T-online.de erklärt Weihnachten

Es gibt irgendeine Studie. Demnach befürworten 31 Prozent eine gesetzliche Regelung gegen frühzeitige Weihnachtsangebote. 59 Prozent sind gegen ein Verbot. Jetzt könnte die Schlagzeile lauten: Die meisten Deutschen können damit leben, daß man ihnen schon im August mit Marzipankartoffeln kommt.

Tut sie aber nicht:

Jeder Dritte will zu frühe Lebkuchen verbieten

oder gar wie bei t-online:

Jeder Dritte fordert Gesetz gegen vorzeitige Weihnachten

Man könnte meinen, 31% seien die Mehrheit und der Gesetzgeber müßte dringend handeln. Man könnte auch meinen, das wäre ein echtes Problem. Oder sogar, daß das christliche Weihnachtsfest beginnt, wenn der erste Zimstern-Beutel über dem Aldi aufgeht.

Das ganze offenbart ein sonderbares Verständnis von Demokratie im Allgemeinen und christlicher Religion in besonderen, in vielen Redaktionen.

Vielleicht könnte man auch gleich noch den Verkauf von Eier außerhalb der Osterzeit verbieten. Und wer am 15. Januar nicht alle Wiehnachtsplätzchen aufgegessen hat…

Der Fotograf als Pädokrimineller

Die Bundesregierung arbeitet daran den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Mißbrauch zu verbessern. Das ist generell durchaus löblich, denn es erscheint geradezu widersinnig, daß es einen Unterschied macht, ob ein Kind vom Klassenlehrer oder vom Mathelehrer mißbraucht wird. Zudem hätte die Bundesregierung eine EU-Richtlinie zu dem Thema schon im Dezember 2013 umsetzen müssen.

In der Folge der Edathy-Affäre versucht man aber nun Regelungen mit aufzunehmen, die völlig alltägliches Verhalten unter Strafe stellen würden und die normale Familienväter zu Straftätern machen würden. Das “unbefugte” Anfertigen von Bildern nackter Kinder soll nämlich unter Strafe gestellt werden. Weil es eben Menschen gibt, die sich an solchen Bildern erregen könnten.

Der Präsident des Deutschen Anwaltvereins spricht hier von einer “unverhältnismäßigen Vorverlagerung der Strafbarkeit“. Und der Mann hat schlicht recht. Hier versucht man Menschen zu Tätern zu machen, die mit dem eigentlichen Verbrechen Kindesmißbrauch soviel zu tun haben, wie der Arbeiter bei Porsche schuld am Autodiebstahl ist.

Mißbräuchliche Fotos von Kindern mit sexuellem Inhalt (der Begriff Kinderpornographie ist eine Verharmlosung, weil Pornographie nichts illegales ist und die Darsteller da Pornostars sind, mit denen man mißbrauchte Kinder kaum gleichsetzen kann), sind verboten. Das ist völlig unzweifelhaft richtig.

Das Problem ist nun aber, daß es Pädophile gibt, die schon Bilder nackter Kinder beim Plantschen im Pool, ohne jeden sexuellen Bezug oder explizite Posen, erregend finden. Ja, mancher Pädophile kann sich auch an Fotos aus der Kindermodenabteilung des Versandhauskatalogs oder dem Gruppenbild der Kommunionkinder in der Tageszeitung erregen. So gesehen ist es nur eine Frage der Zeit, bis man die jetzt angestrebte Regelung verschärfen müßte.

Und ja, auch ich finde die Vorstellung, daß jemand diese Bilder erregend findet widerlich.  Sehe aber auch, daß den Kindern aus dem Quelle-Katalog dabei aber kein Schaden entsteht, wenn irgendwer irgendwo das erregend findet. Ganz im Gegensatz zu Kindern, die zur Produktion von illegalem Material mißbraucht werden.

Wer das Urlaubsfoto eines Familienvaters oder ein anderes harmloses Kinderbild, wie einen Anne Geddes Bildband, über die Konstruktion “unbefugt” auf eine Stufe mit dem, was man landläufig Kinderpornographie nennt stellt, der verharmlost letzteres und der verharmlost das, was Kindern da bei der Produktion dieser Bilder an Mißbrauch zustößt.

Wenn man nun, wie die Bundesregierung meint, an der Stelle der völlig harmlosen Bilder nackter Kinder anzusetzen und man damit abertausende unschuldiger Eltern einer möglichen Strafbarkeit aussetzt, dann offenbart das zudem ein sonderbares Rechtsverständnis.

Im Grunde ist es nicht viel aufgeklärter als die Idee das Problem, daß sich Männer am Anblick von Frauen erregen und einige dieser Männer dann Frauen vergewaltigen, damit zu lösen, daß man Frauen zwingt eine Burka zu tragen und sie bei Zuwiderhandlungen bestraft.

Im Fall Edathy hatten die beteiligten Justizbehörden großes Glück, daß sich im Laufe des, wegen unstrittig legaler Bilder angestrengten Verfahrens, noch strafbares Material fand. Sonst hätte man das Leben eines Unschuldigen zerstört. Das Edathy auch unschuldig hätte sein können (verurteilt ist er ja bis heute nicht) kann man nicht einfach ausklammern. Und das muß man auch jetzt bedenken, wenn man versucht Menschen für eine unschuldige Handlung zu Pädophilen oder deren Zulieferern machen zu wollen.

Fotos vom Kindergeburtstag im Plantschbecken? Demnächst nurnoch, wenn der Einladung ein Model Release, das beide Elternteile zu unterschreiben haben der Einladung beiliegt. Nur, wer wird mit seinen Kindern noch zu einem Plantschbeckengeburtstag gehen, wenn der Papa des einladenden Kindes vorher ein Formular für Nacktfotos ausgefüllt haben will?

Niedergelassene Fotografen werden sich in Zukunft genau überlegen, ob sie noch ein nacktes Baby fotografieren, wenn nicht beide Eltern dabei sind und diese die Sorgerechte auch wirklich nachweisen können. Und kann eine Mutter die einer anderen werdenden Mutter einen Anne Geddes Bildband schenkt sicher sein, daß sie wirklich befugt ist diese Bilder weiterzugeben?

Und wer am Strand ein Bild seiner Kinder macht und das nackte Kind aus dem Nachbarstrandkorb läuft ins Bild, der hat den Tatbestand des neuen Paragraphen sogar schon erfüllt. Ja, jeder der in der Nähe nackter Kinder eine Kamera bei sich hat, macht sich verdächtig und erscheint in Zukunft als Pädophiler.

“Die Gedanken sind frei” singen heute meist nur noch Burschenschafter und Menschen, die damit eher als Provokation zum Ausdruck bringen wollen, daß sie eine Meinung vertreten die keine Meinung, sondern ein Verbrechen ist. Doch unsere Gesetze zielen aus gutem Grund darauf ab Taten zu bestrafen, weil Gedanken eben den anderen Menschen verborgen bleiben. Den Gedanken zu haben jemanden umbringen zu wollen ist keine Straftat, solange man nicht wenigstens ansetzt dies in die Tat umzusetzen oder man den Gedanken, indem man ihn z.B. ausspricht, in eine andere möglicherweise strafbare Tat umsetzt.

Ein Justizminister, der es nicht aushält, daß Menschen schlimme Dinge denken und der deswegen andere dafür bestrafen will, der ist dem Amt nicht gewachsen.

Was nun aber bei der geplanten Gesetzesänderung geschieht geht noch einen Schritt weiter. Man will eine Handlung eines Dritten zur Straftat erklären, weil das Ergebnis der Handlung bei manchen Menschen zu einem schmutzigen Gedanken im Kopf führen kann. Weil man niemanden dafür bestrafen kann, wenn ihn das Bild eines nackten Kindes erregt, will man diejenigen bestrafen die unfreiwillig die Projektionsfläche der Pädophilie des anderen liefern. Und die logische Fortsetzung wäre, wenn man Eltern die ihre Kinder irgendwo nackt rumlaufen lassen, wo ein Pädophiler sie sehen könnte gleich ebenfalls mit Strafe bedroht.

Das klingt wie etwas, das sich Kafka und Orwell zusammen ausgedacht haben. Denn nochmal: da sollen Leute bestraft werden, denen jegliches pädophile völlig fern liegt, die nichtmal einen Gedanken daran verschwenden.

Denn der Gesetzesentwurf spricht ja nur von der unbefugten Verbreitung und Herstellung solcher Bilder. Das heißt der Vater dem das fremde Kind am Strand ins Bild gerät hat ein Problem. Das Ehepaar, das Nacktbilder seiner eigenen Kinder anfertigt oder der Dienstleister der das mit Modelrelease macht und diese im legalen Teil des Bildmarktes für Pädophile vermarktet hat kein Problem, solange die Bilder nicht über die Posen etc. ein Problem sind. Denn Bilder mit der Einwilligung der Erziehungsberechtigten dürften erstmal als befugt gelten.

Gibt dagegen die geschiedene Mutter eines Kindes das Bild einer Platschbeckengeburtstagsparty an die Oma weiter, stellt sich schon wieder die Frage, ob sie auch zur Weitergabe “befugt” war. Ist ein fremdes Kind mit auf dem Bild wird es heikel, ist das eigene von der Scheidung betroffene Kind mit auf dem Bild, stellt sich die Frage ob die Mutter ohne den ebenfalls sorgeberechtigten Vater zur Weitergabe befugt war.

Man schafft also ein rechtliches Minenfeld für völlig harmloses Verhalten ganz normaler Eltern, Großeltern etc. und ein neues Feld für Kriegshandlungen beim Ende von Ehen, Freundschaften etc.

Und über die Frage, ob eine solche Regelung nicht zu einem derart prüden und tabuisierten Umgang mit kindlicher Nacktheit führen kann, daß in einem solchen Klima sexueller Mißbrauch viel eher unter einem Mantel des Schweigens und des Tabus gedeihen kann als in einer offenen Gesellschaft, sollte man auch mal nachdenken. Genau wie über die Frage ob man die Ressourcen, die dieser Wahnsinn binden wird nicht besser in den Kampf gegen Kindesmißbrauch investiert hätte.

P.S.: Übrigens enthält das geplante Gesetz wohl auch weiterhin einen Teil zum Thema Bilder, “die geeignet sind, dem Ansehen einer Person erheblich zu schaden” enthält, was dann im Fotojournalismus und an anderer Stelle zu einem echten Gummiparapgraphen werden könnte, mit dem man einen Ansatz hat in einer Unmenge von Fällen Fotografen anzugehen, wenn einem irgendwas mißfällt.

Bilder eines Politikers beim Sex mit Kinderprostituierten, bei der Übergabe eine Gedköfferchens mit Schwarzgeld, beim Pinkeln gegen einen Weltausstellungspavillon etc. wären nämlich auch Bilder “die geeignet sind, dem Ansehen dieser Person erheblich zu schaden”.