Das ist ja auch Werbung für mich…

Mal ein kleiner Einblick in den Alltag eines Urhebers und den „Das ist doch auch Werbung für Dich“-Kosmos. (Danke Ralph Ruthe!)

Sehr geehrter Herr Kollege Rheker.

Anscheinend haben Sie übersehen oder bewusst nicht reagiert auf mein Schreiben vom 18.10.14., dass Sie sich auf meiner HP bisher haben kostenlos bewerben lassen. Da Sie ja keine Skrupel kennen, auch gegenüber Kollegen nicht und Sie alle guten Sitten über Bord werfen, muss ich Ihnen hiermit eine Rechnung stellen, für die Werbung auf meiner HP.“

Die Werbung sieht dann so aus, daß man da auf einer redaktionellen Website Fotos von mir einfach benutzt hat, um einen Text zu illustrieren und man bei einem Teil der Bilder meinen Namen drangeschrieben hat (die Bilder waren offenkundig von der Website der Frankfurter Rundschau geklaut):

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Ich gehöre nicht zu den Menschen, die meinen, daß jeder der sich Journalist nennt auch gleich mein Kollege ist und schon garnicht denke ich, daß jeder, der sich Journalist nennt aus „Kollegialität“ meine Fotos umsonst auf seiner Website benutzen darf. Erst recht nicht, wenn es eine kommerzielle Seite ist auf der jemand sich selbst mit diesem bunten Strauß an Leistungen anbietet:

 – Themenrecherche
– Schreiben
– Redigieren
– Exklusivberichte
– Fotos
– Buchautor
– Referate
– Vorträge
– Moderationen
– Schulungen
– Lesungen
– Beratungen
– Tester für Handel-Banken
– Testberichte für Pkws
– Chauffeurdienste
– Hotel- und Restaurantkritiker

Von den Journalisten, bei denen ich stolz bin, sie Kollege zu nennen oder von ihnen als Kollege bezeichnet zu werden, wüßte ich auch nicht einen, der der Ansicht wäre, daß ich es nicht wert wäre für meine Arbeit bezahlt zu werden.

Darum schreibe ich in solchen Fällen eine Rechnung, wenn das nichts fruchtet, dann geht das an den Anwalt. Fertig.

Heute bekamen ich und das zuständige Gericht Post. (Mal wieder.) Dem Gericht wird da erklärt, daß es nicht gegen den Beklagten verhandeln dürfe, bevor ich als Kläger nicht erstmal zwei Rechnungen (eine davon über 6480,- € für die Werbung, die er durch die Nutzung meiner Bilder auf seiner Website für mich gemacht habe, und eine über 167.200,- wegen einer angeblichen schweren Körperverletzung durch die Klage) begleichen würde, zudem hätte ich wohl am 17.01. zur irgendeiner Demo in Berlin fahren und den Beklagten da suchen müssen; meint er jedenfalls.

„Herr Rheker hat des Weiteren bereits zwei Rechnungen erhalten, die er erst einmal zu erfüllen hat, bevor er auf andere losgeht. (Anlage 1+2) Als bekannter Fotoreporter hätte er ja die Gunst der Stunde nutzen können und mich am Rande der Demo, „Wir haben es satt’4, am 17.1.15 in Berlin zu treffen und endlich einmal darüber zu reden, was wirklich Sache ist. Man lässt wohl lieber Briefe schreiben und regt sich völlig unbegründet darin auf. Es deckt sich aber mit einigen Informationen, die inzwischen recherchiert wurden.“ (aus dem Anschreiben an das zuständige Landgericht)

Zudem wird jetzt gegen mich und meine Anwältin öffentlich auf seiner Website „recherchiert“. Und ich bekomme täglich einen Brief.

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Ach ja, die ganze Familie behält sich auch irgendwelche weiteren Schritte gegen mich vor und das Geld geht bitte mildtätig an die katholische Kirche. Das ist recht beliebt, wenn man doch irgendwie ahnt, daß das was man da betreibt nicht ganz koscher ist, jenseits 120.000,- € die man einem anderen für die Mutter Kirche abpresst, drückt Gott wohl ein Auge zu.

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In der Rechnung über 167.200,- € Schadenersatz  (dankenswerter Weise „ohne Umsatzsteuer, da Privatrechnung nach UCC) wird zudem deutlich gemacht, daß ich wohl auch irgendwie etwas im Bereich der Seerettung (maritime recovery“) so massiv falsch gemacht haben muß, daß sich der Schadenersatzanspruch gleich nochmal vervierfacht. Das ganze geht an den Vatikan, dem die Ansprüche dann wohl auch gleich abgetreten werden und der Gerichtsstand verschiebt sich in die Schweiz, vielleicht wegen der Schweizer Garde oder der Löcher im Käse.

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Rechnungen die automatisch gültig werden, wenn der andere nicht innerhalb von fünf Tagen einen wie auch immer gearteten „rechtsverwertbaren Nachweis nach internationalem Recht“ erbringt, ganz ohne irgendeine Grundlage oder Zustimmung des angeblichen Vertragspartners. Cool! Das ist die Geburt des einseitig ausgesprochenen wirksamen Vertrages.

Es ist verwunderlich, daß die Nigeria-Connection da noch nicht drauf gekommen ist. Die würden da sicher 167.200,- € für zahlen.

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„Lügenpresse“ ist Unwort des Jahres

Pressemitteilung: Wahl des 24. „Unworts des Jahres“

Unwort des Jahres 2014: „Lügenpresse“

Das Wort „Lügenpresse“ war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien. Gerade die Tatsache, dass diese sprachgeschichtliche Aufladung des Ausdrucks einem Großteil derjenigen, die ihn seit dem letzten Jahr als „besorgte Bürger“ skandieren und auf Transparenten tragen, nicht bewusst sein dürfte, macht ihn zu einem besonders perfiden Mittel derjenigen, die ihn gezielt einsetzen. Dass Mediensprache eines kritischen Blicks bedarf und nicht alles, was in der Presse steht, auch wahr ist, steht außer Zweifel. Mit dem Ausdruck „Lügenpresse“ aber werden Medien pauschal diffamiert, weil sich die große Mehrheit ihrer Vertreter bemüht, der gezielt geschürten Angst vor einer vermeintlichen „Islamisierung des Abendlandes“ eine sachliche Darstellung gesellschaftspolitischer Themen und differenzierte Sichtweisen entgegenzusetzen. Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden ist.

Die Jury der institutionell unabhängigen Aktion „Unwort des Jahres“ besteht aus folgenden Mitgliedern: den vier Sprachwissenschaftlern Prof. Dr. Nina Janich/TU Darmstadt (Sprecherin), PD Dr. Kersten Sven Roth (Universität Düsseldorf), Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Universität Greifswald) und Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier) sowie dem Autor und Journalisten Stephan Hebel.

Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr die Autorin, Moderatorin und Journalistin Christine Westermann (www.christine-westermann.de) beteiligt.

 

http://www.unwortdesjahres.net/fileadmin/unwort/download/pressemitteilung_unwort2014.pdf

Das Video aus Paris

Es ist einfach, das Video, welches die Erschießung des Polizisten Ahmed Merabet zeigt zu verdammen und zu fordern, man dürfe das nicht zeigen. Gerne auch mit dem Argument, die Bild habe das getan. Und gerade las ich bei Facebook den Vorwurf, daß man versuche eine Rechtfertigung dafür, das Video zu zeigen, herbeizukritteln, indem man es durch Vergleiche mit Bildern/Filmen aus dem Vietnamkrieg zum historischen Dokument erklärt.

Vielleicht macht man es sich aber auch schlicht zu einfach, wenn man das Video (oder genauer gesagt einen sehr kurzen Teil davon) verdammt.

Einer der Denkanstöße, sich bei unserem heutigen Umgang mit Bilder von Gewalt und Grauen auch mal historisch nach hinten zu orientieren, ist sicher Fabian Mohrs Text aus dem letzten Jahr, der eben unter anderem die Frage aufwarf, ob viele der Bilder, die für uns heute Ikonen sind, heute überhaupt noch eine Chance hätten, gedruckt zu werden:

http://www.fabianmohr.de/2014/07/22/why-show-dead-people-in-the-news/

Es geht bei Hinweisen auf den Vietnamkrieg und z.B. Capas sterbenden Soldaten aus dem spanischen Bürgerkrieg nämlich weniger darum etwas herbeizukritteln, sondern um die Frage ob der aktuelle Umgang mit Bildern die schreckliche Ereignisse zeigen angemessen ist oder ob man den Menschen nur eine weichgespülte Version der Welt zeigen will, die sich zwischen den Anzeigen besser macht. Nicht zuletzt erfolgt der Hinweis auf historische Ikonen unseres kollektiven Gedächtnisses auch deshalb, weil in Diskussionen oft so getan wird, als habe man es heute mit einer Internet-bedingten Verrohung zu tun, was mit einem Blick auf den ungeschönten Bildjournalismus vergangener Zeiten durchaus bezweifelt werden darf.

Gerne wird dann argumentiert, daß z.B. ein Foto, das die Opfer oder Taten zeigt , „nichts zur Geschichte beiträgt“. So als wäre das klinisch reine Symbolbild oder gleich nur ein Piktogram in den meisten Fällen die journalistisch bessere Lösung.

Das ist dann in der Konsequenz entweder eine Art Bilderverbot eines von Textjournalisten beherrschten Journalismus, die Einschränkungen durch die ethische Verantwortung auf die Fotografen auslagern, denn im Text darf man alles schildern. Oder, es setzt auf der gefährlichen Argumentation auf, der Leser könne sich das vorstellen oder wüßte wie das war/ist. So als bräuchte, wer „Apocalypse Now“ und „Saving Private Ryan“ gesehen hat, Nick Uts Bilder vom Napalmangriff und Capas Bilder von der Landung in der Normandie nicht mehr, weil er das ja alles schon aus dem Hollywoodfilm kennt. Oder die Bilder vom Vietnamkrieg machen Bilder aktueller Ereignisse überflüssig.

Aber vielleicht geht es genau darum. daß jeder in seiner Komfortzone bleiben kann, sich Ereignisse auf der Basis seines bisherigen Erfahrungshorizonts, anhand der Schilderung im Text, so in der Fantasie ausmalen kann wie es für ihn erträglich ist. Gerne auch mit dem Wissen, daß Tom Hanks und die anderen nach der Landung in der Normandie „gefallenen“ karrieremäßig einen Schritt nach vorne gemacht haben und bald im nächsten Film mitgespielt haben. Aber Ahmed Merabet wird nie wieder in einem Film mitspielen, weil er auch in dem Video nicht mitspielt.

Da müssen wir uns als Journalisten durchaus mal Gedanken drüber machen statt mit der Moral als tapfer vorneweggetragenem Schild ein Zeigen des Videos verbieten zu wollen. Ganz besonders, wenn man das Video dann doch zeigt, im entscheidenden Moment aber ein Standbild mit Vignette macht und nur den Ton weiterlaufen läßt, wo man dann den Schuß hört.

Und es geht bei der Frage ja nicht nur um Ereignisse wie jetzt in Frankreich, sondern auch um den Umgang mit Ebola, Flüchtlingselend in den Lagern rund um Syrien, Hungersnöten etc. Wenn wir alles immer in der Komfortzone des Lesers lassen, dann dürfen wir ihm auch nicht böse sein, wenn er alle Flüchtlinge für Wirtschaftsflüchtlinge hält.

Wenn wir eine Welt zeigen in der nichts so dramatisch ist wie in einem Hollywoodfilm und das eben nicht daran liegt, daß Hollywood maßlos übertreibt, sondern daran, daß wir als Journalisten alles abmildern, indem z.B. nach dem Flugzeugabsturz in der Ukraine scheinbar nur Koffer und Teddybären vom Himmel gefallen sind, dann weiß ich nicht ob das richtig ist.

Wenn wir als Journalisten uns die Hände nicht schmutzig machen wollen, wenn wir alles für daneben halten und vermeiden wollen, was die BILD macht, dann haben wir unsere Rolle (und die der BILD) falsch verstanden.

Auch der Umstand, daß wir uns als Journalisten gegen Leute, die ohne zu überlegen oder über so etwas wie eine journalistische Ethik nachzudenken alles bei youtube etc. veröffentlichen, abgrenzen wollen kann nicht dazu führen, daß deren Handlungen zum Maßstab unseres Handelns werden, weil wir nicht so machen wollen um uns abzugrenzen.

Und auch Verweise auf den Pressekodex wirken scvhwierig, wenn man den Opfer- und Angehörigenschutz anführt, aber keinerlei Anstoß an minutiösen Schilderungen des Videos in Texten (die zum Teil sogar die angebliche Kommunikation zwischen ihm und dem Täter wiedergeben) der Nennung von Merabets Namen oder der Benutzung von Portraitbildern nimmt.

Und vor allem:

Das Video um das es hier geht ist an sich nicht anstößig, man kann darauf kaum mehr Details erkennen als man aus den allüberall gedruckten Textschilderungen schon weiß. Das zeigt keine grausamen Details, kein Blut. Es ist kein Splattervideo. Es zeigt nur sehr nüchtern: Die haben den schon verletzt am Boden liegenden Polizisten hingerichtet.

Man könnte sogar soweit gehen zu sagen: Das Video korrigiert die Vorstellung des Lesers, die er nach einer Textschilderung und mit seiner Kinoerfahrung haben mag, nach unten. Es ist ganz anders als das Töten im Actionfilm. Töten ist hier etwas beiläufiges. En passant wird ein Leben völlig sinnlos ausgehaucht.

Die „zensierte“ Version die man bei uns im Fernsehen gezeigt bekommt und wo man sich mit dem Standbild und dem Ton des Schußes selbst etwas ausmalen muß, kann man durchaus auch als eine Form der Dramatisierung sehen. Möglicherweise ist das sensationsheischender als das ungeschnittene Video.

Vielleicht macht das Video die kranke Kälte der Tat erst begreifbar, weil es eben der Vorstellung im Kopf widerspricht. Und dann würde es durchaus für den Leser etwas zur „Geschichte beitragen“, eben in dem es etwas von seiner Vorstellung wegnimmt und zeigt wie die Dinge wirklich sind.

Und, „zeigen wie die Dinge sind“ ist doch eigentlich die Aufgabe des Journalismus.

 

 

 

Der Fotograf als Pädokrimineller

Die Bundesregierung arbeitet daran den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Mißbrauch zu verbessern. Das ist generell durchaus löblich, denn es erscheint geradezu widersinnig, daß es einen Unterschied macht, ob ein Kind vom Klassenlehrer oder vom Mathelehrer mißbraucht wird. Zudem hätte die Bundesregierung eine EU-Richtlinie zu dem Thema schon im Dezember 2013 umsetzen müssen.

In der Folge der Edathy-Affäre versucht man aber nun Regelungen mit aufzunehmen, die völlig alltägliches Verhalten unter Strafe stellen würden und die normale Familienväter zu Straftätern machen würden. Das „unbefugte“ Anfertigen von Bildern nackter Kinder soll nämlich unter Strafe gestellt werden. Weil es eben Menschen gibt, die sich an solchen Bildern erregen könnten.

Der Präsident des Deutschen Anwaltvereins spricht hier von einer „unverhältnismäßigen Vorverlagerung der Strafbarkeit„. Und der Mann hat schlicht recht. Hier versucht man Menschen zu Tätern zu machen, die mit dem eigentlichen Verbrechen Kindesmißbrauch soviel zu tun haben, wie der Arbeiter bei Porsche schuld am Autodiebstahl ist.

Mißbräuchliche Fotos von Kindern mit sexuellem Inhalt (der Begriff Kinderpornographie ist eine Verharmlosung, weil Pornographie nichts illegales ist und die Darsteller da Pornostars sind, mit denen man mißbrauchte Kinder kaum gleichsetzen kann), sind verboten. Das ist völlig unzweifelhaft richtig.

Das Problem ist nun aber, daß es Pädophile gibt, die schon Bilder nackter Kinder beim Plantschen im Pool, ohne jeden sexuellen Bezug oder explizite Posen, erregend finden. Ja, mancher Pädophile kann sich auch an Fotos aus der Kindermodenabteilung des Versandhauskatalogs oder dem Gruppenbild der Kommunionkinder in der Tageszeitung erregen. So gesehen ist es nur eine Frage der Zeit, bis man die jetzt angestrebte Regelung verschärfen müßte.

Und ja, auch ich finde die Vorstellung, daß jemand diese Bilder erregend findet widerlich.  Sehe aber auch, daß den Kindern aus dem Quelle-Katalog dabei aber kein Schaden entsteht, wenn irgendwer irgendwo das erregend findet. Ganz im Gegensatz zu Kindern, die zur Produktion von illegalem Material mißbraucht werden.

Wer das Urlaubsfoto eines Familienvaters oder ein anderes harmloses Kinderbild, wie einen Anne Geddes Bildband, über die Konstruktion „unbefugt“ auf eine Stufe mit dem, was man landläufig Kinderpornographie nennt stellt, der verharmlost letzteres und der verharmlost das, was Kindern da bei der Produktion dieser Bilder an Mißbrauch zustößt.

Wenn man nun, wie die Bundesregierung meint, an der Stelle der völlig harmlosen Bilder nackter Kinder anzusetzen und man damit abertausende unschuldiger Eltern einer möglichen Strafbarkeit aussetzt, dann offenbart das zudem ein sonderbares Rechtsverständnis.

Im Grunde ist es nicht viel aufgeklärter als die Idee das Problem, daß sich Männer am Anblick von Frauen erregen und einige dieser Männer dann Frauen vergewaltigen, damit zu lösen, daß man Frauen zwingt eine Burka zu tragen und sie bei Zuwiderhandlungen bestraft.

Im Fall Edathy hatten die beteiligten Justizbehörden großes Glück, daß sich im Laufe des, wegen unstrittig legaler Bilder angestrengten Verfahrens, noch strafbares Material fand. Sonst hätte man das Leben eines Unschuldigen zerstört. Das Edathy auch unschuldig hätte sein können (verurteilt ist er ja bis heute nicht) kann man nicht einfach ausklammern. Und das muß man auch jetzt bedenken, wenn man versucht Menschen für eine unschuldige Handlung zu Pädophilen oder deren Zulieferern machen zu wollen.

Fotos vom Kindergeburtstag im Plantschbecken? Demnächst nurnoch, wenn der Einladung ein Model Release, das beide Elternteile zu unterschreiben haben der Einladung beiliegt. Nur, wer wird mit seinen Kindern noch zu einem Plantschbeckengeburtstag gehen, wenn der Papa des einladenden Kindes vorher ein Formular für Nacktfotos ausgefüllt haben will?

Niedergelassene Fotografen werden sich in Zukunft genau überlegen, ob sie noch ein nacktes Baby fotografieren, wenn nicht beide Eltern dabei sind und diese die Sorgerechte auch wirklich nachweisen können. Und kann eine Mutter die einer anderen werdenden Mutter einen Anne Geddes Bildband schenkt sicher sein, daß sie wirklich befugt ist diese Bilder weiterzugeben?

Und wer am Strand ein Bild seiner Kinder macht und das nackte Kind aus dem Nachbarstrandkorb läuft ins Bild, der hat den Tatbestand des neuen Paragraphen sogar schon erfüllt. Ja, jeder der in der Nähe nackter Kinder eine Kamera bei sich hat, macht sich verdächtig und erscheint in Zukunft als Pädophiler.

„Die Gedanken sind frei“ singen heute meist nur noch Burschenschafter und Menschen, die damit eher als Provokation zum Ausdruck bringen wollen, daß sie eine Meinung vertreten die keine Meinung, sondern ein Verbrechen ist. Doch unsere Gesetze zielen aus gutem Grund darauf ab Taten zu bestrafen, weil Gedanken eben den anderen Menschen verborgen bleiben. Den Gedanken zu haben jemanden umbringen zu wollen ist keine Straftat, solange man nicht wenigstens ansetzt dies in die Tat umzusetzen oder man den Gedanken, indem man ihn z.B. ausspricht, in eine andere möglicherweise strafbare Tat umsetzt.

Ein Justizminister, der es nicht aushält, daß Menschen schlimme Dinge denken und der deswegen andere dafür bestrafen will, der ist dem Amt nicht gewachsen.

Was nun aber bei der geplanten Gesetzesänderung geschieht geht noch einen Schritt weiter. Man will eine Handlung eines Dritten zur Straftat erklären, weil das Ergebnis der Handlung bei manchen Menschen zu einem schmutzigen Gedanken im Kopf führen kann. Weil man niemanden dafür bestrafen kann, wenn ihn das Bild eines nackten Kindes erregt, will man diejenigen bestrafen die unfreiwillig die Projektionsfläche der Pädophilie des anderen liefern. Und die logische Fortsetzung wäre, wenn man Eltern die ihre Kinder irgendwo nackt rumlaufen lassen, wo ein Pädophiler sie sehen könnte gleich ebenfalls mit Strafe bedroht.

Das klingt wie etwas, das sich Kafka und Orwell zusammen ausgedacht haben. Denn nochmal: da sollen Leute bestraft werden, denen jegliches pädophile völlig fern liegt, die nichtmal einen Gedanken daran verschwenden.

Denn der Gesetzesentwurf spricht ja nur von der unbefugten Verbreitung und Herstellung solcher Bilder. Das heißt der Vater dem das fremde Kind am Strand ins Bild gerät hat ein Problem. Das Ehepaar, das Nacktbilder seiner eigenen Kinder anfertigt oder der Dienstleister der das mit Modelrelease macht und diese im legalen Teil des Bildmarktes für Pädophile vermarktet hat kein Problem, solange die Bilder nicht über die Posen etc. ein Problem sind. Denn Bilder mit der Einwilligung der Erziehungsberechtigten dürften erstmal als befugt gelten.

Gibt dagegen die geschiedene Mutter eines Kindes das Bild einer Platschbeckengeburtstagsparty an die Oma weiter, stellt sich schon wieder die Frage, ob sie auch zur Weitergabe „befugt“ war. Ist ein fremdes Kind mit auf dem Bild wird es heikel, ist das eigene von der Scheidung betroffene Kind mit auf dem Bild, stellt sich die Frage ob die Mutter ohne den ebenfalls sorgeberechtigten Vater zur Weitergabe befugt war.

Man schafft also ein rechtliches Minenfeld für völlig harmloses Verhalten ganz normaler Eltern, Großeltern etc. und ein neues Feld für Kriegshandlungen beim Ende von Ehen, Freundschaften etc.

Und über die Frage, ob eine solche Regelung nicht zu einem derart prüden und tabuisierten Umgang mit kindlicher Nacktheit führen kann, daß in einem solchen Klima sexueller Mißbrauch viel eher unter einem Mantel des Schweigens und des Tabus gedeihen kann als in einer offenen Gesellschaft, sollte man auch mal nachdenken. Genau wie über die Frage ob man die Ressourcen, die dieser Wahnsinn binden wird nicht besser in den Kampf gegen Kindesmißbrauch investiert hätte.

P.S.: Übrigens enthält das geplante Gesetz wohl auch weiterhin einen Teil zum Thema Bilder, „die geeignet sind, dem Ansehen einer Person erheblich zu schaden“ enthält, was dann im Fotojournalismus und an anderer Stelle zu einem echten Gummiparapgraphen werden könnte, mit dem man einen Ansatz hat in einer Unmenge von Fällen Fotografen anzugehen, wenn einem irgendwas mißfällt.

Bilder eines Politikers beim Sex mit Kinderprostituierten, bei der Übergabe eine Gedköfferchens mit Schwarzgeld, beim Pinkeln gegen einen Weltausstellungspavillon etc. wären nämlich auch Bilder „die geeignet sind, dem Ansehen dieser Person erheblich zu schaden“.

Ethik

Der schweizer Fotograf Reto Camenisch geißelt in einem Interview Bilder von Jérôme Sessini als „eine Barbarei, die jede Grenze überschreitet“:
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Ein-totaler-moralischer-Bankrott/story/11761719

Viele Kollegen geben Camenisch uneigeschränkt Recht.

Ich weiß es nicht. Ich habe aber das Gefühl, daß es sich Camenisch vielleicht etwas einfach macht.

Denn, das kann man auch anders sehen, und ich denke da zum Beispiel an Fabian Mohrs Text, der die Frage aufwirft, ob die Einstellung, daß man keine Leichen zeigen sollte, weil „das nichts zur Geschichte beiträgt“ richtig ist:

http://www.fabianmohr.de/2014/07/22/why-show-dead-people-in-the-news/

Da müssen wir uns dann schon fragen, ob es andersrum gedacht nicht etwas von der Geschichte wegnimmt, wenn man den Tod bei einem Ereignis wie dem Abschuß von MH 17 nur im Text (als Opferzahl?) schildert und es der Phantasie des Lesers überläßt sich da ein Bild zu machen? Ein Bild, das oft zur Verharmlosung neigt. Oder, wenn man mit Symbolen wie Bilder von Kinderspielzeug auf einen Acker arbeitet.

Was das auf Dauer bewirkt merkt man zum Beispiel am Umgang mit dem Tod aber vor allem mit Verletzten in unserer Gesellschaft und den Medien.

„Verletzung“ wird oft nur noch als „halb so schlimm“ gegenüber dem noch höher tabuisierten Tod begriffen und gerne aus der eigenen Erfahrung mit verstauchten Füßen und Schnittverletzungen bei der Küchenarbeit gedacht. Die Verletzten erscheinen oft als die „Glücklichen“, so als würden alle Wunden an Körpern und Seelen so schnell und vollständig heilen, wie die Öffentlichkeit das Ereignis vergißt.

Das macht z.B. die Bilder von Andrea Gjestvang zu Utøya so bedeutsam. Sie zeigen, daß Verletzung ein tieferer Einschnitt ins Leben ist, daß Heilung langsamer verläuft als der Leser, der nur einen Text hat das imaginiert, oder daß Heilung manchmal garnicht oder nicht vollständig erfolgt:

http://andreagjestvang.com/photography-2/one-day-in-history/

Sicher sind das auch Bilder, die viele Menschen „sich nicht zumuten“ wollen, wie Camenisch es formuliert.

Vielleicht sollte man erstmal die Bilder anschauen, um die es geht. Und ja, die sind hart. Aber das Ereignis, um das es da geht ist das eben auch.

Hier die veröffentlichten Bilder:

http://lightbox.time.com/2014/07/18/malaysia-airline-ukraine-crash-jerome-sessini/#1

http://www.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=CMS3&VF=MAGO31_4&VBID=2K1HZOQ8FP3TIR&IID=2K1HRGBQZM17&PN=2

Und hier die Bilder im Magnum-Archiv :

http://www.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=SearchResult&VBID=2K1HZOQP938383&SMLS=1&RW=1874&RH=1021

Wer da von „einer Barbarei, die jede Grenze überschreitet“ und einem „totalen moralischen Bankrott“ spricht also quasi einen Superlativ der Verwerflichkeit bemüht, der begeht den Kardinalsfehler, daß er die Bilder gleichsam auf eine Stufe mit dem Abschuß des Passagierflugzeuges, um den es geht, stellt.

Wobei der Umstand, daß Time z.B. nicht alle Bilder veröffentlicht und auch Magnum bei der Auswahl auf der Website da eine Auswahl getroffen hat, es schwierig macht, Sessini auch wegen der nicht veröffentlichen Motive so an den Pranger zu stellen, besonders, wenn man dann auch Christoph Bangerts „War Porn“ anführt und da kein Problem sieht, mit dem Argument: „Bangert ist ein verdienter Fotograf, und gegen sein Buch lässt sich nichts sagen, weil es einen ganz anderen Kontext für solche Bilder schafft: Es mutet sie einem nicht unvorbereitet zu.“

Magnums Archiv (und wenn er „Suchbegriff sagt, kann es nur ums Archiv gehen) sieht Camenisch dagegen als einen Ort an dem Menschen diese Bilder „unvorbereitet zugemutet werden“: „Es brauchte gar keine Presse, um Sessinis Bilder zu veröffentlichen. Dafür hat Mag­num gleich selber gesorgt: Auf der Website der Agentur kann sie sich jeder ansehen, der will – in guter Auflösung, ohne Passwort, mit einem einfachen Suchbegriff. Das ist schon ein Teil des Skandals.“

„Dieser Fall handelt davon, mit welchen Mitteln sich ein Fotograf und eine Agentur ins Gespräch bringen wollen.“ ist ein Vorwurf, für den ich schon mehr als Belege/Argumente bräuchte, daß die Agentur drastische Bilder im Archiv hat.

„Die Gründer wollten einen ethisch hochwertigen, einen humanistischen Bildjournalismus. Davon scheint nichts mehr übrig geblieben zu sein. Hier geht es nur noch um fotografische Eitelkeit, visuelle Dezibelstärken, medialen Opportunismus.“

Das führt zu einer weiteren Frage die Fabian Mohr aufgeworfen hat: „Take a minute and watch a few iconic photographs that have been published in the 20th century. Ask yourself – would they (or similar subjects) appear on a 2014 newspaper front page, on a quality news website or on TV evening news?“

Ist dieses Bild ähnlich unmoralisch?:http://mediastore.magnumphotos.com/CoreXDoc/MAG/Media/TR2/4/5/6/9/PAR126778.jpg

Halten wir nicht viele dieser Bilder heute für humanistische Statements? Oder handelt es sich auch dabei um „fotografische Eitelkeit, visuelle Dezibelstärken, medialen Opportunismus“?

Wenn Camenisch auf den Einwand des Interviewers, Bangert habe gesagt, unmoralisch sei nicht das Zeigen sondern das Wegsehen, entgegnet: „Es ist überhaupt nicht unmoralisch, wenn sich jemand solche Anblicke nicht zumuten will.“ dann ist das ein gefährliches Argument, denn es postuliert, daß nur gezeigt werden darf, was jederman sich zumuten mag. Sollte das der Maßstab sein, an dem sich die Beantwortung der Frage, was man als Fotograf fotografieren und was ein Medium publizieren kann, orientieren sollte?

Redaktionsdurchsuchung wegen Bagatelldelikt eines Lesers

Es ist schlicht beunruhigend und besorgniserregend! Die Polizei hat wegen eines beleidigenden Leserkommentars (unter einem Artikel in Onlineangebot) die Räume des Damstädter Echos durchsucht (und ein Richter hat das angeordnet). Dazu ein Artikel des Frankfurter Anwalts Emanuel Schach, der ausdrücklich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit einer Redaktiosndurchsuchung bei einem Delikt, der würde der Normalbürger das verfolgt sehen wollen, wohl schlicht zur Einstellung des Verfahrens führen würde:

Wir reden also von einer Beleidigung, einer Straftat, bei der Staatsanwälte die Ermittlungen in aller Regel frühzeitig einstellen und die Anzeigenerstatter auf den sogenannten Privatklageweg verweisen. Oder, wie es das Oberlandesgericht Naumburg unlängst in anderem Zusammenhang ausdrückte: ein Bagatelldelikt.

Schon das bietet sicherlich hinreichend Anlass, das Vorgehen der Ermittler kritisch zu hinterfragen: Kann eine Redaktionsdurchsuchung bei solchen Bagatellsachen angemessen und damit zulässig sein?

Der ganze Text hier:

http://emanuelschach.wordpress.com/2014/07/13/die-unschuldsvermutung-uberwunden/

DJV-Rettungsknipser zwei Jahre danach

Sie Saat der unsäglichen Rettungsknisper-Kampagne und des Alleinvertretungsanspruches des DVJ ist aufgegangen und wirkt selbst nach zwei Jahren noch in Feuerwehr-Foren nach:

Feuerwehrmann A:

„Es schreien erst einmal einzelne. In diesem Fall ein freier Medienvertreter aus dem Hamburger Bereich. Weiß aber nicht, ob diese „Message“ auch von anderen des Berufsstandes vertreten wird.

Deswegen: Wir mögen es auch nicht, wenn eine Feuerwehr unseren Ruf schädigt. Genauso sollte man es in diesem Fall auch halten. Der Urheber des Pamphlets vertritt nicht die deutsche Presse. „

Die Antwort von Feuerwehrmann B:

„Erinnere dich…..
Hier im Forum……
Film der Pressevereinigungsdingens mit einem Feuerwehrs und Kamera…..
Die standen für alle freien Journalisten, also nix mit einzel aus Hamburg oder sonstwo……“

Danke nochmal!

 

Zur Erinnerung:

https://rheker.wordpress.com/2012/09/19/wie-der-djv-die-arbeitsbedingungen-verschlechtert/

https://rheker.wordpress.com/2012/09/21/der-djv-und-der-begriff-satire/

https://rheker.wordpress.com/2012/09/28/der-djv-rudert-volle-kraft-voraus-zuruck/