Die Krise der Straßenfotografie ist keine!

Michael Ernest Sweet schreibt bei den Krautreportern über die Krise der „Straßenfotografie“. Krise? Welche Krise? (Vielleicht mal abgesehen davon, daß die Krautreporter kostenlose CC-Bilder von Flickr benutzen und man die Urhebernennung wirklich hart suchen muß…)

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Der ganze Text krankt an einem grundlegendem Mißverständnis, das offenbart sich schon ganz am Anfang in den Ausführungen zum mangelnden technischen/fotografischen Können der Anderen und dem Vergleich mit dem Zeichnen in der bildenden Kunst:

„In der bildenden Kunst muss man zeichnen können, was Geschick und Training voraussetzt. Wer darauf verzichtet und schlecht zeichnet, wird wahrscheinlich das Zeichnen aufgeben. Ähnlich werden in der literarischen Welt die meisten, die nicht gut schreiben, mit dem Schreiben aufhören.“

Offenbar rechnet Sweet die Fotografie nicht der bildenden Kunst zu. Und tatsächlich ist ja vieles, was unter dem Etikett „Streetphotography“ passiert eher ein Teil der darstellenden Kunst, mit dem Fotografen als Darsteller und Mittelpunkt, der fröhlich um sich selbst kreist.

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Aber das, was Michael Ernest Sweet, da für sich reklamiert, nämlich, das andere das eigene Werk als relevant erkennen, das erreicht man eben nicht, indem man das einfordert, man das am liebsten durch „Herausgeber, Verleger, Kuratoren sowie informierte und faire Kritiker“ verliehen bekommen möchte und man erklärt, daß die anderen schlecht(er) fotografieren und es ein inzestuöses Buddy-System gibt.

„Die Straßenfotografie-Community braucht weniger Straßenfotografen und mehr Herausgeber, Verleger, Kuratoren sowie informierte und faire Kritiker, ganz zu schweigen von wirklich interessiertem Publikum. (…) Aber das wird es brauchen, wenn wir Dinge umdrehen und diese Gattung der Fotografie vor einem Totalausfall bewahren wollen.“

„Vielleicht ist das aussagekräftigste Zeichen von allen, dass so gut wie keine Straßenfotografen Bücher oder Drucke von anderen Straßenfotografen kaufen, und schon gar nicht die Allgemeinheit. Wann war das letzte Mal, dass Sie als Straßenfotograf ein Buch von einem Kollegen gekauft haben? Ich meine nicht, eine Kopie von „The Americans“, ich meine, ein Buch von einem aufstrebenden zeitgenössischen Fotografen? Ah, Sie können also den „Gefällt mir“-Button drücken, aber ein paar Dollar rauszurücken, um dieses Bild von jemandes Großmutter auf Einkaufstour zu erstehen, das geht zu weit, nicht wahr? Lassen Sie uns rekapitulieren – fast jeder produziert Straßenfotografie und nahezu niemand kauft sie. Habe ich das richtig verstanden?“

Ja, das hat er wohl richtig verstanden: keiner kauft das Zeug! Die Frage ist nur: „Warum ist das so?“

Vorneweg müßte man dann mal feststellen, daß es die „Gattung“ Straßenfotografie in diesem Sinne ja garnicht gibt. Das, was vielen heute als die gute oder erfolgreiche Streetphotography gilt, also das was von vielen Menschen, außerhalb des Streetphotography-Dunstkreises, wahrgenommen wird, ist ist vor allem Fotojournalismus im öffentlichen Raum bzw. Alltag. Und nicht jeder mit einer Kamera auf der Straße produziert „Fotojournalismus“, denn Fotojournalismus braucht einen Inhalt, den es zu transportieren gilt. Und dieser Inhalt ist es, der das Interesse eines „wirklich interessierten Publikums“ weckt. Nicht irgendwelche technische oder gestalterische Brillanz. Und dafür gibt es auch längst „Herausgeber, Verleger, Kuratoren“, denn sonst wüßte ja niemand von diesen Bildern.

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Was Sweet nicht verstanden hat ist, daß die Relevanz der großen Köpfe und Arbeiten des Genres „Fotojournalismus im öffentlichen Raum/Alltag“ nicht aus einer inzestuösen Kaufkultur unter Fotojournalisten herrührt, wie er das als Lösung für die „Streetfotografen“ propagiert, sondern daß diese Bilder zur Zeit der Entstehung oder später, als historische Dokumente, eine solche inhaltliche Relevanz hatten bzw. haben, daß sie Menschen außerhalb der (Zitat) „inzestuösen Street-Photography-Community“ ansprechen, nämlich Herausgeber, Verleger, Bildredakteure, Kuratoren, Leser etc., und von diesen publiziert oder gekauft werden.

Und da der Text die Frage nach der inhaltlichen Relevanz irgendwie verfehlt, scheint es, als ginge es vor allem darum in eben der angeprangerten selbstbezogenen, „inzestuösen“ Gruppe eine Kaufkultur für die Arbeiten der anderen zu etablieren. Die dann, für die Fotografen in der Gruppe, symptomatisch etwas an der Bedeutungslosigkeit von inhaltsloser Fotografie ändert und zur Entstehung einer eigenen Struktur aus Herausgeber, Verleger, Kuratoren führt.

Aber „Kaufen im Kreis“ klingt insgesamt nicht weniger „inzestuös“ als „Schulterklopfen im Kreis“.

Die hier beschriebene Krise der Straßenfotografie ist, in meinen Augen keine, sondern eher ein gutes Zeichen. Es ist schlicht die Beschreibung des Umstandes, daß Fotografie zum Thema „condition humaine“ die keine Geschichte vom Leben und von den Menschen erzählt kein Echo findet und damit zu Beschäftigung des Fotografen mit sich selbst und der Fotografie verödet.

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