektiv hat, womit sie ganz angenehm in die Jacken oder Fototasche paßt (wie die Adox Sport übrigens auch).

Pouva Start

Pouva Start

Großer Nachteil der POUVA START: Die Kameras sind aus Bakelit, einem historischen und sehr spröden Kunststoff, wenn sie mal runtergfallen sind sind sie meist kaputt; oft trifft das auch den Sucher.

POUVA START - Kanaldeckel

POUVA START – Kanaldeckel

Was noch schwerer wiegt: es ist sehr schwer eine zu finden, die funktioniert und nicht riecht wie aus Honeckers Rumpelkeller. Vorteil: Der Verschlußmechanismus ist so simpel, daß da nichts dran verharzt.

Ein echtes Highlight ist, wie gesagt, die Seagull 203.

203_009

Interessanter Weise kennen viele da nur die Rolleiflex-Kopien der Marke. Die 203 ist eine Balgenkamera mit Meßsucher, die im Gegensatz zur Rolleiflex-Kopie unheimlich kompakt ist und die man ohne große Schmerzen zusätzlich in die Fototasche packen kann. Außerdem arbeitet es sich mit einer Sucherkamera oft schöner als mit dem Lichtschacht.

Seagull 203 - Kann auch scharf wie bei der NASA

Seagull 203 – Kann auch scharf wie bei der NASA

Wenn man nach einer Seagull 203 sucht, sollte man allerdings auf ein paar Details achten. Oft ist der Meßsucher dejustiert oder das eingespiegelte Mischbild kaum zu erkennen. Die Seagull neigt zudem zur Verharzung, das kann soweit gehen, daß die Kamera im Sommer wunderbar läuft, im Winter aber zäh wird. Also sollte man im Zweifelsfall einen Werkstatturlaub mit einkalkulieren. Aber es gibt noch einige Werkstätten, die sowas können und das ist preiswerter als man denkt!

Seagull 203 - Schärfe ist ein bourgeoises Konzept

Seagull 203 – Schärfe ist dann doch ein bourgeoises Konzept

Wer die Kamera viel spazieren führen will, der sollte drauf achten, eine mit Bereitschaftstasche zu kaufen, denn die Seagull 203 hat keine Gurtösen. Das gilt auch für die POUVA, denn ich habe da noch keine gesehen, wo nicht mindestens einer der Knöpfe an denen man einen Gurt befestigen soll abgebrochen gewesen wäre.

Und wer übrigens mit dem Gedanken spielt, sich bei lomography.de oder anderswo eine russische Leica-Kopie zu kaufen, der sollte mal einen Blick auf echte Schraubleicas werfen, denn so teuer sind die garnicht und da lohnt es sich dann auch die mal warten zu lassen. Und bevor man sich dann die Neuauflage eines russischen Weitwinkels für 599,- bis 899,- € bei lomography kauf, sollte man eher nach dem 21er Voigtländer für M39 umsehen, das ist eine Blende lichtstärker, kleiner und sogar mit dem Meßsucher gekoppelt. Da kann man dann schon das Geld für ein echtes Schraub-Leica-Gehäuse gespart haben.

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