Es gibt kein richtiges Selfie im Falschen (Licht)

Machen wir es kurz: Nein, das ist sicher nicht das „best selfie ever taken“. Es ist eher einer der „worst Photoshop jobs ever done“.

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Denn das Bild, das die NASA ins Netz gestellt hat, und das da jemand verbastelt hat, hat keinen fiesen Blaustich und das Licht stimmt.

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Quelle: http://www.nasa.gov/mission_pages/station/multimedia/gallery/iss032e025258.html

 

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Wie man sich gemein macht…

Jan Böhmermann hat im Nachgang des Streits um das Bild das Martin Langer in Rostock-Lichtenhagen gemacht und welches Böhmermann unberechtigt genutzt hat, heute ein Foto gepostet, in dem er und ein Mitarbeiter das Bild nachstellen und meinen sie würden sich damit über Langer lustig machen.

Das Lachen sollte einem im Halse stecken bleiben.

Wäre das Satire in einem politischen Kontext, der sich mit Lichtenhagen auseinandersetzt, geschenkt. Aber hier geht es darum die eigenen Befindlichkeiten wegen der Abmahnung zu zelebrieren. Und wohl auch die eigene Sendung zu promoten.

Ich fand es schon grenzwertig, als Böhmermann an anderer Stelle versuchte (um Martin Langer moralisch in die Ecke zu stellen) sich zum Anwalt des im Bild zu sehenden Harald Ewert zu machen und den gleichsam zum Opfer des bösen Fotografen umzudeuten, der Ewert oder dessen Angehörige gefälligst an den Einnahmen aus der Abmahnung beteiligen müßte.
Einen Typen der mit dem Hitlergruß in der Menge stand, die die Akteure des Pogrom von Lichtenhagen angefeuert hat, der nach eigener Aussage auch genau deswegen dahingefahren ist (Dosenbier inklusive) soll dafür entlohnt werden. Und er verdient das wohl auch mehr als der Fotograf, der das Pogrom dokumentiert hat, denn das ist ja nur der böse Persönlichkeitsrechtsverletzer und Abmahner. Das ist schon schwer erträglich.Aber das heutige Bild ist schlicht widerlich und offenbart eine bizarre, erschreckende Weltsicht.

 

Update:

Mittlerweile kommentiert Böhmermann einen Text von Martin Langer bei

http://kwerfeldein.de/2015/01/28/eine-geschichte-zum-thema-urheberrecht-im-internet/

und macht sich endgültig zum Anwalt der Fans des Pogroms von Lichtenhagen, ja er behauptet sogar man hätte dieses Bild nicht veröffentlichen dürfen. Und einen Sinn hätte dieses Bild (das anderem in die Sammlungen des Hauses der Geschichte in Bonn und des Deutschen Historischen Museum in Berlin aufgenommen wurde) nur, wenn es dazu führt, daß man in Zukunft Bilder kostenlos bei twitter posten kann.

„Aber, das würde ich mir wünschen, Herr Langer, erst wenn irgendwann die normalen Internetprivatnutzer von unserer Meinungsverschiedenheit etwas haben – nämlich eine praktikable Rechtsnorm – erst dann hätten sie 1992 das Persönlichkeitsrecht des betrunkenen, unglücklich „bierbefleckten“ und vor allem offenbar nicht mit einem ähnlich engagierten Rechtsbeistand wie dem Ihren ausgestatteten Harald Ewert († 2006) nicht vollends umsonst verletzt. Oder gab es das Persönlichkeitsrecht wie wir es heute kennen 1992 noch nicht? Fragen Sie doch mal Ihren Abmahnanwalt. Oder blättert der gerade noch bei „Rechtsmissbrauch“?“
„Das Foto ist überhaupt nur deshalb jemals veröffentlicht worden, weil Martin Langer und seine Auftraggeber, jetzt sage ich es mal derb, bestehendes Recht ignoriert haben.“

Da in Rostock-Lichtenhagen sind beinahe Menschen umgekommen. Nur mal zur Erinnerung: http://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_in_Rostock-Lichtenhagen

Experiment oder schönes Leben ohne Geld und Steuern

Ja, ich weiß: Ich bin ein Spielverderber.

Viele Menschen (und auch Fotografen) finden es toll, was Shantanu Starick macht. Der zieht als Fotograf ohne Geld durch die Welt und läßt sich von Mensche, für die er arbeitet, in Naturalien bezahlen.

http://www.zeit.de/2014/45/fotograf-shantanu-starick-tausch

Wer das Interview in der Zeit liest, der kann da erfahren, daß Starick, das für „ein mehrjähriges anthropologisches Experiment“ hält. Und irgendwie klingt das auch alles super cool, harmonisch und unheimlich sozial statt kapitalistisch. Wenn er z.B. erklärt

„Geld beeinflusst, wie Menschen miteinander umgehen. In Freundschaften spielt es bestenfalls keine Rolle. Indem ich es weglasse, begegne ich meinen Tauschpartnern auf freundschaftlicher Ebene.“

Aber wenn man es mal ganz nüchtern aus der Sicht von John Harrington sieht

http://photobusinessforum.blogspot.de/2015/01/the-liability-of-bartering-for.html

dann kann man das ganze eben auch schlicht als Arbeiten an der Steuer vorbei sehen. Denn alles was er von seinen Auftraggebern bekommt, würde auch das deutsche Finanzamt als eine Art „geldwerten Vorteil“ sehen, den man versteuern müßte, sonst ist es Schwarzarbeit.

Zudem unterstützen die „Gastgeber“ ihn auch nicht einfach bei „seinem Projekt“, man kann ihn, wenn ich das auf seiner Homepage richtig vrstehe, auch als Fotografen für die Hochzeit buchen. Und auch Hotels scheinen ihn für ein paar Tage „bei sich wohnen“ und er fotografiert denen neue Werbefotos.

Und spätestens, wenn er schildert, daß eine australische Firma für die er öfter „auf freundschaftlicher Ebene“ gearbeitet hat, ihm als ein „Gastgeber“ ausfällt, die Unterkunft und Essen gezahlt hat und sich damit ein Guthaben erworben hat, da wirkt das alles sonderbar.

„Eine australische Firma, mit der ich schon öfter gehandelt hatte (sprang da ein). Sie buchten mir ein Zimmer und übernahmen die Kosten, damit ich nicht im Freien schlafen musste. Meine „Schulden“ arbeitete ich zu einem späteren Zeitpunkt ab.“

Drei Tage irgendwo wohnen und sich den kompletten Lebensunterhalt bezahlen lassen, das ist schon eine durchaus relevante „Bezahlung“ für einen Fotojob. Und Starick führt, ja im Interview am Beispiel eines Mannes, der ihn für einen Couch-Surfer hielt, auch aus, daß er mit einem Schlafplatz nicht zufrieden ist und dann Forderungen stellt:

„Ich musste ihm erklären, dass es mit dem Schlafplatz nicht getan ist. Dass ich eigentlich mehr als eine Mahlzeit am Tag brauche und dass es nett wäre, wenn er mir eine Fahrkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel kaufen würde. “

Irgendwie erscheint das „Leben ohne Geld“ dann doch nicht mehr so sehr als Experiment bei dem man Menschen auf einer freundschaftlichen Basis begegnet. Und er spricht ja auch vom Handeln.

Eigentlich wird Geld hier nur durch Sachleistungen ersetzt und da stellt sich dann schon die Frage, ob das versteuert wird oder werden müßte.

Ich kann mir von meinen Kunden ja auch nicht Autos und Freßkörbe schenken lassen und das Finanzamt hört nie wieder von mir, bei Einnahmen aus oder im Ausland kommen keine spannenden Formulare mehr, weil aus meiner freiberuflichen Tätigkeit ein Experiment geworden ist, da obendrein eine schicke Marketingmaßnahme ist.

Nüchtern betrachtet…

Das Video aus Paris

Es ist einfach, das Video, welches die Erschießung des Polizisten Ahmed Merabet zeigt zu verdammen und zu fordern, man dürfe das nicht zeigen. Gerne auch mit dem Argument, die Bild habe das getan. Und gerade las ich bei Facebook den Vorwurf, daß man versuche eine Rechtfertigung dafür, das Video zu zeigen, herbeizukritteln, indem man es durch Vergleiche mit Bildern/Filmen aus dem Vietnamkrieg zum historischen Dokument erklärt.

Vielleicht macht man es sich aber auch schlicht zu einfach, wenn man das Video (oder genauer gesagt einen sehr kurzen Teil davon) verdammt.

Einer der Denkanstöße, sich bei unserem heutigen Umgang mit Bilder von Gewalt und Grauen auch mal historisch nach hinten zu orientieren, ist sicher Fabian Mohrs Text aus dem letzten Jahr, der eben unter anderem die Frage aufwarf, ob viele der Bilder, die für uns heute Ikonen sind, heute überhaupt noch eine Chance hätten, gedruckt zu werden:

http://www.fabianmohr.de/2014/07/22/why-show-dead-people-in-the-news/

Es geht bei Hinweisen auf den Vietnamkrieg und z.B. Capas sterbenden Soldaten aus dem spanischen Bürgerkrieg nämlich weniger darum etwas herbeizukritteln, sondern um die Frage ob der aktuelle Umgang mit Bildern die schreckliche Ereignisse zeigen angemessen ist oder ob man den Menschen nur eine weichgespülte Version der Welt zeigen will, die sich zwischen den Anzeigen besser macht. Nicht zuletzt erfolgt der Hinweis auf historische Ikonen unseres kollektiven Gedächtnisses auch deshalb, weil in Diskussionen oft so getan wird, als habe man es heute mit einer Internet-bedingten Verrohung zu tun, was mit einem Blick auf den ungeschönten Bildjournalismus vergangener Zeiten durchaus bezweifelt werden darf.

Gerne wird dann argumentiert, daß z.B. ein Foto, das die Opfer oder Taten zeigt , „nichts zur Geschichte beiträgt“. So als wäre das klinisch reine Symbolbild oder gleich nur ein Piktogram in den meisten Fällen die journalistisch bessere Lösung.

Das ist dann in der Konsequenz entweder eine Art Bilderverbot eines von Textjournalisten beherrschten Journalismus, die Einschränkungen durch die ethische Verantwortung auf die Fotografen auslagern, denn im Text darf man alles schildern. Oder, es setzt auf der gefährlichen Argumentation auf, der Leser könne sich das vorstellen oder wüßte wie das war/ist. So als bräuchte, wer „Apocalypse Now“ und „Saving Private Ryan“ gesehen hat, Nick Uts Bilder vom Napalmangriff und Capas Bilder von der Landung in der Normandie nicht mehr, weil er das ja alles schon aus dem Hollywoodfilm kennt. Oder die Bilder vom Vietnamkrieg machen Bilder aktueller Ereignisse überflüssig.

Aber vielleicht geht es genau darum. daß jeder in seiner Komfortzone bleiben kann, sich Ereignisse auf der Basis seines bisherigen Erfahrungshorizonts, anhand der Schilderung im Text, so in der Fantasie ausmalen kann wie es für ihn erträglich ist. Gerne auch mit dem Wissen, daß Tom Hanks und die anderen nach der Landung in der Normandie „gefallenen“ karrieremäßig einen Schritt nach vorne gemacht haben und bald im nächsten Film mitgespielt haben. Aber Ahmed Merabet wird nie wieder in einem Film mitspielen, weil er auch in dem Video nicht mitspielt.

Da müssen wir uns als Journalisten durchaus mal Gedanken drüber machen statt mit der Moral als tapfer vorneweggetragenem Schild ein Zeigen des Videos verbieten zu wollen. Ganz besonders, wenn man das Video dann doch zeigt, im entscheidenden Moment aber ein Standbild mit Vignette macht und nur den Ton weiterlaufen läßt, wo man dann den Schuß hört.

Und es geht bei der Frage ja nicht nur um Ereignisse wie jetzt in Frankreich, sondern auch um den Umgang mit Ebola, Flüchtlingselend in den Lagern rund um Syrien, Hungersnöten etc. Wenn wir alles immer in der Komfortzone des Lesers lassen, dann dürfen wir ihm auch nicht böse sein, wenn er alle Flüchtlinge für Wirtschaftsflüchtlinge hält.

Wenn wir eine Welt zeigen in der nichts so dramatisch ist wie in einem Hollywoodfilm und das eben nicht daran liegt, daß Hollywood maßlos übertreibt, sondern daran, daß wir als Journalisten alles abmildern, indem z.B. nach dem Flugzeugabsturz in der Ukraine scheinbar nur Koffer und Teddybären vom Himmel gefallen sind, dann weiß ich nicht ob das richtig ist.

Wenn wir als Journalisten uns die Hände nicht schmutzig machen wollen, wenn wir alles für daneben halten und vermeiden wollen, was die BILD macht, dann haben wir unsere Rolle (und die der BILD) falsch verstanden.

Auch der Umstand, daß wir uns als Journalisten gegen Leute, die ohne zu überlegen oder über so etwas wie eine journalistische Ethik nachzudenken alles bei youtube etc. veröffentlichen, abgrenzen wollen kann nicht dazu führen, daß deren Handlungen zum Maßstab unseres Handelns werden, weil wir nicht so machen wollen um uns abzugrenzen.

Und auch Verweise auf den Pressekodex wirken scvhwierig, wenn man den Opfer- und Angehörigenschutz anführt, aber keinerlei Anstoß an minutiösen Schilderungen des Videos in Texten (die zum Teil sogar die angebliche Kommunikation zwischen ihm und dem Täter wiedergeben) der Nennung von Merabets Namen oder der Benutzung von Portraitbildern nimmt.

Und vor allem:

Das Video um das es hier geht ist an sich nicht anstößig, man kann darauf kaum mehr Details erkennen als man aus den allüberall gedruckten Textschilderungen schon weiß. Das zeigt keine grausamen Details, kein Blut. Es ist kein Splattervideo. Es zeigt nur sehr nüchtern: Die haben den schon verletzt am Boden liegenden Polizisten hingerichtet.

Man könnte sogar soweit gehen zu sagen: Das Video korrigiert die Vorstellung des Lesers, die er nach einer Textschilderung und mit seiner Kinoerfahrung haben mag, nach unten. Es ist ganz anders als das Töten im Actionfilm. Töten ist hier etwas beiläufiges. En passant wird ein Leben völlig sinnlos ausgehaucht.

Die „zensierte“ Version die man bei uns im Fernsehen gezeigt bekommt und wo man sich mit dem Standbild und dem Ton des Schußes selbst etwas ausmalen muß, kann man durchaus auch als eine Form der Dramatisierung sehen. Möglicherweise ist das sensationsheischender als das ungeschnittene Video.

Vielleicht macht das Video die kranke Kälte der Tat erst begreifbar, weil es eben der Vorstellung im Kopf widerspricht. Und dann würde es durchaus für den Leser etwas zur „Geschichte beitragen“, eben in dem es etwas von seiner Vorstellung wegnimmt und zeigt wie die Dinge wirklich sind.

Und, „zeigen wie die Dinge sind“ ist doch eigentlich die Aufgabe des Journalismus.

 

 

 

Ethik

Der schweizer Fotograf Reto Camenisch geißelt in einem Interview Bilder von Jérôme Sessini als „eine Barbarei, die jede Grenze überschreitet“:
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Ein-totaler-moralischer-Bankrott/story/11761719

Viele Kollegen geben Camenisch uneigeschränkt Recht.

Ich weiß es nicht. Ich habe aber das Gefühl, daß es sich Camenisch vielleicht etwas einfach macht.

Denn, das kann man auch anders sehen, und ich denke da zum Beispiel an Fabian Mohrs Text, der die Frage aufwirft, ob die Einstellung, daß man keine Leichen zeigen sollte, weil „das nichts zur Geschichte beiträgt“ richtig ist:

http://www.fabianmohr.de/2014/07/22/why-show-dead-people-in-the-news/

Da müssen wir uns dann schon fragen, ob es andersrum gedacht nicht etwas von der Geschichte wegnimmt, wenn man den Tod bei einem Ereignis wie dem Abschuß von MH 17 nur im Text (als Opferzahl?) schildert und es der Phantasie des Lesers überläßt sich da ein Bild zu machen? Ein Bild, das oft zur Verharmlosung neigt. Oder, wenn man mit Symbolen wie Bilder von Kinderspielzeug auf einen Acker arbeitet.

Was das auf Dauer bewirkt merkt man zum Beispiel am Umgang mit dem Tod aber vor allem mit Verletzten in unserer Gesellschaft und den Medien.

„Verletzung“ wird oft nur noch als „halb so schlimm“ gegenüber dem noch höher tabuisierten Tod begriffen und gerne aus der eigenen Erfahrung mit verstauchten Füßen und Schnittverletzungen bei der Küchenarbeit gedacht. Die Verletzten erscheinen oft als die „Glücklichen“, so als würden alle Wunden an Körpern und Seelen so schnell und vollständig heilen, wie die Öffentlichkeit das Ereignis vergißt.

Das macht z.B. die Bilder von Andrea Gjestvang zu Utøya so bedeutsam. Sie zeigen, daß Verletzung ein tieferer Einschnitt ins Leben ist, daß Heilung langsamer verläuft als der Leser, der nur einen Text hat das imaginiert, oder daß Heilung manchmal garnicht oder nicht vollständig erfolgt:

http://andreagjestvang.com/photography-2/one-day-in-history/

Sicher sind das auch Bilder, die viele Menschen „sich nicht zumuten“ wollen, wie Camenisch es formuliert.

Vielleicht sollte man erstmal die Bilder anschauen, um die es geht. Und ja, die sind hart. Aber das Ereignis, um das es da geht ist das eben auch.

Hier die veröffentlichten Bilder:

http://lightbox.time.com/2014/07/18/malaysia-airline-ukraine-crash-jerome-sessini/#1

http://www.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=CMS3&VF=MAGO31_4&VBID=2K1HZOQ8FP3TIR&IID=2K1HRGBQZM17&PN=2

Und hier die Bilder im Magnum-Archiv :

http://www.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=SearchResult&VBID=2K1HZOQP938383&SMLS=1&RW=1874&RH=1021

Wer da von „einer Barbarei, die jede Grenze überschreitet“ und einem „totalen moralischen Bankrott“ spricht also quasi einen Superlativ der Verwerflichkeit bemüht, der begeht den Kardinalsfehler, daß er die Bilder gleichsam auf eine Stufe mit dem Abschuß des Passagierflugzeuges, um den es geht, stellt.

Wobei der Umstand, daß Time z.B. nicht alle Bilder veröffentlicht und auch Magnum bei der Auswahl auf der Website da eine Auswahl getroffen hat, es schwierig macht, Sessini auch wegen der nicht veröffentlichen Motive so an den Pranger zu stellen, besonders, wenn man dann auch Christoph Bangerts „War Porn“ anführt und da kein Problem sieht, mit dem Argument: „Bangert ist ein verdienter Fotograf, und gegen sein Buch lässt sich nichts sagen, weil es einen ganz anderen Kontext für solche Bilder schafft: Es mutet sie einem nicht unvorbereitet zu.“

Magnums Archiv (und wenn er „Suchbegriff sagt, kann es nur ums Archiv gehen) sieht Camenisch dagegen als einen Ort an dem Menschen diese Bilder „unvorbereitet zugemutet werden“: „Es brauchte gar keine Presse, um Sessinis Bilder zu veröffentlichen. Dafür hat Mag­num gleich selber gesorgt: Auf der Website der Agentur kann sie sich jeder ansehen, der will – in guter Auflösung, ohne Passwort, mit einem einfachen Suchbegriff. Das ist schon ein Teil des Skandals.“

„Dieser Fall handelt davon, mit welchen Mitteln sich ein Fotograf und eine Agentur ins Gespräch bringen wollen.“ ist ein Vorwurf, für den ich schon mehr als Belege/Argumente bräuchte, daß die Agentur drastische Bilder im Archiv hat.

„Die Gründer wollten einen ethisch hochwertigen, einen humanistischen Bildjournalismus. Davon scheint nichts mehr übrig geblieben zu sein. Hier geht es nur noch um fotografische Eitelkeit, visuelle Dezibelstärken, medialen Opportunismus.“

Das führt zu einer weiteren Frage die Fabian Mohr aufgeworfen hat: „Take a minute and watch a few iconic photographs that have been published in the 20th century. Ask yourself – would they (or similar subjects) appear on a 2014 newspaper front page, on a quality news website or on TV evening news?“

Ist dieses Bild ähnlich unmoralisch?:http://mediastore.magnumphotos.com/CoreXDoc/MAG/Media/TR2/4/5/6/9/PAR126778.jpg

Halten wir nicht viele dieser Bilder heute für humanistische Statements? Oder handelt es sich auch dabei um „fotografische Eitelkeit, visuelle Dezibelstärken, medialen Opportunismus“?

Wenn Camenisch auf den Einwand des Interviewers, Bangert habe gesagt, unmoralisch sei nicht das Zeigen sondern das Wegsehen, entgegnet: „Es ist überhaupt nicht unmoralisch, wenn sich jemand solche Anblicke nicht zumuten will.“ dann ist das ein gefährliches Argument, denn es postuliert, daß nur gezeigt werden darf, was jederman sich zumuten mag. Sollte das der Maßstab sein, an dem sich die Beantwortung der Frage, was man als Fotograf fotografieren und was ein Medium publizieren kann, orientieren sollte?

Wie Symbolbilder das Sehenkönnen zerstören

Symbolbilder sind Bilder die nicht wirklich das zeigen, worum es geht, sondern etwas, das symbolisch für das Thema steht. Das kann durchaus eine Berechtigung haben, weil man eben viele Dinge nicht wirklich fotografieren kann. Und dann bebildert man einen Text zum Thema „Liebe“ z.B. mit einem Bild zweier Schwäne, deren Hälse ein Herz bilden.

Symbolbilder haben dummerweise aber auch den Vorteil, daß sie billig sind, wenn man sie von Micro Stock Agenturen bezieht, statt sie von konventionellen Agenturen zu beziehen oder sie etwa selbst in Auftrag zu geben. Das führt dazu, daß man auch gerne zum Symbolbild greift, wo das Symbolbild eigentlich nicht paßt. Sternstunden ergeben sich, wenn man bei der Bildauswahl den falschen Tornado erwischt (also z.B. Wirbelsturm statt Kampfflugzeug und umgekehrt) oder wenn man einen Bericht über ein Feuer in X-Dorf mit dem Bild eines Feuerwehrautos bebildert auf dem groß „FEUERWEHR B-STADT“ steht oder man gleich amerikanische Feuerwehrleute einkauft.

Symbolbilder sind bequem und machen bequem. In vielen Redaktionen fehlt es heute an echten Bildredakteuren. Den mit dem Bebildern befaßten Mitarbeitern fehlt oft die Zeit sich intensiv mit der Suche nach geeigneten Bildern zu befassen, weil sie das neben ihren sonstigen Aufgaben erledigen müssen. Erschwerend kommt hinzu, daß viele von ihnen „Bildredakteur“ nicht gelernt oder gar Fotografie studiert haben, sondern sich ihre Kenntnisse von anderen abgeschaut haben. Das führt zu einer Potenzierung von Unwissen im Bezug auf Bilder, man macht Dinge, wie man Dinge eben macht. Und weil man eben so gesehen hat, daß man für einen Artikel über Computer Hacker und Cyber Kriminalität woanders auch immer „so ein Bild“ nimmt, schafft man es, völlig abseitige Ikonographien zu erschaffen. Eine Art Teufelskreis, der im Extremfall Stoff für Satire bieten:

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Denn würde man danach gehen, auf welche Weise viele Medien Geschichten über Hacker bebildern, dann säßen die wohl wirklich mit Sturmhauben zuhause oder besser noch irgendwo in einem Cafe mit W-LAN an ihren Notebooks. Und gibt man „Computer“ und „Hacker“ bei der google Bildersuche ein, dann sieht man: Das hat sich durchgesetzt.

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Denn hier kommt dann wohl noch ein anderer Mechanismus der Symbolbild-Welt zum Zuge: Die Micro Stock Produzenten produzieren, was sie für verkaufbar halten. Und verkaufbar ist, was gedruckt wird. Womit wir den zweiten Symbolbild-Teufelskreis gefunden hätten. Nartürlich geben die miesen Preise des Micro Stock Marktes keine großen Budgets für Produktionen her und die Flut der „Nachschöpfungen“ und „inspirierten Werke“ reduzieren die Verkäufe der einzelnen Bilder nochmals. Somit geht der Trend zusätzlich zum billig zu produzierenden Symbolbild.

Das alles hat Auswirkungen auf die Art und Weise wie Menschen Fotos sehen und wie Menschen Fotos verstehen. Im Grunde genommen ist es so, als würde man zu einem Kind sein ganzes Leben lang in Babysprache sprechen und in der Folge kennt das Kind nur einen Begriff für Lebensmittel und Essen: „HAPPA!!!“ Weil seine Eltern und sein Umfeld zu allem was es zu essen gab immernur „HAPPA!“ gesagt haben.

Klingt das abwegig oder überzogen? Nun, dann werfen wir mal einen Blick auf diesen Beitrag bei africasacountry.com:

Afrika ist eine Baum im Sonnenuntergang. Oder vielleicht reicht sogar nur irgendwas mit Orange. HAPPA! (Übrigens hätte ich beim letzten Bild in der vierten Reihe eher „Toskana“ gedacht.)

Die spannende Frage ist, ob Menschen, die mit solchen Piktogrammen aufwachsen überhaupt noch in der Lage sein werden andere Afrika-Motive als „Afrika“ zu lesen und zu verstehen. Und da geht es dann nichtmal um so komplexe Dinge wie Hahn und Hartungs brilliante Serie „The Forgotten“, die uns eine afrikanische Mittelschicht zeigt, die auch ein Afrikabild, das über „Orange“ hinausgeht in Frage stellt. Für jemanden mit dem Afrikabild der Buchcover wird die Einordnung dieser Bilder nahezu unmöglich.

Denn das Kind, dessen Eltern, immer nur „Happa!“ gesagt haben hat noch ein anderes Problem. Nur ein Wort für jede Form von Essen zu kennen ist das eine. Nur in Einwortsätzen kommunizieren zu können ist das andere. Wer nur die einfache Holzhammer-Bildsprache der Symbolbilder gewohnt ist, für den werden komplexere Fotografien unlesbar. Wer keine Sturmhaube trägt wird dann nicht mehr als möglicherweise kriminell verstanden.

Möglicherweise sorgt die Invasion der Symbolbilder dafür, daß andere Fotos irgendwann nicht mehr verstanden werden.

 

Warum Fotografen „sowas“ fotografieren

Ein sehr schöner Artikel von Al Diaz, Fotograf beim Miami Herald, zur Frage, ob man Menschen in Notlagen fotografieren kann und sollte.

„My heart did not want to inflict more stress on this traumatized woman. I did not want her seeing me taking pictures, but I know that history demonstrates that compelling images can produce unforeseen and often beneficial results.

A still photograph can change the course of history, affect policy, raise awareness and cause leaders to act. And, in this case, maybe it can inspire others to become trained in CPR techniques — and to swiftly offer their assistance to those in dire need.

So, I grabbed my camera from my car and began recording what I saw. Little Sebastian de la Cruz stopped breathing for a second time, and his aunt Pamela Rauseo again performed CPR. I captured the Breath of Life in a still photograph.“