Das Video aus Paris

Es ist einfach, das Video, welches die Erschießung des Polizisten Ahmed Merabet zeigt zu verdammen und zu fordern, man dürfe das nicht zeigen. Gerne auch mit dem Argument, die Bild habe das getan. Und gerade las ich bei Facebook den Vorwurf, daß man versuche eine Rechtfertigung dafür, das Video zu zeigen, herbeizukritteln, indem man es durch Vergleiche mit Bildern/Filmen aus dem Vietnamkrieg zum historischen Dokument erklärt.

Vielleicht macht man es sich aber auch schlicht zu einfach, wenn man das Video (oder genauer gesagt einen sehr kurzen Teil davon) verdammt.

Einer der Denkanstöße, sich bei unserem heutigen Umgang mit Bilder von Gewalt und Grauen auch mal historisch nach hinten zu orientieren, ist sicher Fabian Mohrs Text aus dem letzten Jahr, der eben unter anderem die Frage aufwarf, ob viele der Bilder, die für uns heute Ikonen sind, heute überhaupt noch eine Chance hätten, gedruckt zu werden:

http://www.fabianmohr.de/2014/07/22/why-show-dead-people-in-the-news/

Es geht bei Hinweisen auf den Vietnamkrieg und z.B. Capas sterbenden Soldaten aus dem spanischen Bürgerkrieg nämlich weniger darum etwas herbeizukritteln, sondern um die Frage ob der aktuelle Umgang mit Bildern die schreckliche Ereignisse zeigen angemessen ist oder ob man den Menschen nur eine weichgespülte Version der Welt zeigen will, die sich zwischen den Anzeigen besser macht. Nicht zuletzt erfolgt der Hinweis auf historische Ikonen unseres kollektiven Gedächtnisses auch deshalb, weil in Diskussionen oft so getan wird, als habe man es heute mit einer Internet-bedingten Verrohung zu tun, was mit einem Blick auf den ungeschönten Bildjournalismus vergangener Zeiten durchaus bezweifelt werden darf.

Gerne wird dann argumentiert, daß z.B. ein Foto, das die Opfer oder Taten zeigt , „nichts zur Geschichte beiträgt“. So als wäre das klinisch reine Symbolbild oder gleich nur ein Piktogram in den meisten Fällen die journalistisch bessere Lösung.

Das ist dann in der Konsequenz entweder eine Art Bilderverbot eines von Textjournalisten beherrschten Journalismus, die Einschränkungen durch die ethische Verantwortung auf die Fotografen auslagern, denn im Text darf man alles schildern. Oder, es setzt auf der gefährlichen Argumentation auf, der Leser könne sich das vorstellen oder wüßte wie das war/ist. So als bräuchte, wer „Apocalypse Now“ und „Saving Private Ryan“ gesehen hat, Nick Uts Bilder vom Napalmangriff und Capas Bilder von der Landung in der Normandie nicht mehr, weil er das ja alles schon aus dem Hollywoodfilm kennt. Oder die Bilder vom Vietnamkrieg machen Bilder aktueller Ereignisse überflüssig.

Aber vielleicht geht es genau darum. daß jeder in seiner Komfortzone bleiben kann, sich Ereignisse auf der Basis seines bisherigen Erfahrungshorizonts, anhand der Schilderung im Text, so in der Fantasie ausmalen kann wie es für ihn erträglich ist. Gerne auch mit dem Wissen, daß Tom Hanks und die anderen nach der Landung in der Normandie „gefallenen“ karrieremäßig einen Schritt nach vorne gemacht haben und bald im nächsten Film mitgespielt haben. Aber Ahmed Merabet wird nie wieder in einem Film mitspielen, weil er auch in dem Video nicht mitspielt.

Da müssen wir uns als Journalisten durchaus mal Gedanken drüber machen statt mit der Moral als tapfer vorneweggetragenem Schild ein Zeigen des Videos verbieten zu wollen. Ganz besonders, wenn man das Video dann doch zeigt, im entscheidenden Moment aber ein Standbild mit Vignette macht und nur den Ton weiterlaufen läßt, wo man dann den Schuß hört.

Und es geht bei der Frage ja nicht nur um Ereignisse wie jetzt in Frankreich, sondern auch um den Umgang mit Ebola, Flüchtlingselend in den Lagern rund um Syrien, Hungersnöten etc. Wenn wir alles immer in der Komfortzone des Lesers lassen, dann dürfen wir ihm auch nicht böse sein, wenn er alle Flüchtlinge für Wirtschaftsflüchtlinge hält.

Wenn wir eine Welt zeigen in der nichts so dramatisch ist wie in einem Hollywoodfilm und das eben nicht daran liegt, daß Hollywood maßlos übertreibt, sondern daran, daß wir als Journalisten alles abmildern, indem z.B. nach dem Flugzeugabsturz in der Ukraine scheinbar nur Koffer und Teddybären vom Himmel gefallen sind, dann weiß ich nicht ob das richtig ist.

Wenn wir als Journalisten uns die Hände nicht schmutzig machen wollen, wenn wir alles für daneben halten und vermeiden wollen, was die BILD macht, dann haben wir unsere Rolle (und die der BILD) falsch verstanden.

Auch der Umstand, daß wir uns als Journalisten gegen Leute, die ohne zu überlegen oder über so etwas wie eine journalistische Ethik nachzudenken alles bei youtube etc. veröffentlichen, abgrenzen wollen kann nicht dazu führen, daß deren Handlungen zum Maßstab unseres Handelns werden, weil wir nicht so machen wollen um uns abzugrenzen.

Und auch Verweise auf den Pressekodex wirken scvhwierig, wenn man den Opfer- und Angehörigenschutz anführt, aber keinerlei Anstoß an minutiösen Schilderungen des Videos in Texten (die zum Teil sogar die angebliche Kommunikation zwischen ihm und dem Täter wiedergeben) der Nennung von Merabets Namen oder der Benutzung von Portraitbildern nimmt.

Und vor allem:

Das Video um das es hier geht ist an sich nicht anstößig, man kann darauf kaum mehr Details erkennen als man aus den allüberall gedruckten Textschilderungen schon weiß. Das zeigt keine grausamen Details, kein Blut. Es ist kein Splattervideo. Es zeigt nur sehr nüchtern: Die haben den schon verletzt am Boden liegenden Polizisten hingerichtet.

Man könnte sogar soweit gehen zu sagen: Das Video korrigiert die Vorstellung des Lesers, die er nach einer Textschilderung und mit seiner Kinoerfahrung haben mag, nach unten. Es ist ganz anders als das Töten im Actionfilm. Töten ist hier etwas beiläufiges. En passant wird ein Leben völlig sinnlos ausgehaucht.

Die „zensierte“ Version die man bei uns im Fernsehen gezeigt bekommt und wo man sich mit dem Standbild und dem Ton des Schußes selbst etwas ausmalen muß, kann man durchaus auch als eine Form der Dramatisierung sehen. Möglicherweise ist das sensationsheischender als das ungeschnittene Video.

Vielleicht macht das Video die kranke Kälte der Tat erst begreifbar, weil es eben der Vorstellung im Kopf widerspricht. Und dann würde es durchaus für den Leser etwas zur „Geschichte beitragen“, eben in dem es etwas von seiner Vorstellung wegnimmt und zeigt wie die Dinge wirklich sind.

Und, „zeigen wie die Dinge sind“ ist doch eigentlich die Aufgabe des Journalismus.

 

 

 

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