Demofotografie – Journalismus oder irgendwas erlebnisorientiertes

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„“Dieses Vorgehen der Einsatzkräfte ist skandalös und wird Konsequenzen haben“, kündigte die Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di, Cornelia Haß, an (…)“

Eine Nummer kleiner und besonnener hatte man das bei Verdi/dju, angesichts der Festnahme von 3 Fotografen in Stuttgart wohl nicht. Und wenn man sieht, was in der Türkei und anderswo geschieht, wo Journalisten wirklich inhaftiert werden, ist es schon fast unfreiwillig komisch.
Und wenn am Ende rauskommen sollte, daß das, was da vor Ort passiert ist, wirklich nicht ok war und ein „gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr“ mit Pressefreiheit u.U. tatsächlich nichts zu tun hat, dann hat man der Pressefreiheit einen Bärendienst erwiesen.

Und ich habe durchaus meine Probleme damit, zu verstehen, was an Randalefotos bei denen, wenn man die Menschen im Bild schon nur von hinten sieht, dann noch die Schuhe einzelner Personen verpixelt werden, nun der journalistische Ansatz ist. In vielen Fällen werden die entstandenen Fotos nur bei Flickr gezeigt und sind dort so umfassend verpixelt, daß eine journalistische Nutzung abwegig erscheint. Bilder einer Demo bei denen alle Gesichter außer die der Polizisten am Rand verpixelt sind, das druckt einfach niemand. Und auch Polizisten in IPTC-Captions als Bullen zu bezeichnen, ist journalistisch schwierig.

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Warum ich da immer etwas vorsichtig bin: Mancher erinnert sich vielleicht noch an den Fall von dem Fotografen aus Hamburg, dessen Wohnung durchsucht wurde und wo es auch einen dieser Pressefreiheit-Aufschreie gab. Kann aber sein, daß es wohl eher darum ging, daß er sich vor einem parkenden Polizeifahrzeug aufgestellt und wiederholt den darin sitzenden Beamten mit Blitz fotografiert hatte, bis dieser dann den Arm vor sein Gesicht hob. Dieses Bild wurde dann bei Facebook gepostet und die Armhaltung per Bildunterschrift („heil…“) in die Nähe des Hitlergrußes gebracht. Ein klassischer Fall von Verleumdung. Außerdem wurden jede Menge Kennzeichen von Zivilfahrzeugen der Polizei gepostet.
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Pressefreiheit heißt nicht, daß man über dem Gesetz steht, sobald man sich für einen Journalisten hält. Auch wenn wir Journalisten da sehr großzügig sind, wenn es um die Frage geht wer Journalist ist.

Und es ist bemerkenswert, daß es immer wieder die selben Leute trifft, und das das gerade die sind die ihre Körper am umfassendsten mit der Beschriftung „Presse“ pflastern, wogegen andere nahezu unbehelligt von derartigen Ereignissen berichten können.

Wenn mancher aber gleich die Botschaft „Pressefreiheit paßt leider nicht jedem“ auf dem Rucksack mit sich rumträgt, dann kommt man nicht umhin, den Eindruck zu gewinnen als wäre das Ziel weniger Berichterstattung als „Wir fangen hier heute mal Streit für die Pressefreiheit an“ bzw. für das, was man dafür hält.

Manchmal müßte man sich als „Journalist“ – und ich habe solche „Ich habe einen Presseausweis, deswegen müssen jetzt alle machen, was ich will und heute zeige ich Euch allen mal wie Pressefreiheit geht“-Auftritte schon zur genüge in freier Wildbahn miterleben müssen – dann aber mal fragen, ob es nicht besser wäre mal mit dem eigenen Ego einen Schritt zurück zu machen und nicht jedem Polizisten zeigen zu wollen, „wo der Hammer hängt“. Manchmal wäre es für die Pressefreiheit sicher besser, wenn man intelligente Entscheidungen trifft, die vor allem darauf abzielen sollten, daß man eben berichten kann, statt sich mit Polizisten anzubrüllen oder abgeführt zu werden. Den politischen Kampf bei einer Demo sollte man den Demonstrierenden überlassen oder Kamera und Presseausweis zuhause lassen.

Ist es wirklich wichtiger, sich in der „Verteidiger der Pressefreiheit“-Pose mit Polizisten zu streiten als über das, was da passiert zu berichten, dann muß man sich mal fragen, warum man denn da überhaupt vor Ort ist. Berichterstattung oder eher irgendwas erlebnisorientiertes.

Ist „Demofotografie“ für manchen vielleicht eher eine Art Lifestyle mit Kamera, Helm, Gasmaske und dem dicken „PRESSE“ Schriftzug? Passend zum Konzept Demofotografie als Lifestyle bietet mancher dann auch gleich Sticker an, die sich die Demoteilnehmer beim Fotografen abholen können? Die Währung mit der gezahlt wird sind Facebook-Likes der Demonstranten. Nur, was hat das mit Journalismus zu tun?

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Und auch die Heftigkeit mit der man sich bei jedem Gerangel mit der Polizei öffentlich als Opfer inszeniert und gleich das passenden Meme zum Posten bereitliegen hat, die überrascht mich auch immer wieder. Und es überrascht mich, daß man all das dann nicht unter seinem echten Namen macht, sondern sowas gerne unter Pseudonymen gepostet wird. Journalismus sollte, jedenfalls solange es im Land aktuell keine Todesschwadrone gibt, nicht aus der Deckung eines Tarnnamens agieren. Auch wenn das natürlich viel vom Abenteuer wegnimmt.
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One thought on “Demofotografie – Journalismus oder irgendwas erlebnisorientiertes

  1. Hallo Sascha,

    das hast du gut beschrieben, es brennt mir auch schon einige Zeit unter den Nägeln. Ich bin durchaus ein Freund von Journalisten „mit Haltung“, Journalisten (und sicher auch Fotografen, die als Journalisten arbeiten) müssen nicht „neutral“ sein (was sowieso wohl schwerlich möglich wäre).
    Man kann durchaus schreiben/berichten, dass man das, was beim AfD-Parteitag beschlossen wurde, völkische Ideologie ist, die man richtig scheiße findet, weil sie gefährlich ist (letzteres muss man nur schreiben, wenn man glaubt, dass der Leser nicht selbst begreift, dass völkische Ideologie von einem demokratischen/pluralistischen Standpunkt abzulehnen ist). Das kann man in Kommentaren schreiben, in Leitartikeln, in politischen Beiträgen, aber auch ruhig mal in einem um Objektivität bemühten Bericht/Magazinbeitrag. Einordnung ist wichtig und dem Leser/dem Zuschauer sollten möglichst viele Informationen mitgeteilt werden. Welche das sind, sollte sich auch aus der Selbstbezeichnung. Sicherlich wird eine linksextremistische Zeitung wie die „junge Welt“ weniger um demokratische Werte besorgt sein (und diese dann auch in ihren Artikeln verteidigen) als z.B. die linksliberale „Frankfurter Rundschau“. So hat auch der öffentlich-rechtliche WDR eine andere (nämlich demokratisch-orientierte) Anschauung, die die Redakteure vertreten als „Russa Today“ oder die „Deutsche Stimme“. Ich finde die antiliberalen Haltungen nicht richtig, aber ich finde es in Ordnung, dass sie verbreitet werden. Das ist Pluralismus.
    Bei Fotografen-„Kollektiven“ wie „Demofotografie HH“ (oder ist das nur eine Person?) stelle ich mir doch genau wie du die Frage, ob das jetzt Fotografie um des Fotografierenwillens ist oder wirklich Journalismus (für welchen Auftraggeber sind die denn unterwegs, oder wenn komplett frei: wo veröffentlichen sie regelmäßig?). Heutzutage kann jeder eine Facebook-Seite machen und da Geschichten und Fotos veröffentlichen (was ich im Grunde gut finde –> Pluralisierung), aber die Seiten, zumal wenn sie ohne Realimpressum arbeiten, scheiden als zuverlässige Quelle aus, da die Infos/Behauptungen nicht überprüfbar sind und auch mögliche „Opfer“ ihrer Kampagnen, Artikel, Fotoveröffentlichungen keine Möglichkeit einer rechtstaatlichen Begutachtung haben, da sie anonym geäußert werden. Wer nicht haftbar gemacht werden will, wird schon seine Gründe dafür haben. Von mir aus sollen sie sich Journalisten nennen, aber sie sind es nicht in dem Sinne, wie man Journalismus bisher kannte.
    Wenn jemand von einem Steinewerfer auch noch die Füße unkenntlich macht, ist das doch kein Journalist (mehr), sondern ein Sympathisant der Kriminellen. Wer Straftaten in der Öffentlichkeit begeht, muss seine Persönlichkeitsrechte (seit wann haben Schuhe diese überhaupt?) hinten anstellen, da gibt es zahlreiche höchstrichterliche Urteile (zumindest was das Zeigen der Straftäter bei der Tatbegehung betrifft), bei Demonstrationen gilt das natürlich besonders. Journalistischer Anspruch sollte es doch sein, gerade im Bild-Bereich, möglichst viel zu zeigen. Die Selbstzensur, zumal dann noch durch Verpixelung im eigenen Foto (!) kann einem Journalisten doch nicht gefallen! Es wird nur das herausgeschnitten/verpixelt, was laut Justiziar unbedingt muss (Ausnahmen natürlich Kinder usw.).
    Davon ab verstehe sowieso nicht, weswegen man Gegendemonstranten von Naziaufmärschen pixelt. Sie sind doch in der Öffentlichkeit, sie wollen demonstrieren (niemand zwingt sie – anders als Polizisten, die dienstlich dort sind). Das muss also ideologische Motive des Fotografen haben, dass man sie verpixelt. Solche Bilder sehen aber einfach – pardon, das zweite Mal schon dieses Wort hier – scheiße aus. Ich will doch die Emotionen sehen, ich will sehen, wer ist da auf der Straße, wer setzt sich gegen Nazis ein. Bei Naziaufmärschen verpixeln die genannten „Journalisten“ ihre Fotos ja nicht… Ob es einer engagierten Demokratin besonders gefällt, dass sie nur in einer verpixelten Masse erschein, wage ich zu bezweifeln. Aufrichtige Menschen stehen zu ihren Überzeugungen.*

    Übrigens: Kurze Recherche im Internet zeigt, dass durchaus linke Fotografen, die sich nicht dem linksextremistischen „alles verpixeln oder du bist keiner von uns, und das willst du doch sein“ beugen, offen angefendet werden. Es gibt auf einer linksextremistischen Internetplattform (auf der sicher auch nicht-extremistische Inhalte verbreitet werden), unter der Überschrift „(B) Sponti für Linie206“ in den Kommentaren einen Hinweis, dass ein Björn K., der offenkundig hauptberuflich als Fotograf arbeitet (und in der Türkei festgenommen wurde), ein Foto unverpixelt und dann auch noch an ein Springer-Blatt verkauft hat. Da liest sich doch schon die Anspruchshaltung von solchen Menschen heraus, die da öffentlich (!) demonstrieren gehen. Es wird daraufhin dazu aufgerufen, dem Fotografen beim nächsten Mal die Kamera zu rauben. Unfassbar!

    * An diejenigen, die bei Demonstrationen nicht gefilmt, fotografiert werden wollen: Dann geht eben nicht auf die Straße, begebt euch nicht in die Öffentlichkeit, schon garnicht auf Demonstrationen. Dann könnt ihr euch sicher sein, dass ihr auf keinem Foto seid. Und jene, die das Argument „Nazis nutzen die Fotos, um Leute dann ausfindig zu machen und einzuschüchtern oder schlimmeres“ bemühen: Ja, das kann passieren. Allerdings darf JEDER in der Öffentlichkeit fotografieren, es ist also um einiges leichter für Nazis, selbst hochauflösende Bilder zu machen als sich auf 800×600-Pixel-beschränkte Fotos aus dem Netz oder der Tageszeitung zu beschränken. Und: Wir leben glücklicherweise nicht im Jahr 1930, wo ich ein solches Argument (mit der heutigen Technik) verstehen könnte. Wir haben keine rechtsextremistischen Mehrheiten, wir haben eine funktionierende Polizei. Und: Nur weil jemand etwas böses mit einem Gegenstand (in dem Falle einem Foto) machen kann. Besonders schlimm finde ich es jedoch, wenn die linken Fotografen (das dürfte die Mehrheit der „Demofotografen“ betreffen) selbst ihre Fotos für Steckbriefe über angebliche Nazis (oder Rechte, AfD-Aktivisten usw.) zur Verfügung stellen. Das ist nicht daselbe wie wenn Nazis Demokraten bedrohen, erinnert aber stark an Neonazimethoden und es ist einfach selbst eine Straftat, basta!

    Mit den besten Grüßen,
    Zarah

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