Wir versuchen dann ihnen Mut zu machen…

Ursprünglich im April 2010 veröffentlicht:

In der aktuellen „M“, der „medienpolitischen ver.di-Zeitung“, kann man in einem Artikel zum Thema Vergütungsregeln für Freie folgendes lesen:

ver.di erreichen zurzeit viele Mails, in denen freie Kollegen ihre miese Bezahlung sowohl bei Texten (unter 10 Cent! (Zeilenhonorar; Anm. d. A.)) als auch bei Fotos (doch ganze 4 Euro!) schildern. „Wir versuchen dann, diesen Kollegen Mut zu machen. (…)“

Nein! Leuten, die ihre Bilder für 4,- € das Stück verkaufen, muß man keinen Mut machen! Die sollte man eher mal fragen, ob sie nicht vielleicht selbst schuld dran sind, daß sie sich ausgebeutet fühlen. Und ob nicht ihr eigenes „Verhandlungsgeschick“ sie dahin gebracht hat – wer immer sagt er könne mit weniger Honorar nicht existieren, aber trotzdem nach jeder Honorarkürzung weitermacht statt zu kündigen, den kann man nicht ernst nehmen.

Und vor allem sollte man sich in einem Artikel zu diesem Thema dann nicht „erschüttert über die offensichtliche Unkenntnis in manchen Chefredaktionen“ zeigen, sondern sich vielleicht mal über die offenkundige Doofheit der Leute unterhalten, die zu solchen Dumpingpreisen arbeiten und die über die Jahre die Entwicklung solcher Dumpingpreise erst möglich gemacht haben.

Warum sollte sich eine Chefredaktion die Frage stellen, ob 4,- € ein angemessener Preis für ein Foto sind, wenn da jede Menge Leute Tag ein Tag aus Fotos für 4,- € machen

Und vielleicht sollte man mal den Taschenrechner bemühen und sich fragen, ob das denn wirklich hauptberufliche, freiberufliche Journalisten sind oder ob es sich da um irgendwelche Nebenerwerbsspinner handelt die mit Dumpingpreisen Arbeitplätze vernichten, um den eigenen Namen in der Zeitung zu sehen.

Für 1000,-€ Monatsumsatz müßte ein Fotograf bei 4,-€ pro Bild vier Wochen lang, an jeweils 6 Wochentagen je 10-11 Bilder pro Tag im Blatt haben. Schonmal irgendwer so eine Tageszeitung gesehen? Schonmal jemand einen Fotografen gesehen, der von 1000,-€ Umsatz (sic!) im Monat irgendwie leben kann?

Für 1000,- €  Umsatz müßte eine schreibender Journalist bei 10 Cent Zeilenhonorar und vier Wochen mit je 6 Erscheinungstagen pro Tag 417 Zeilen im Blatt haben. Auch das sieht man wohl eher selten.

Also sollte man sich bei ver.di lieber mal selbst Gedanken statt anderen Mut machen.

Nicht zuletzt darf man auch nicht übersehen, daß wenn eine Gewerkschaft solche Fälle derart unreflektiert in den Raum stellt, ja irgendwo der Eindruck erweckt wird, daß 10,-€ pro Bild dann ja schon fast ein faires Honorar sein müssen, wenn andere von 40% leben zu können scheinen!

Zum weiterlesen:

“If you sell yourself cheap, you will never get out of that hole.” – Barbara Bordnick

https://rheker.wordpress.com/2008/12/08/umsonst-oder-kostenlos/

https://rheker.wordpress.com/2008/12/11/noch-mehr-fur-noch-weniger-umsonst-oder-kostenlos-teil-2/

https://rheker.wordpress.com/2008/12/26/drauflegen-umsonst-oder-kostenlos-teil-3/

https://rheker.wordpress.com/2009/11/13/umsonst-oder-kostenlos-teil4/

https://rheker.wordpress.com/2009/11/25/fotohonorare-verstehen-umsonst-oder-kostenlos-teil5/

https://rheker.wordpress.com/2009/12/11/feilschen-verhandeln-nein-sagen-umsonst-oder-kostenlos-teil-6/

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Sind das in der MFM Liste eigentlich Phantasiepreise?

Etwas, daß man immer wieder hört ist, daß die Preise in der MFM-Liste ja schön klingen würden, daß die aber eh niemand „irgendwann jemals nicht“ bezahlt habe.  Denn dabei handle es sich um irgendwelche Phantasiepreise, die sich irgendwelche elitären Träumer ausdenken, die in irgendwelchen Elfenbeintürmen sitzen und von der Realität im Markt keine Ahnung haben.

Dazu hier ein Zitat einer Kollegin, das vielleicht für ein wenig Aufklärung sorgt:

“ …ach ja, für alle, die nicht wissen, wie die MFM jährlich entsteht: es werden von DJV-, Freelens-, ver.di-, BVPA-Mitgliedern und weiteren Bildverkäufern die marktüblichen Honorare zusammengetragen und dann Anfang des Folgejahres veröffentlicht. Würden diese Honorare nicht gezahlt, dann würden sie im Umkehrschluss nicht in der MFM stehen.“

Wie die Preise in der MFM-Liste zustande kommen, kann man übrigens auch in der Liste (eigentlich ist es ja ein Heft mit dem Titel „Bildhonorare“) selbst nachlesen, wenn man denn eine hat. Die kann man ganz einfach bestellen und zwar hier. Und eigentlich sollte das Ding Pflichtausstattung für jeden sein, der professionell fotografiert, denn schon nach einmal „nicht über den Tisch gezogen werden“ hat man die 33,- € wieder drin…

Ich, der unfreiwillige bzw. unwillige Mäzen

Die folgende Geschichte ist eigentlich eine Fortsezung von dieser hier und entstammt leider einem sehr umfangreichen Werkzyklus…

Ganz unverbindliche Anfrage eines großen Deutschen Museum wegen zwei Bildern, die im Rahmen einer Reportage bei denen im Haus entstanden und die ihnen so gut gefallen, daß sie die gerne in ihrem Quartalsprogramm benutzen wollen.

Meine Antwort, klar kein Problem, kostet aber was. Darauf hin kommt folgendes Schreiben:

Lieber Herr Rheker,
 
vielen Dank für Ihre schnelle Rückmeldung. 
 
Ich verstehe, daß Sie als freier Fotograf an einem Honorar interessiert sind. Jedoch – und hier bitte ich Sie um Ihr Verständnis – alles Geld geht momentan in die Fertigstellung des Museumsbaus, damit das Publikum endlich wieder „seine“ Sammlungen / Objekte / Ausstellungen sehen kann. 
 
Wir bieten Ihnen selbstverständlich Ihre Namensnennung an (das Quartalsprogramm geht bundesweit u.a. an Journalisten, in Redaktionen, in Ministerien) und schicken Ihnen gern Belegexemplare (die allgemeine Auflage beträgt 6000). 
 
Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns auf diesem Weg in unserer Öffentlichkeitsarbeit unterstützen würden.

 Herzlich

XXXXX XXXXX

„daß Sie als freier Fotograf an einem Honorar interessiert sind“ ist schon eine Frechheit, so als gehörte es zu den Charakterschwächen der „freien Fotografen“ an Geld interessiert zu sein, mitnichten aber zu ihren Rechten, von ihrer Arbeit leben zu können. Man könnte fast meinen, diese Geldgier wäre etwas einzigartiges. Einzigartig ist aber wohl eher, daß man bei anderen Berufsgruppen erst garnicht auf die Idee kommt, sie müßten, wollten, sollten umsonst arbeiten.

Liebe XXXXX XXXX,
 
da ich davon ausgehe, daß die Druckerei die Quartalsprogramme und Infobroschüren des XXXXX XXXXX XXXXX Museums auch nicht kostenfrei drucken wird, die Post den bundesweiten Versand an Journalisten, Redaktionen und Ministerien kaum portofrei durchführen und mir der Briefträger ein Belegexemplar auch nicht portofrei bringen würde, sehe ich keinen Grund, warum ausgerechnet meine Arbeitsleistung als Fotograf keine Entlohnung wert sein sollte. Zumal ihre Öffentlichkeitsarbeit ja darauf abzielt Besucher ins Mueseum zu locken bzw. bei Ministerien Fördergelder zu rechtfertigen, was sich dann für ihr Haus in Einnahmen niederschlägt.
 
Ich kann mir auch nicht so recht vorstellen, daß die Nutzungshonorare für 2 Fotos dafür sorgen würden, daß das Publikum länger darauf warten müßte „“seine Sammlungen / Objekte / Ausstellungen wieder zu sehen“.
 
Auch ich muß Miete, Steuern, Kameras, Computer, Strom, Auto und allerlei andere Lebenshaltungskosten bezahlen.
 
Aus diesem, hoffentlich nachvollziehbarem Grund, kommt eine kostenlose Nutzung für mich nicht in Frage.
 
Beste Grüße 
 
Sascha Rheker
Ich gehe mal davon aus, daß ich da jetzt persona non grata bin, aber sei’s drum.Kleine Ergänzung, um das mit der Unterstützung des Museums ein wenig besser einordnen zu könnnen:

Über das Haus, das hier so tut als würde eine Bezahlung von zwei Bildern (selbst laut MFM Liste wären das wohl unter 200,- € gewesen) die Wiedereröffnung gefährden, konnte man in der „Architekturzeitung“ zu Beginn der Renovierung 2009 lesen:„Insgesamt werden für Instandsetzung und Erweiterung 51,5 Millionen Euro investiert sowie 12,5 Millionen Euro für die Museumsausstattung.“
Was daran wirklich traurig ist, ist daß erst vor einem halben Jahr das im Vergleich wirklich arme Museum in Dieburg für eine Ausstellung zur Geschichte des dort gerade geschlossenen Klosters eine Reportage aus den letzten Tagen vor der Schließung angekauft hatte. Ich bin denen preislich sehr entgegen gekommen und es war nur ein Taschengeld. Aber es war von vornherein die Wertschätzung da, daß man etwas bezahlen wollte.

Die MFM-Liste (Umsonst oder kostenlos Teil 7)

Die sogenannte MFM-Liste ist ein Katalog mit Honorarempfehlungen, herausgegeben von und zu beziehen bei der Mittelstandsgemeinschaft Foto-Marketing. (Es gibt wohl Auszüge der Liste über irgendein Webarchiv auf alten Seiten von Hamburg-Dia (oder so), diese Preise sind aber nicht mehr up to date.) Die Preise orientieren sich nach Art der Nutzung (Medium), Nutzungsdauer, Druckgröße, Auflage etc.

Da steht dann z.B. zu lesen, daß ein Foto in einer Tageszeitung mindestens 45,- € kosten sollte und so weiter und so fort.

Diese Liste ist ein guter Ausgangs- und Orientierungspunkt für Preisfindung und Preisverhandlungen. Wenn nicht unzählige Fotografen im Glauben leben würden, daß es Preise eh nur 50% unter der MFM-Liste geben kann, darf, sollte. Und daß die MFM-Listen-Preise „Mondpreise“ seien, wird an allen Orten gerne und häufig von Fotografen propagiert und gerne wird noch darauf verwiesen, daß das etwas sei, das jeder wisse, der sich auskennt.

Aha!

Jeder der sich wirklich auskennt weiß, daß die MFM eine Grundlage ist von der aus man sich in beide Richtungen bewegen kann.

Auch wenn sich zahllose Fotografen, immerzu gegenseitig versichern, daß man niemals nicht ein Honorar in der Nähe der MFM-Preise bekommen könne und man unbedingt gleich von sich aus deutlich weniger fordern solle, müsse, dürfe… (das natürlich vorzugsweise in einem weinerlichen Ton, so als wüßte man nicht wer da nun eigentlich Schuld dran sei).

Das ganze ist nur ein weiteres schönes Beispiel, wie sich Fotografen völlig sinnlos selbst gegenseitig eine Preisspirale nach unten basteln, ohne, daß irgendein Kunde jemals feilschen mußte.

Und, daß noch kein Kunde, dem der Fotograf von sich aus einen Nachlaß angeboten hat „Nein, ich will mehr bezahlen als sie haben wollen!“ gesagt hat und daß viele Kunden nach Jahren der freiwilligen Nachlässe durch Fotografen irgendwie denken, daß die MFM-Preise Mondpreise sein müssen, weil das ja noch nie einer gefordert hat; das ist natürlich der ultimative Beweis, daß die MFM-Preise wirklich zu hoch angesetzt sind und man besser mal drüber nachdenken sollte, ob man nicht statt mit 50%-MFM gleich mit 30% anbietet.

Fotografen brauchen garkeine bösen Monsterkapitalismus-Kunden, die sie ausbeuten würden. Das erledigen die Dümmeren unter den Fotografen gleich selbst mit, aber natürlich nicht, ohne sich dabei noch irgendwie besonders clever zu fühlen oder ersatzweise auf irgendwen zu schimpfen, der Schuld dran hat.

Wieviel verdienen? (Umsonst oder kostenlos? Teil4)

In Teil3 hatte ich ja schonmal einen Link zum NPPA-Kostenrechner eingebaut. Wer nicht umsonst oder sogar defizitär arbeiten will, muß mehr Geld einnehmen als er ausgibt, wer sogar Gewinn machen will muß eben um diesen Gewinn mehr einnehmen als er ausgibt.

Das Problem der meisten Fotografen (gerade von solchen die an Anfang stehen) ist nicht, daß sie zu doof sind um zu begreifen, daß nur wer Geld einnimmt am Ende auch welches hat, sondern, daß sie daran scheitern den Umfang der Kosten zu erfassen, die entstehen, wenn man das Produkt Foto oder die Dienstleistung Fotografie erstellt oder sie sich diesen Aufwand schönrechnen. Oft schlicht, weil es weh tut, „Nein“ zu einem Kunden zu sagen und garkein Geld zu bekommen.

Einen Auftrag oder Abdruck abzulehnen, erzeugt schnell das Gefühl, daß man eben die gebotene Summe verloren hat und es ist durchaus schwer ganz nüchtern zu sehen, daß man gerade ein Defizit von XYZ,- € vermieden hat. Das um so mehr als die fixen Betriebskosten (Internetanschluß, Büromiete, Autoversicherung etc.)  ja weiterlaufen, selbst wenn man den Auftrag nicht annimmt. Und so kann es sein, daß man wenn man den Auftrag annimmt zwar ein Defizit erwirtschaftet, dieses Defizit aber geringer ist als das Defizit das bei einem Tag  oder einer Woche ohne Auftrag entsteht. Aber Defizitminimierung ist kein tragfähiges Geschäftsmodell! Das nicht nur, weil man so auf keinen grünen Zweig kommt, sondern vor allem weil man so Preise am Markt etabliert die den Gesetzen des Marktes widersprechen.

Einen Kostenrechner, wie den der NPPA, gibt es jetzt auch in deutscher Sprache auf der Seite von Peter Wafzig konzertfoto-faq.de. Das ist eine tolle Sache und da kann man ihm wirklich dankbar sein, das war sicher einiges an Arbeit; die anderen Sachen in seinem Blog sind übrigens auch lesenswert.

Einen Wert für den Nutzer hat ein solches Werkzeug natürlich nur dann, wenn man sich beim Ausfüllen nicht selbst in die Tasche lügt und das ganze solange anpaßt bis einem die Ergebnisse gefallen. Das gilt besonders für die folgenden Punkte:

Kosten für Fotoausrüstung
Viele, die eine Karriere als Fotograf beginnen, haben bereits eine Kameraausrüstung. Diese wird sicher so lange halten, wie es dauert als Fotograf zu scheitern oder der Defekt der Ausrüstung markiert den Zeitpunkt des Scheiterns. Wer aber langfristig als Fotograf arbeiten will, wird irgendwann an den Punkt kommen wo er neue Geräte oder zusätzliches Material brauchen wird.* Also braucht man Rücklagen für diesen Fall und da ein Fotograf ohne Kamera nur schwer arbeiten kann, ist eine Versicherung gegen Diebstahl oder Zerstörung der Ausrüstung eigentlich ein Muß.

* Übrigens verändern sich durch sowas auch die Tagessätze die man braucht um kostendeckend zu bleiben: Wer mit einer EOS 400D mit Kitobjektiv kostendeckend gearbeitet hat, wird mit dem Tagessatz den er da bekommen hat nicht mehr auskommen, wenn er sich zwei EOS 1D und langes teures Glas kauft (oder kaufen muß), um Bundesligafußball zu fotografieren.


Kosten für Internet und Computer
So wie man mit der privat gekauften Kamera fotografieren kann, kann man seine Bilder auch auf dem privaten Computer bearbeiten und sie über den privaten Internetanschluß versenden, man kann das alles in seiner Privatwohnung machen und mit dem Privatwagen zum Termin fahren. Sich das alles also sparen oder nur zur Hälfte in die Rechnung mit aufnehmen. Wenn man aber sein Einkommen als Fotograf verdienen will, dann ist das eine ziemliche Milchmädchenrechnung. Denn auch das Geld für den Internetanschluß, die Zahnpasta und die Frühstücksbrötchen müssen dann erwirtschaftet werden.

Reisekosten und Spesen
Es ist ein trauriges Zeichen, daß diese Posten im Rechner auftauchen, denn eigentlich sind das Kosten die der Kunde trägt und die neben dem Tagessatz mit auf die Rechnung kommen und eigentlich einfach durchgereicht werden. Wenn dem nicht so ist, sollte man bedenken: Die Fahrtkosten sind mehr als die Treibstoffkosten!

Zweitverwertung
Hier kann natürlich nur der was eintragen, der auch Strukturen unterhält die solche Einkünfte generieren. Dann müssen natürlich auch die Kosten z.B. für ein Online-Bildarchiv irgendwo in die Rechnung mit einfließen. Zweitverwertung setzt übrigens voraus, daß man dem Kunden nicht alle Rechte übergibt bzw. selbst das Recht hat das Material selbst zu verwerten.

und dann ist da noch der vielleicht komplizierteste Faktor in der Rechnung:

die Arbeitstage

Hier geht es nicht darum, eine Aussage über die eigene Arbeitsbereitschaft zu treffen, sondern ehrlich und  realistisch zu sagen, wie oft man wirklich pro Woche (in ganzen Tagessätzen!) gebucht wird. Dabei kommt dann natürlich nur ein Durchschnittswert raus, also muß man darauf achten, daß das insgesamt paßt. Wenn man, bei einem errechneten Tagessatz von 900,-€ am Montag für einen Kunden arbeite der 1200.-€ pro Tag zahlt und am Dienstag für einen Kunden, der für den halben Tag 700,-€ zahlt (damit aber defacto doch irgendwie den ganzen Tag blockiert), dann ist das kein Problem, solange man insgesamt auf die Menge Geld kommt , die man im Jahr zum Überleben braucht.

Angenommen ein Fotograf braucht im Monat 9000,- Euro Umsatz und rechnet mit 10 Arbeitstagen. Mit 6 Tagessätzen zu 1200,- kommt man da nicht hin und man kann den Kunden ja nicht zwingen da 8 Tage draus zu machen, kommen aber noch 4 Tage dazu an denen man 700,- Euro macht, selbst wenn das für den ganzen Tag wäre, dann kommt man über die Runden, selbst, wenn man dann 40% der Tage unter dem eigentlich notwendigen Tagessatz gearbeitet hat. Willkommen in der wunderbaren Welt der Mischkalkulation.

Aber Vorsicht: das heißt nämlich nicht, daß es in obiger Situation klug wäre noch 10 Jobs anzunehmen bei denen es 100,-€ am Tag gibt, das sind nämlich nicht einfach 1000 Euro obendrauf.

Zum einen darf man nicht außer Acht lassen, daß das ganze nur funktioniert, solange bei einem Job dieser Zusatzjobs deutlich mehr Geld reinkommt als durch den Job an Kosten entsteht.

Zum anderen bohrt man sich selbst ein Loch ins Knie, wenn man wegen einem oder mehrerer der 100,- € Jobs Tage sperrt, an denen man dann einen oder mehrere  zusätzliche 700,-€ oder 1200,-€ Jobs ablehnen müßte.

Und zum Schluß nochmal, als Appell an Amateure mit Ambitionen und junge Kollegen: wenn man Euch Preise sagt, die man mindestens erreichen muß, um über die Runden zu kommen, dann sind das bei den meisten Kollegen keine raffinierten Lügen, um Euch aus dem Markt zu halten, sondern schlicht die Wahrheit. Das manche Kunden das anders sehen, weil sie einen Dummen suchen ist was anderes.

(Die sonderbaren Bilder in diesem Text ersparen übrigens irgendwelche passenden und genauso langweilige Symbolbilder.)

Drauflegen? (Umsonst oder kostenlos? Teil 3)

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In Teil 2 klang es ja schon leicht an: Wer kostenlos arbeitet, dem kann es nicht nur passieren, daß er am Ende umsonst gearbeitet hat. Man kann auch drauflegen. Sogar dann, wenn man nicht kostenlos arbeitet.

„Ich mache bei jedem Auftrag 20 Euro Verlust, aber das hole ich über die Menge wieder rein, denn wegen meiner günstigen Preise bekomme ich viele Aufträge.“

Zitat von einer amerikanischen Website zum Thema

Viele Photographen machen sich die Welt im Kopf passend und sonnenbeschienen. Das Thema Betriebskosten wird gerne ausgeklammert oder man redet es sich schön. „Ich hab ja eine Digitalkamera, da kostet photographieren nicht mehr als das bißchen Strom um die Akkus zu laden.“ Und schwups erscheint jeder Euro der reinkommt als Gewinn.

Das ist aber Augenwischerei: Wenn man als Photograph Geld verdienen will – und da ist es egal, ob man sich beim Lokalblättchen am Wochenende was dazuverdienen will oder ob man in der Spitzengruppe als Modephotograph arbeiten will – fängt das Verdienen erst an, wenn man die Ausgaben, und zwar alle Ausgaben, wieder drin hat.

Als ersten Schritt muß man also seine gesamten Betriebskosten erkennen und verstehen. Und viele Photographen haben keinerlei Ahnung davon, was die eigenen Betriebskosten, die gesamten Betriebskosten oder was Betriebskosten an sich sind.

Ein tolles Werkzeug sich mal einen Überblick zu verschaffen ist der NPPA Cost of Doing Business (CDB) Calculator, der amerikanischen National Press Photographers Association. Das ist ein Tool, das berechnet, was man bei einer angegebenen Anzahl von Jobs pro Jahr durschnittlich pro  Job verdienen muß, um die durch das Tool erfaßten Betriebskosten wieder reinzubekommen und das gewünschte Jahreseinkommen zu erzielen.  Und man sollte sich bei den einzelnen Posten die Erläuterungen durchzulesen, die eingeblendet werden, wenn man auf das „i“ neben dem Posten klickt, und man sollte ehrlich sein, auch wenn einen das Ergebnis erschreckt. Man braucht schon ganz ordentliche Tageseinnahmen, um über die Runden zu kommen.

Nehmen wir zum Beispiel den Photographen aus Teil 2 der für ein Abdruckhonorar von 20 Euro pro Bild arbeitet  für eine Beispielrechnung, die bei weitem nicht so detailiert und durchdacht sein wird wie der NPPA Rechner:

Gehen wir mal davon aus, daß unser Photograph pro (Arbeits-)Tag 5 Themen für „Die Zeitung“ arbeitet und die zudem noch ein Archivbild von ihm benutzen. Das macht 120 Euro pro Tag.

Für den Einsteiger, Studenten oder den Semi-Profi mag das verlockend klingen, denn schon nach 7 Wochenenden hätte man z.B. eine EOS 50D mit einem brauchbaren Objektiv finanziert. Und wenn man das jede Woche 5 Tage machen würde käme man auf 2400 Euro Einnahmen im Monat. Wer mag da schon von drauflegen sprechen?

Dummerweise sind 2400 Euro Einnahmen was anderes als 2400 Euro Lohn oder Einkommen. Die Supermarktkassiererin kann ja Abends auch nicht die Tageseinnahmen mitnehmen, dafür muß sie aber auch nicht die Waren kaufen, den laden mieten und die Regale und die Kasse hat auch jemand anderes bezahlt.

Kommen wir mal zu den Betriebskosten eines Photographen:

Nehmen wir nur mal ein paar Fixkosten, als Beispiele: DSL-Internetzugang für zuhause 400 Euro pro Jahr, Handy mit UMTS Datenflatrate und UMTS-Karte 800 Euro, Computer anteilig für ein Jahr  600 Euro, Software anteilig für ein Jahr 600 Euro, Kameraausrüstung anteilig für ein Jahr 2000 Euro, Bürobedarf 100 Euro. Macht zusammen 4500 Euro.

Manch einer wird jetzt sagen, daß man über die Fixkosten diskutieren kann. Klar kann man das, man könnte sagen, daß es auch ohne UMTS und Handy geht. Das ist aber schwierig, denn zum einen wird heute von vielen Kunden erwartet, daß man das einfach hat und zum anderen fallen einem die am UMTS gesparten Kosten wieder auf die Füße, wenn man immerzu irgendwohin fahren muß, von wo man Bilder schicken kann.
Man könnte einwenden, daß 2000 Euro pro Jahr für die Kameraausrüstung viel zu hoch gegriffen sind. Aber: Wer professionell arbeiten will sollte schon 2 Kameragehäuse haben (wer meint er braucht das nicht, muß dann eben Geld weglegen um die 2 Wochen zu überbrücken, wenn die Kamera mal in der Werkstatt ist), die Standardausstattung sollte heute den KB-Brennweitenbereich von ca. 16-200mm umfassen, das aber möglichst so lichtstark, daß man das auch sinnvoll nutzen kann. Kann man das nicht, kann man manche Jobs nicht annehmen und das Einkommen sinkt. Rechnen wir also mal mit:

2x EOS 50D mit Hochformatgriffen…………..2400 Euro

1x Canon EF-S 10-22……………………………..650 Euro

1x Canon EF-S 2, 8  17-55 IS …………………..800 Euro

1x Canon EF 4,0 70-200 IS…………………….950 Euro

2x Canon Speedlite 580EX II…………………..800 Euro

1x Tasche z.B. Domke J2…………………………….300 Euro

Speicherkarten, Akkus, Ladegeräte
Kleinteile etc. …………………………………….500 Euro
======================================
6400 Euro

Dann darf jetzt bei den angesetzten 2000 Euro pro Jahr, frühestens nach 3,5 Jahren etwas kaputt gehen oder Bedarf für etwas zusätzliches aufkommen, sonst sind die 2000 Euro noch viel zu bescheiden angesetzt.

Aber wer nun sagt,  daß er den Computer und DSL Anschluß ja auch schon hat um privat im Internet zu surfen und er die Kameras schon längst bezahlt hatte bevor er den ersten Job angenommen hatte, der hat eigentlich schon erkannt, daß er seine Photo-Jobs (und damit schlußendlich auch den vermeintlichen „Kunden“) irgendwie selbst subventioniert.

Neben den Fixkosten enthalten die Betriebskosten aber noch einen variablen Anteil von Kosten die mit jedem Job entstehen und deren Höhe von der Art des Jobs abhängt. Es macht einen Unterschied ob man an 200 Tagen für 120 Euro Anstrichhonorar arbeitet und pro Tag 5 Geschichten fotografiert oder ob man an 60 Tage für 400 Euro arbeitet und dabei je eine Geschichte fotografiert und der Kunde auch noch die Spesen bezahlt. Im letzteren Fall zahlt der Kunde für jeden gefahrenen Kilometer 30 Cent und kommt somit für die Kosten auf. Im ersten Fall fährt der Photograph täglich zu 5 Terminen und diese Kosten bleiben an ihm hängen. Grob überschlagen sind 20km pro Termin nicht viel. Macht also

20km x 5 Termine pro Tag x 200 Tage x 0,30 € = 6000 €

Auch berücksichtigen muß man, daß einer der Beispiel-Photographen 140 Tage mehr arbeiten war als der andere und 1000 statt 60 Termine fotografiert hat, was dazu führt, daß seine Ausrüstung mehr leidet und er weniger Zeit hat um z.B. freie Arbeiten zu machen, die sich ja wiederum verkaufen ließen:

Im oberen Beispiel kommen beide Photographen auf

24.000 Euro

Abzüglich der oben genannten Fixkosten und der Fahrtkosten bleiben dem einen dann 1125,- Euro im Monat und dem der 140 Tage weniger gearbeitet hat bleiben 1625 Euro im Monat.

Wenn jetzt beide Photographen zwei Tage pro Monat mehr arbeiten, dann hat der eine 1305,-  und der andere 2425,- Euro. Wobei es für den einen viel wahrscheinlicher ist, daß er einen zusätzlichen Job annehmen kann, weil er ja nur an 60 statt 200 Tagen ausgebucht ist. Wer 60 Geschichten mit Muße fotografiert und nebenbei noch eigene Geschichten machen kann, der wird am Ende sicher mit besseren Bildern dastehen als jemand der Tag ein Tag aus von einem Termin zum anderen hetzt; so gesehen hat der Photograph da noch den Vorteil, daß er ein wesentlich besseres Portfolio entwickelt und damit einen weiteren Vorteil erwirbt, wenn es um andere oder bessere Jobs geht.

Nach dem Kassensturz ist der Job unseres Beispiel-Photographen der für 20 Euro auf Anstrichbasis arbeitet also alles andere als ein Hauptgewinn. Und um ehrlich zu ein fehlen in dieser Rechnung der Einfachheit halber einige Posten (wie Strom, Kameraversicherung etc.) und sechs Bilder pro Tag im Blatt zu haben ist auch schon eine stolze Leistung. Einfach mal die örtliche Lokalzeitung zu Hand nehmen und schauen wieviele Bilder die Fotografen da so pro Tag im Blatt haben.

Photographie ist ein teueres Hobby und die Honorare der Berufsfotografen erscheinen (vergleichen mit den Stundenlöhnen von Arbeitern und Angestellten) als leicht verdientes Geld und so liegt der Gedanke nahe sich mit dem teuren Hobby einen Teil der Kosten zu refinanzieren und sich so mehr leisten zu können. Solange das keine Schwarzarbeit ist, sei das auch jedem gegönnt. Wer aber für 100 Euro pro Auftrag Hochzeiten fotografiert kann, wenn er Pech hat feststellen, daß er sich nach 2 Jahren mit je einer Hochzeit pro Monat nicht mehr erarbeitet hat als die Kamera die er dabei verschlissen oder fallen gelassen hat. Wenn er diesen Text verstanden hat wird er einsehen müssen, daß er obendrein noch die Fahrtkosten und alle anderen Unkosten draufgelegt hat.

Noch mehr für noch weniger. (Umsonst oder kostenlos? Teil 2)

Es gibt da noch einige Dinge zu ergänzen.

Viele Zeitungen in Deutschland zahlen Abdruckhonorare zwischen 10 und 20 Euro pro Bild und schaffen es sogar Leute zu finden die zu diesen Preisen Aufträge abarbeiten.

Es gibt kaum ein fieseres System als Fotografen auf Anstrich Aufträge arbeiten zu lassen (Bilder aus Datenbanken und Material das Fotografen schicken per Anstrcih zu honorieren ist was anderes), denn der „Kunde“ zahlt nur für gedruckte Bilder gibt aber fröhlich Aufträge raus. Das Risiko für Sachen die es nicht ins Blatt schaffen, für Dinge die nicht funktionieren, Termine die ausfallen etc. trägt der Fotograf und das bei minimalem eigenen Einfluß. Außerdem  schafft das schreckliche Machtgefälle zwischen Redakteuren und den Fotografen und unter den Fotografen, denn der Redakteur, der die Aufträge vergibt ist ein kleiner Gott, bestimmt er doch nicht nur die Anzahl der Aufträge für die einzelnen Fotografen und damit deren Verdienst, nein zusätzlich kann er auch noch seinem Lieblingsfotografen die schönen Aufträge (6 Bilder in einer Stunde zu Fuß in der Innenstadt mit Chancen auf eine spätere Zweitverwertung der Bilder) zuschanzen und den Doofmannfotografen für 3 Abdrucke von Morgens bis Abends wie blöde durch die Gegend fahren lassen.

Wie die Fotografen die zu solchen Bedingungen arbeiten davon leben können ist ein Rätsel, das das auf die Qualität schlägt kann jeder in etlichen Lokalzeitungen tagtäglich besichtigen. Das man sich dabei irgend einen tollen Ruf oder ein beeindruckendes Portfolio aufbaut ist eher unwahrscheinlich und jedes „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“-Gesabbel ist purer Unsinn oder ein trauriger Versuch sich die eigene Lage schönzureden.

Wahrscheinlich leben die meisten nicht wirklich davon, sondern machen das so nebenbei. Und selbst, wenn man das nur als Hobby oder für die Profilneurose macht, dann ist es immernoch nahezu unmöglich für 10-20 Euro zu einem Termin zu fahren, da ein Bild zu machen, zurückzufahren, es an einem Computer zu bearbeiten und zu verschicken und dabei auch noch irgendwie die entstehenden Kosten und den Verschleiß wieder reinzubekommen, geschweige denn eine Kameraausrüstung, Computer, Internetanschluß, Auto etc. auch nur teilweise zu amortisieren.

Wir haben uns z.B. als bei attenzione darauf geeinigt, daß es einen Mindestpreis gibt, unter dem wir nicht arbeiten, kein Bild rausgeben und unter dem wir eine Nutzung von Bildern aus unserem Archiv nicht zulassen. Natürlich kann man das auch so sehen, daß man „die 10 oder 20 Euro auch noch mitnimmt“,  wenn das Bild eh schon im Archiv ist und der Kunde es sich einfach runterlädt, per Anstrich honoriert und das Geld überweist. Money for nothing!

Tatsächlich macht man aber nicht mehr als die eigene Arbeit zu entwerten und obendrein läßt man in gewisser Weise auch noch die eigenen ordentlich zahlenden Kunden den Billigsektor der Branche subventionieren. und nicht zuletzt macht man es möglich, daß eine Honorarpraxis die unter den Produktionskosten liegt überhaupt möglich ist.

Da macht es dann schon eher Sinn seine Bilder z.B. für einen guten Zweck kostenlos an Projekte abzugeben die kein Geld für Bilder haben, denn die sind dann dankbar und man wird auch wesentlich besser behandelt als von Leuten denen unsere Arbeit keine 20 Euro wert ist und die einen behandeln, als käme man von einem anderen Stern, wenn man nach so exotischen Dingen wie „Belegexemplaren“ oder „Autorennennung“ fragt, denn schließlich hat man ja seine 15 Euro für eine halbe Seite bekommen, da soll man doch zufrieden sein und die Füße still halten. Foto ist schließlich Foto egal wie aufwendig produziert oder wie groß gedruckt.

Man kann all diese Umstände beklagen und auch gerne (eine extrem beliebte Standardvorgehensweise bei Fotografen seit den 50er Jahren) mal wieder das Ende des Fotojournalismus als solchen ausrufen und beweinen und die Schuld daran wahlweise beim Fernsehen, dem Internet, den anderen, der Wirtschaftkrise und wasweißichnicht sehen. Das ist immerhin bequem.

Schuld daran sind aber in erster Linie Fotografen die nicht „nein“ sagen können. Selbst wenn es sich weder wirtschaftlich lohnt, noch sie irgendwie weiterbringt, Ja die selbst dann freudig antreten, wenn es ihnen und anderen wirtschaftlich eher schadet und sie in ihrem Können einfriert oder zurückwirft.