Verlorene Helden

Gänsehaut beim Lesen.

„Vor Opa Erwin, dem übellaunigen Kerl, hatten die Enkel fast ein bisschen Angst. Erst viele Jahre später wurde klar: Im Dritten Reich war er ein Held. Er sprach nur nie drüber.“

Wieviele solcher vermeintlich „dunkler Geheimnisse“ aus dem Dritten Reich, die eigentlich „weiße Heldengeschichten“ sind mögen verloren gegangen sein, weil es keine Dokumente gab, sondern das Wissen einfach starb.

Wieviele Kinder und Enkel mögen ihren Großeltern Unrecht getan haben, weil sie deren Schweigen nach dem ertragenen Unrecht nicht als Unfähigkeit darüber zu sprechen erkannt, sondern das schlicht missverstanden haben.

Wieviele Menschen mögen als vermeintliche Täter oder Mitläufer gestorben sein, ohne daß ein Nachfahre ihre tätowierte Häftlingsnummer gesehen hat?

Wieviel genauer könnte unser Geschichtsbild sein, wenn wir von alledem wüßten.

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/40669/1/1

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Das Video aus Paris

Es ist einfach, das Video, welches die Erschießung des Polizisten Ahmed Merabet zeigt zu verdammen und zu fordern, man dürfe das nicht zeigen. Gerne auch mit dem Argument, die Bild habe das getan. Und gerade las ich bei Facebook den Vorwurf, daß man versuche eine Rechtfertigung dafür, das Video zu zeigen, herbeizukritteln, indem man es durch Vergleiche mit Bildern/Filmen aus dem Vietnamkrieg zum historischen Dokument erklärt.

Vielleicht macht man es sich aber auch schlicht zu einfach, wenn man das Video (oder genauer gesagt einen sehr kurzen Teil davon) verdammt.

Einer der Denkanstöße, sich bei unserem heutigen Umgang mit Bilder von Gewalt und Grauen auch mal historisch nach hinten zu orientieren, ist sicher Fabian Mohrs Text aus dem letzten Jahr, der eben unter anderem die Frage aufwarf, ob viele der Bilder, die für uns heute Ikonen sind, heute überhaupt noch eine Chance hätten, gedruckt zu werden:

http://www.fabianmohr.de/2014/07/22/why-show-dead-people-in-the-news/

Es geht bei Hinweisen auf den Vietnamkrieg und z.B. Capas sterbenden Soldaten aus dem spanischen Bürgerkrieg nämlich weniger darum etwas herbeizukritteln, sondern um die Frage ob der aktuelle Umgang mit Bildern die schreckliche Ereignisse zeigen angemessen ist oder ob man den Menschen nur eine weichgespülte Version der Welt zeigen will, die sich zwischen den Anzeigen besser macht. Nicht zuletzt erfolgt der Hinweis auf historische Ikonen unseres kollektiven Gedächtnisses auch deshalb, weil in Diskussionen oft so getan wird, als habe man es heute mit einer Internet-bedingten Verrohung zu tun, was mit einem Blick auf den ungeschönten Bildjournalismus vergangener Zeiten durchaus bezweifelt werden darf.

Gerne wird dann argumentiert, daß z.B. ein Foto, das die Opfer oder Taten zeigt , „nichts zur Geschichte beiträgt“. So als wäre das klinisch reine Symbolbild oder gleich nur ein Piktogram in den meisten Fällen die journalistisch bessere Lösung.

Das ist dann in der Konsequenz entweder eine Art Bilderverbot eines von Textjournalisten beherrschten Journalismus, die Einschränkungen durch die ethische Verantwortung auf die Fotografen auslagern, denn im Text darf man alles schildern. Oder, es setzt auf der gefährlichen Argumentation auf, der Leser könne sich das vorstellen oder wüßte wie das war/ist. So als bräuchte, wer „Apocalypse Now“ und „Saving Private Ryan“ gesehen hat, Nick Uts Bilder vom Napalmangriff und Capas Bilder von der Landung in der Normandie nicht mehr, weil er das ja alles schon aus dem Hollywoodfilm kennt. Oder die Bilder vom Vietnamkrieg machen Bilder aktueller Ereignisse überflüssig.

Aber vielleicht geht es genau darum. daß jeder in seiner Komfortzone bleiben kann, sich Ereignisse auf der Basis seines bisherigen Erfahrungshorizonts, anhand der Schilderung im Text, so in der Fantasie ausmalen kann wie es für ihn erträglich ist. Gerne auch mit dem Wissen, daß Tom Hanks und die anderen nach der Landung in der Normandie „gefallenen“ karrieremäßig einen Schritt nach vorne gemacht haben und bald im nächsten Film mitgespielt haben. Aber Ahmed Merabet wird nie wieder in einem Film mitspielen, weil er auch in dem Video nicht mitspielt.

Da müssen wir uns als Journalisten durchaus mal Gedanken drüber machen statt mit der Moral als tapfer vorneweggetragenem Schild ein Zeigen des Videos verbieten zu wollen. Ganz besonders, wenn man das Video dann doch zeigt, im entscheidenden Moment aber ein Standbild mit Vignette macht und nur den Ton weiterlaufen läßt, wo man dann den Schuß hört.

Und es geht bei der Frage ja nicht nur um Ereignisse wie jetzt in Frankreich, sondern auch um den Umgang mit Ebola, Flüchtlingselend in den Lagern rund um Syrien, Hungersnöten etc. Wenn wir alles immer in der Komfortzone des Lesers lassen, dann dürfen wir ihm auch nicht böse sein, wenn er alle Flüchtlinge für Wirtschaftsflüchtlinge hält.

Wenn wir eine Welt zeigen in der nichts so dramatisch ist wie in einem Hollywoodfilm und das eben nicht daran liegt, daß Hollywood maßlos übertreibt, sondern daran, daß wir als Journalisten alles abmildern, indem z.B. nach dem Flugzeugabsturz in der Ukraine scheinbar nur Koffer und Teddybären vom Himmel gefallen sind, dann weiß ich nicht ob das richtig ist.

Wenn wir als Journalisten uns die Hände nicht schmutzig machen wollen, wenn wir alles für daneben halten und vermeiden wollen, was die BILD macht, dann haben wir unsere Rolle (und die der BILD) falsch verstanden.

Auch der Umstand, daß wir uns als Journalisten gegen Leute, die ohne zu überlegen oder über so etwas wie eine journalistische Ethik nachzudenken alles bei youtube etc. veröffentlichen, abgrenzen wollen kann nicht dazu führen, daß deren Handlungen zum Maßstab unseres Handelns werden, weil wir nicht so machen wollen um uns abzugrenzen.

Und auch Verweise auf den Pressekodex wirken scvhwierig, wenn man den Opfer- und Angehörigenschutz anführt, aber keinerlei Anstoß an minutiösen Schilderungen des Videos in Texten (die zum Teil sogar die angebliche Kommunikation zwischen ihm und dem Täter wiedergeben) der Nennung von Merabets Namen oder der Benutzung von Portraitbildern nimmt.

Und vor allem:

Das Video um das es hier geht ist an sich nicht anstößig, man kann darauf kaum mehr Details erkennen als man aus den allüberall gedruckten Textschilderungen schon weiß. Das zeigt keine grausamen Details, kein Blut. Es ist kein Splattervideo. Es zeigt nur sehr nüchtern: Die haben den schon verletzt am Boden liegenden Polizisten hingerichtet.

Man könnte sogar soweit gehen zu sagen: Das Video korrigiert die Vorstellung des Lesers, die er nach einer Textschilderung und mit seiner Kinoerfahrung haben mag, nach unten. Es ist ganz anders als das Töten im Actionfilm. Töten ist hier etwas beiläufiges. En passant wird ein Leben völlig sinnlos ausgehaucht.

Die „zensierte“ Version die man bei uns im Fernsehen gezeigt bekommt und wo man sich mit dem Standbild und dem Ton des Schußes selbst etwas ausmalen muß, kann man durchaus auch als eine Form der Dramatisierung sehen. Möglicherweise ist das sensationsheischender als das ungeschnittene Video.

Vielleicht macht das Video die kranke Kälte der Tat erst begreifbar, weil es eben der Vorstellung im Kopf widerspricht. Und dann würde es durchaus für den Leser etwas zur „Geschichte beitragen“, eben in dem es etwas von seiner Vorstellung wegnimmt und zeigt wie die Dinge wirklich sind.

Und, „zeigen wie die Dinge sind“ ist doch eigentlich die Aufgabe des Journalismus.

 

 

 

Ethik

Der schweizer Fotograf Reto Camenisch geißelt in einem Interview Bilder von Jérôme Sessini als „eine Barbarei, die jede Grenze überschreitet“:
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Ein-totaler-moralischer-Bankrott/story/11761719

Viele Kollegen geben Camenisch uneigeschränkt Recht.

Ich weiß es nicht. Ich habe aber das Gefühl, daß es sich Camenisch vielleicht etwas einfach macht.

Denn, das kann man auch anders sehen, und ich denke da zum Beispiel an Fabian Mohrs Text, der die Frage aufwirft, ob die Einstellung, daß man keine Leichen zeigen sollte, weil „das nichts zur Geschichte beiträgt“ richtig ist:

http://www.fabianmohr.de/2014/07/22/why-show-dead-people-in-the-news/

Da müssen wir uns dann schon fragen, ob es andersrum gedacht nicht etwas von der Geschichte wegnimmt, wenn man den Tod bei einem Ereignis wie dem Abschuß von MH 17 nur im Text (als Opferzahl?) schildert und es der Phantasie des Lesers überläßt sich da ein Bild zu machen? Ein Bild, das oft zur Verharmlosung neigt. Oder, wenn man mit Symbolen wie Bilder von Kinderspielzeug auf einen Acker arbeitet.

Was das auf Dauer bewirkt merkt man zum Beispiel am Umgang mit dem Tod aber vor allem mit Verletzten in unserer Gesellschaft und den Medien.

„Verletzung“ wird oft nur noch als „halb so schlimm“ gegenüber dem noch höher tabuisierten Tod begriffen und gerne aus der eigenen Erfahrung mit verstauchten Füßen und Schnittverletzungen bei der Küchenarbeit gedacht. Die Verletzten erscheinen oft als die „Glücklichen“, so als würden alle Wunden an Körpern und Seelen so schnell und vollständig heilen, wie die Öffentlichkeit das Ereignis vergißt.

Das macht z.B. die Bilder von Andrea Gjestvang zu Utøya so bedeutsam. Sie zeigen, daß Verletzung ein tieferer Einschnitt ins Leben ist, daß Heilung langsamer verläuft als der Leser, der nur einen Text hat das imaginiert, oder daß Heilung manchmal garnicht oder nicht vollständig erfolgt:

http://andreagjestvang.com/photography-2/one-day-in-history/

Sicher sind das auch Bilder, die viele Menschen „sich nicht zumuten“ wollen, wie Camenisch es formuliert.

Vielleicht sollte man erstmal die Bilder anschauen, um die es geht. Und ja, die sind hart. Aber das Ereignis, um das es da geht ist das eben auch.

Hier die veröffentlichten Bilder:

http://lightbox.time.com/2014/07/18/malaysia-airline-ukraine-crash-jerome-sessini/#1

http://www.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=CMS3&VF=MAGO31_4&VBID=2K1HZOQ8FP3TIR&IID=2K1HRGBQZM17&PN=2

Und hier die Bilder im Magnum-Archiv :

http://www.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=SearchResult&VBID=2K1HZOQP938383&SMLS=1&RW=1874&RH=1021

Wer da von „einer Barbarei, die jede Grenze überschreitet“ und einem „totalen moralischen Bankrott“ spricht also quasi einen Superlativ der Verwerflichkeit bemüht, der begeht den Kardinalsfehler, daß er die Bilder gleichsam auf eine Stufe mit dem Abschuß des Passagierflugzeuges, um den es geht, stellt.

Wobei der Umstand, daß Time z.B. nicht alle Bilder veröffentlicht und auch Magnum bei der Auswahl auf der Website da eine Auswahl getroffen hat, es schwierig macht, Sessini auch wegen der nicht veröffentlichen Motive so an den Pranger zu stellen, besonders, wenn man dann auch Christoph Bangerts „War Porn“ anführt und da kein Problem sieht, mit dem Argument: „Bangert ist ein verdienter Fotograf, und gegen sein Buch lässt sich nichts sagen, weil es einen ganz anderen Kontext für solche Bilder schafft: Es mutet sie einem nicht unvorbereitet zu.“

Magnums Archiv (und wenn er „Suchbegriff sagt, kann es nur ums Archiv gehen) sieht Camenisch dagegen als einen Ort an dem Menschen diese Bilder „unvorbereitet zugemutet werden“: „Es brauchte gar keine Presse, um Sessinis Bilder zu veröffentlichen. Dafür hat Mag­num gleich selber gesorgt: Auf der Website der Agentur kann sie sich jeder ansehen, der will – in guter Auflösung, ohne Passwort, mit einem einfachen Suchbegriff. Das ist schon ein Teil des Skandals.“

„Dieser Fall handelt davon, mit welchen Mitteln sich ein Fotograf und eine Agentur ins Gespräch bringen wollen.“ ist ein Vorwurf, für den ich schon mehr als Belege/Argumente bräuchte, daß die Agentur drastische Bilder im Archiv hat.

„Die Gründer wollten einen ethisch hochwertigen, einen humanistischen Bildjournalismus. Davon scheint nichts mehr übrig geblieben zu sein. Hier geht es nur noch um fotografische Eitelkeit, visuelle Dezibelstärken, medialen Opportunismus.“

Das führt zu einer weiteren Frage die Fabian Mohr aufgeworfen hat: „Take a minute and watch a few iconic photographs that have been published in the 20th century. Ask yourself – would they (or similar subjects) appear on a 2014 newspaper front page, on a quality news website or on TV evening news?“

Ist dieses Bild ähnlich unmoralisch?:http://mediastore.magnumphotos.com/CoreXDoc/MAG/Media/TR2/4/5/6/9/PAR126778.jpg

Halten wir nicht viele dieser Bilder heute für humanistische Statements? Oder handelt es sich auch dabei um „fotografische Eitelkeit, visuelle Dezibelstärken, medialen Opportunismus“?

Wenn Camenisch auf den Einwand des Interviewers, Bangert habe gesagt, unmoralisch sei nicht das Zeigen sondern das Wegsehen, entgegnet: „Es ist überhaupt nicht unmoralisch, wenn sich jemand solche Anblicke nicht zumuten will.“ dann ist das ein gefährliches Argument, denn es postuliert, daß nur gezeigt werden darf, was jederman sich zumuten mag. Sollte das der Maßstab sein, an dem sich die Beantwortung der Frage, was man als Fotograf fotografieren und was ein Medium publizieren kann, orientieren sollte?

Warum Fotografen „sowas“ fotografieren

Ein sehr schöner Artikel von Al Diaz, Fotograf beim Miami Herald, zur Frage, ob man Menschen in Notlagen fotografieren kann und sollte.

„My heart did not want to inflict more stress on this traumatized woman. I did not want her seeing me taking pictures, but I know that history demonstrates that compelling images can produce unforeseen and often beneficial results.

A still photograph can change the course of history, affect policy, raise awareness and cause leaders to act. And, in this case, maybe it can inspire others to become trained in CPR techniques — and to swiftly offer their assistance to those in dire need.

So, I grabbed my camera from my car and began recording what I saw. Little Sebastian de la Cruz stopped breathing for a second time, and his aunt Pamela Rauseo again performed CPR. I captured the Breath of Life in a still photograph.“

Der DJV, Ernst Jünger und Edathy

Die Zeitung „Die Harke“ hat zu Beginn der Edathy-Affäre ein Foto veröffentlicht, daß von einer Balustrade, durch ein Fenster, in Edathys Wohung fotografiert wurde. In (Foto-)Journalistenkreisen sorgt dieses Vorgehen für einge Kritik und Unverständnis, weil eine solche Veröffentlichung vielen Kollegen, sowohl wegen des Bildes ans sich, den Umständen der Aufnahme und nicht zuletzt auch wegen des Zeitpunktes der Veröffentlichung, als unethisch erscheint.

edathy

Der Deutsche Journalisten Verband (DJV) äußerte sich ebenfalls zu dieser Causa und kommt zu dem Ergebnis, daß alles ok ist, so wie es bei der Berichterstattung durch „Die Harke“ gelaufen ist. Wenn es sich nicht sogar um eine Sternstunde des Journalismus handelt. Alle die das kritisch sehen sind nur Theoretiker, die besser schweigen würden:

„Die Harke“, eine jener vielen deutschen Regionalzeitungen, in denen die vielen „namenslosen“ Redakteure und freien Mitarbeiter/innen jeden Tag versuchen, jenseits der Metropolen Themen zu finden und Hintergründe zu recherchieren, verdient in jedem Fall eher keine Belehrungen von Theoretikern, sondern Respekt für ordentliche Arbeit.

http://www.djv.de/startseite/info/beruf-betrieb/bildjournalisten/detail/article/foto-in-die-wohnung-hinein-persoenlichkeitsrechte.html

Zur Einschätzung des DJV zu kommen ist kein Kunststück, jedenfalls wenn man einfach den Aspekt, daß hier ein Journalist (und das schildert der betreffende Reporter der „Harke“ im – obendrein auch unter dem DJV-Artikel verknüpften NDR-TV-Interview ja selbst), ein Privatgrundstück betreten, sich da auf eine Balustrade vor dem Fenster begeben und durch das Fenster in Edathys Wohnung fotografiert hat, gänzlich ausklammert:

Doch darf auch in eine Wohnung hinein fotografiert werden? Grundsätzlich dürfen Häuser und Wohnungen nur aus Passantenperspektive vom öffentlichen Straßenland fotografiert werden. Das ist die so genannte Panoramafreiheit, geregelt in § 59 Urheberrechtsgesetz. Die Fotografie von Personen in einer Wohnung dagegen ist nach § 201a StGB strafrechtlich verboten.

Übrigens ist natürlich in § 201a StGB nicht das Fotografieren von Personen in einer Wohnung generell unter Strafe gestellt, das macht jeder Lokalreporter mit der Oma zu ihrem 90., ohne Ärger zu bekommen, unter Strafe steht das unbefugte Herstellen von Bildaufnahmen einer anderen Person, die sich in einer Wohnung oder einem gegen Einblick besonders geschützten Raum befindet, wenn dadurch deren höchstpersönlicher Lebensbereich verletzt wird.

Im konkreten Fall zeigt das Bild der Wohnung nicht den Bewohner, sondern (wohl) einen ermittelnden Beamten. Dieser wiederum ist nur von hinten zu sehen und nicht zu identifizieren. Eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten scheidet daher in seinem Fall aus.

Mal abgesehen von der Frage, ob die Panoramafreiheit wirklich das Hineinfotografieren in Fenster von öffentlichen Grund aus legalisiert, denn dem Namen „Panoramafreiheit“ nach erscheint das schon abwegig:

Ab mit der Kamera im Schlepptau in Nachbars Garten? Hoch auf den Balkon und schön mit Blitz die Inneneinrichtung geknipst?

Laut DJV-Kommentar scheinbar alles völlig legal, jedenfalls solange der Nachbar oder sonstwer nicht (oder nur von hinten) im Bild ist.

Es widerspricht dem gesunden Rechtsempfinden, daß das legal sein soll. Und ich würde wetten, wenn Morgen ein Reporter der „Harke“ beim Verfasser des DJV-Statements blitzend am Wohnzimmerfenster steht, wird sich der nicht dadurch beruhigen lassen, daß man ihm als Hausherren anbietet, er könne doch aus dem Raum gehen und wäre dann nicht mehr im Bild.

Und für alle deren gesundes Rechtsempfinden das tatsächlich ok finden sollte gibt es den §123 StGB – Hausfriedensbruch. Denn (der Name täuscht) der beginnt schon beim Eindringen „in das befriedete Besitztum“.

Wie um zu beweisen, daß die ganze Argumentation nur funktioniert, wenn man den Umstand, daß die Bilder von der Balustrade gemacht wurden ausklammert, und um das ganze vollends ad absurdum zu führen führt der Artikel dann aber auch noch aus:

Im Fall des Schlosses Sanssouci wiederum wurde die („gewerbliche“) Fotografie wiederum untersagt, weil die Bilder auf dem Grund und Boden der Schlösserstiftung angefertigt wurden. Also nicht wegen eines „echten“ Rechts am Bild der Sache.

Nunja, daß die Ballustrade als Teil eines Hauses auch kaum auf öffentlichem Grund liegen wird, ist selbsterklärend.

Im Falle von (ungenehmigten) Fotos von Häusern aus der Luft gibt es die Gerichtsentscheidung, dass das bei „gewöhnlichen“, architektur-/urheberrechtlich nicht besonderen Häusern zulässig sei, solange keine besonderen persönlichen Gegenstände zu sehen seien. Auch hier also: Sachen an sich, die Wohnung oder das Haus, haben „an sich“ noch keine Rechte. 

Da stellt sich dann die Frage, ob ein Bild durchs Fenster einer Wohnung unter Benennung des Bewohners und des Standorts, rechtlich tatsächlich besser gestellt sein sollte als ein Luftbild bei dem der Eigentümer/Bewohner eines Hauses durch „besondere persönliche Gegenstände“ identifizierbar würde.

Im konkreten Fall ist auf dem Wohnungsfoto auf den ersten Blick kein Gegenstand zu sehen, der nach persönlicher Lebenssituation aussieht.

Das ist als Argument so abseitig, daß es einen schüttelt, denn die ganze Wohnung ist Teil der persönlichen Lebenssituation. Hinzu kommt, daß man im Bild eben Männerakte an der Wand eines Menschen sieht, der gerade zum Beschuldigten in einem Verfahren wegen Kinderpornographie geworden ist.

Selbst der Umstand, daß die auf dem Foto zu sehenden Männer-Akte an Edathys Wand, bei einer Veröffentlichung im Rahmen der Kinderpornovorwürfe vorveruteilend im Sinne des Pressekodex (Ziffer 8) wirken könnte, kommt für den DJV nicht in Betracht, stattdessen versteigt man sich in der absurden Argumentation, man habe Edathy damit eher einen Dienst erwiesen, indem man das zeigt:

„Im konkreten Fall wiederum könnte die Veröffentlichung der Kunstwerke unter Umständen sogar eine andere Bedeutung erlangen, zeigen die Werke doch auch, dass der beschuldigte Politiker sich für Kunst zu interessieren scheint. Im aktuellen Fall argumentierte der Politiker zuletzt, er habe Abbildungen bestellt, die seiner Ansicht nach noch legal seien. Wo Kunst endet und Kriminalität beginnt, ist damit auch ein Thema des aktuellen Falls. Die Kunstwerke zeigen unzweifelhaft legale Kunst und könnten damit indirekt sogar zu Gunsten des Politikers sprechen, weil sie seinen Kunstsinn zeigen. In jedem Fall aber symbolisiert das Bild mit der Abbildung der Kunstwerke durchaus den Kern der Debatte. Insofern hat das Foto in der Tat sehr starken Symbolgehalt für den aktuellen Fall und schon fast ikonographischen Charakter. In jedem Fall sorgt die Bildveröffentlichung nicht notwendig für eine Vorverurteilung des Politikers, sondern könnte ganz im Gegenteil wirken und im Übrigen die öffentliche Debatte über das Thema beeinflussen.“

Also meint man beim DJV tatsächlich, daß es sich bei dem Material der Kategorie 2, das Edathy unstrittig bezogen hat, um Kunst handelt, die man mit den gezeichneten Männerakten an seiner Wohnungswand gleichsetzen kann? Kunst ist schlicht alles, was legal ist? Und wer „Kunstsinn“ hat, der bestellt sich Bilder und Filme mit nackten Kindern aus Kunstsinn und nicht aus anderen Motiven?

Und die Männerakte erklärt man sogar zum „Kern der Debatte“.  Der Kern des Falles Edathy ist aber, wenn man den dazugehörigen politischen Skandal mal ausklammert, die Frage ob er auch illegale Kinderpornographie besessen hat. Nur weil man auf dem Bild einen Penis erkennen kann, ist das nicht der Kern der Debatte.

Und wie, schnell als homoerotisch einzustufende, Männerakte in der Wohnung eines, soweit man weiß, alleinstehende Mannes, der Bilder und Filme kleiner nackter Jungs bestellt haben soll die „öffentliche Debatte über das Thema“ beeinflussen könnten, das mag ich mir garnicht vorstellen. Sicher wird die Beeinflussung nicht zum Vorteil des Beschuldigten ausgehen. Aber man setzt sogar noch einen drauf:

Wiederum für die Veröffentlichung der Aufnahmen der Kunstwerke könnte sprechen, dass im konkreten Fall im Raum stehen soll, dass die (Internet-)Bestellung ähnlicher Darstellungen in fotografischer Form den Kern der Beschuldigungen ausmachen soll.

Hier versteigt man sich also allen Ernstes zu der abstrusen Behauptung, der Leser könne anhand dieser Bilder Erkenntnisse über das Material, das Edathy bestellt hat gewinnen. So als wäre der Unterschied nur, daß das Eine gemalt und das Andere fotografiert sei. Das ist doppelt abseitig: Wurde schließlich bislang immer betont, daß bei Material der Kategorie 2 eben keine Geschlechtsteile gezeigt werden, was aber auf den Gemälden, die man im Foto sehen kann durchaus der Fall ist. Auf der anderen Seite sehen die nackten Männer auf den Gemälden nicht nach Kindern aus.

Und obendrein zimmert man sich eine zusätzliche Rechtfertigung für die Veröffentlichung des Bildes aus der Wohnung: Würde man das nicht zeigen, müßte man dem Leser Bilder der Kategorie 2 zeigen und da zeigt man lieber die Männerakte an der Wand:

Weil deren Veröffentlichung im Rahmen der Berichterstattung aber unter Umständen nicht legal oder zumindest nicht angebracht erscheint (auch wenn manche Medien diese oder ähnliche Fotos unter Pixelung veröffentlichen), könnte das Bild mit den durchaus symbolhaften Kunstwerken als „milderes Mittel“ gegenüber einer solchen Bildveröffentlichung einzustufen sein.

Über die sonderbaren argumentativen Rückgriffe auf Ernst Jünger und Edathys („bisher nur theoretischen“, aber das kann ja noch werden…) Hang zum Kannibalismus sollte man besser den Mantel des Schweigens ausbreiten:

Nehmen wir einmal – bisher natürlich nur rein theoretisch – an, der bekannte Politiker würde (in Wirklichkeit) des Kannibalismus beschuldigt. Hier wäre es sicherlich zulässig, Bilder in der Wohnung, die kannibalistische Szenen zeigen, (mit) zu veröffentlichen, auch wenn es lange noch nicht heißt, dass jemand, der Bilder mit Kannibalenszenen bei sich aufhängt, zwangsläufig zum Kannibalen wird. Ebenso wenig wie ein Bücherregal mit Werken von Ernst Jünger heißen muss, dass ein Terrorverdacht gegen einen Politiker damit erhärtet würde. Gleichwohl würde ein großes Bild von Ernst Jünger in der Wohnung eines terrorverdächtigen Politikers doch recht aussagekräftig wirken können.

Zum Glück entscheidet nicht der DJV, was pressrechtlich geht und was nicht, da gibt es immer noch den Presserat und die, nach Einschätzung des DJV, allerdings eher zu überraschenden, nicht mit dem DJV abgesprochenen, Fehleinschätzungen in diesen Dingen neigende Justiz.

Insgesamt erscheint die Veröffentlichung der Wohnungsfotos daher als (noch) vertretbar, auch wenn die deutsche Gerichtsbarkeit in solchen Fragen immer wieder für Überraschungen sorgen kann.

Der gebrochene Presseausweis

Seit Jahrzehnten geben Journalisten ihren Presseausweis Polizisten, damit die sich diesen Ausweis anschauen können. Man könnte sogar sagen, daß die Verbände die Ausweise vor allem zu diesem Zweck ausgeben. Man gibt ihn jemandem, der schaut ihn sich an und kann in der Folge den Inhaber als Journalisten identifizieren.

Wenn Journalisten sich auf körperliche Auseinandersetzungen einlassen und rummachen bis der Ausweis aus zwei Teilen besteht, um zu verhindern, daß ein Polizist ihren Presseausweis anfaßt, dann stimmt da was nicht.

Dass man als Journalist im sonderbaren Hamburger Gefahrengebiet aufgefordert wird seinen Presseausweis vorzuzeigen darf einen auch nicht überraschen. Weswegen das hier sonderbar auf mich wirkt:

http://hh-mittendrin.de/2014/01/stellungnahme-zum-vorfall-im-gefahrengebiet-st-pauli-am-6-januar-2014/
Ich verstehe nicht so recht, warum man solche Situationen als Journalist so eskalieren lassen muß? Und was hätte man denn zu befürchten oder zu verlieren, wenn der Polizist den Ausweis zur Prüfung in die Hand nimmt?

Wenn ein Polizist auf das dünne Brett käme einen Ausweis einzuziehen, hätte man vom Verband ruck -zuck einen neuen und der Innenminister/-senator am nächsten Tag jede Menge Ärger mit dem Eigentümer des Ausweises, denn das ist ja der ausstellende Verband. 

In dem Artikel wird dagegen eher der Eindruck erweckt: Wenn der Ausweis kaputt ist, dann ist vor allem der finanzielles Problem und der Sachschaden steht im Vordergrund und man müßte einen neuen „kaufen“, wenn da steht: „Wir werden dem Kollegen seien Ausweis auf Kosten der Redaktion ersetzen…“

Der Pressefreiheit ist damit nicht wirklich gedient! Denn man mag sich da kurz in der Rolle des unbeugsamen Pressefreiheitsverteidigers gefallen, aber nüchtern betrachtet schadet sowas schlicht langfristig den Arbeitsbedingungen aller Kollegen.