Wer wen wann warum erschießt

Im folgenden Text geht es nicht darum, wer im Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis Recht oder Unrecht hat. Es geht, von einem journalistischen Standpunkt aus, um die Frage, wie Medien in Deutschland über die Messerattacken und andere Anschläge auf Israelis berichten und ob diese Berichterstattung journalistischen Maßstäben genügt.

Wenn Palästinenser versuchen israelische Soldaten oder Zivilisten bei Anschlägen zu töten und das mißlingt, weil sie auf Gegenwehr treffen und dabei umkommen, dann kann, dann darf ein Pressebericht darüber nicht die vereinfachende Überschrift

Israelische Sicherheitskräfte erschießen vier Palästinenser 

http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-10/israel-palaestinensische-autonomiegebiete-messeangriffe

tragen! Jedenfalls nicht, wenn das Journalismus sein soll. Weil Journalismus dem Menschen Informationen nicht nur wahl-, zusammenhanglos oder gar aus dem Zusammenhang gerissen übermitteln soll, sondern diese auch einordnen oder eine Einordnung ermöglichen soll.

Problematisch ist auch die Unterzeile: Nach Messerattacken sind fünf Israelis verletzt und die Angreifer erschossen worden.

Denn die Israelis sind sicher durch und während der Messerattacke verletzt worden und haben sich nicht, nach einer für sie folgenlosen Messerattacke, beim Nasebohren den Finger verstaucht.

Der Satz „Nach Messerattacken sind fünf Israelis verletzt und die Angreifer erschossen worden.“ klingt, durch das „nach“ eher wie die Schilderung einer lynchmobartigen Hinrichtung und nicht nach einem Satz, der diesen Sachverhalt zusammenfaßt:

„Beim ersten der beiden Messerangriffe stach ein 16-jähriger Palästinenser auf zwei orthodoxe Juden ein, die zu Fuß von der Altstadt ins Zentrum von Jerusalem unterwegs waren. Polizisten hätten die blutenden Verwundeten gesehen und das Feuer auf den Angreifer eröffnet, als dieser auch auf sie zugelaufen sei, sagte Polizeisprecher Micky Rosenfeld. Der Jugendliche wurde dabei getötet, die beiden Israelis wurden mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.“

Denn wenn man gerade zwei Menschen niedergestochen hat und mit dem Messer auf Polizisten losgeht, die den Opfern zu Hilfe eilen, dann ist das nicht „nach“ der Messerattacke! Das ist die Messerattacke.

Und diese sonderbare Art, über mißlungene Attentate mit Stichwaffen auf Menschen in Israel zu berichten, ist kein Einzelfall. Die Formulierung mit dem „nach“ findet sich in vielen deutschen Medien.

Ein weiteres Beispiel für die journalistisch-handwerklich bedenkliche Berichterstattung findet sich hier:

Unter der Überschrift:

13-jährige Palästinenserin erschossen

berichtet t-online.de von einem „Gewaltexzess“ mit folgendem Hergang „Neuer Gewaltexzess in Israel: Nach einer versuchten Messerattacke hat ein Sicherheitsbeamter im Westjordanland eine 13-jährige Palästinenserin erschossen. „

Und wieder wurde angeblich „nach“ der Attacke jemand erschossen. Und weiter heißt es:

„Das Mädchen habe sich ersten Untersuchungen zufolge mit seiner Familie gestritten, bevor sie ihr Haus mit einem Messer bewaffnet verlassen habe, sagte eine Sprecherin der Polizei. Sie habe den Wachmann am Eingang zu einer Siedlung angegriffen.“

So als sei es das natürlichste von der Welt auf Wachmänner einzustechen, weil es zuhause Streit gab. Ganz im Gegenteil zu dem Umstand, auf Gegenwehr zu treffen, wenn man versucht einen bewaffneten Wachmann zu töten. Hier stellt sich dann nicht zuletzt die Frage, was sich der Leser unter einer „versuchten Messerattacke“ vorstellen soll. Denn weiter im Text heißt es, sie habe den Wachmann angegriffen und damit dürfte die Messerattacke das Stadium des Versuchs wohl verlassen haben.

Gerne werden solche Artikel übrigens auch mit einem makaberen „body count Punktestand Hintergrundfakten“-Absatz versehen, der suggeriert, daß die angegriffenen Israelis da nicht die wirklichen Opfer und die Palästinenser nicht die Täter sein können, weil wohl schlicht zu wenig Israelis sterben. Beispiel aus dem t-online.de Artikel:

„Schon seit vier Monaten gibt es im Westjordanland fast tägliche Angriffe. Palästinenser haben dabei 25 Israelis und einen US-Studenten getötet. In der gleichen Zeit wurden 147 Palästinenser erschossen. 102 von ihnen waren nach israelischen Angaben Angreifer, die übrigen kamen bei Zusammenstößen mit israelischen Soldaten um.“

Und zu guter Letzt: Die Formulierung „Vergebliche Versuche“ bei n-tv, ist in diesem Zusammenhang sowas von befremdlich, wenn es um einen Anschlag geht bei dem ein israelischer Soldat nicht getötet, sondern nur verletzt wurde. Von „vergeblichen Versuchen“ spricht man sonst eher bei gescheiterten Friedensgesprächen oder Rettungsaktionen…

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