Krieg der falschen Bilder

propaganda

Dieses Bild geistert derzeit durch Netz. Es soll die Tötung eines Palästinensers durch einen israelischen Soldaten zeigen. Das der Mann da erschossen wird Palästinenser ist stimmt. Das war es dann aber auch schon. Das AK-47 in der Hand des “israelischen Soldaten” ist ein erster Hinweis, daß da was nicht stimmt. Also zur Sicherheit nochmal ab damit in die Google-Bildersuche (Das können auch Leute die sich für “erwacht” halten und “Medien kritisch sehen”).

Hups!? Das angeblich aktuelle Bild, ist aus dem Jahr 2006 und hat schon 2007 beim World Press Photo gewonnen? Zeitreise?

Und wer dem Link zur Süddeutschen folgt, kann lesen, daß das Bild tatsächlich die Erschießung, ja sogar Hinrichtung, eines Palästinensers zeigt.

Palestinian gunmen, who identified themselves as members of the Islamic Jihad group, shoot a man in a public square in the West Bank town of Jenin in this Aug. 13, 2006. The man, who was executed in front of hundreds of people, was accused by the gunmen of giving information to Israeli authorities, helping them to kill two militants in a targeted attack, said witnesses and Islamic Jihad members. The victim was identified as Bassem Malah, 22, who worked in the Israeli Arab town of Umm al Fahm. (AP Photo/Mohammed Ballas)

Bildschirmfoto 2014-07-31 um 21.43.50

 

Und unter diesem Link findet sich dann noch eine Bildstrecke, die zeigt, wie die Umstehenden die Leiche schänden.

Weitere aktuelle Beispiele, wie ein Bild das beweisen soll, daß Israel Menschen als scheinbare Opfer der Raktenangriffe schminken läßt, wo sich die Bilder dann auf den Blog eines jungen Schotten, der im Jahr 2010 einen Workshop für Spezialeffekte in Filmen besuchte zurückführen lassen, finden sich in diesem SZ-Artikel.

“Mit den gefälschten Schmink-Bildern erreicht der Propagandakrieg jetzt einen neuen Höhepunkt: Bislang stellten die PR-Abteilungen der Hamas angebliche Wunden der eigenen Bevölkerung zur Schau, jetzt zeigen sie das angebliche Bilderfälschen des Gegners, es handelt sich also um eine Fälschung von Fälschungen. Israel wird so exakt jener Methode beschuldigt, deren man sich selber bedient.”

Bildschirmfoto 2014-07-31 um 22.04.23

 

Besonders wenn Bilder aus Syrien als Bilder aus Gaza ausgegeben werden, wird es krank und man muß die Frage stellen, warum eigentlich niemand der Demonstranten, die jetzt für “Frieden” demonstrieren sich bemüßigt sehen Syrien zu erwähnen oder schon vor einem Jahr gegen den Krieg in Syrien auf die Straße gegangen sind?

 

Ethik

Der schweizer Fotograf Reto Camenisch geißelt in einem Interview Bilder von Jérôme SJerome Sessini als “eine Barbarei, die jede Grenze überschreitet”:
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Ein-totaler-moralischer-Bankrott/story/11761719

Viele Kollegen geben Camenisch uneigeschränkt Recht.

Ich weiß es nicht. Ich habe aber das Gefühl, daß es sich Camenisch vielleicht etwas einfach macht.

Denn, das kann man auch anders sehen, und ich denke da zum Beispiel an Fabian Mohrs Text, der die Frage aufwirft, ob die Einstellung, daß man keine Leichen zeigen sollte, weil “das nichts zur Geschichte beiträgt” richtig ist:

http://www.fabianmohr.de/2014/07/22/why-show-dead-people-in-the-news/

Da müssen wir uns dann schon fragen, ob es andersrum gedacht nicht etwas von der Geschichte wegnimmt, wenn man den Tod bei einem Ereignis wie dem Abschuß von MH 17 nur im Text (als Opferzahl?) schildert und es der Phantasie des Lesers überläßt sich da ein Bild zu machen? Ein Bild, das oft zur Verharmlosung neigt. Oder, wenn man mit Symbolen wie Bilder von Kinderspielzeug auf einen Acker arbeitet.

Was das auf Dauer bewirkt merkt man zum Beispiel am Umgang mit dem Tod aber vor allem mit Verletzten in unserer Gesellschaft und den Medien.

“Verletzung” wird oft nur noch als “halb so schlimm” gegenüber dem noch höher tabuisierten Tod begriffen und gerne aus der eigenen Erfahrung mit verstauchten Füßen und Schnittverletzungen bei der Küchenarbeit gedacht. Die Verletzten erscheinen oft als die “Glücklichen”, so als würden alle Wunden an Körpern und Seelen so schnell und vollständig heilen, wie die Öffentlichkeit das Ereignis vergißt.

Das macht z.B. die Bilder von Andrea Gjestvang zu Utøya so bedeutsam. Sie zeigen, daß Verletzung ein tieferer Einschnitt ins Leben ist, daß Heilung langsamer verläuft als der Leser, der nur einen Text hat das imaginiert, oder daß Heilung manchmal garnicht oder nicht vollständig erfolgt:

http://andreagjestvang.com/photograp…ay-in-history/

Sicher sind das auch Bilder, die viele Menschen “sich nicht zumuten” wollen, wie Camenisch es formuliert.

Vielleicht sollte man erstmal die Bilder anschauen, um die es geht. Und ja, die sind hart. Aber das Ereignis, um das es da geht ist das eben auch.

Hier die veröffentlichten Bilder:

http://lightbox.time.com/2014/07/18/malaysia-airline-ukraine-crash-jerome-sessini/#1

http://www.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=CMS3&VF=MAGO31_4&VBID=2K1HZOQ8FP3TIR&IID=2K1HRGBQZM17&PN=2

Und hier die Bilder im Magnum-Archiv :

http://www.magnumphotos.com/C.aspx?VP3=SearchResult&VBID=2K1HZOQP938383&SMLS=1&RW=1874&RH=1021

Wer da von “einer Barbarei, die jede Grenze überschreitet” und einem “totalen moralischen Bankrott” spricht also quasi einen Superlativ der Verwerflichkeit bemüht, der begeht den Kardinalsfehler, daß er die Bilder gleichsam auf eine Stufe mit dem Abschuß des Passagierflugzeuges, um den es geht, stellt.

Wobei der Umstand, daß Time z.B. nicht alle Bilder veröffentlicht und auch Magnum bei der Auswahl auf der Website da eine Auswahl getroffen hat, es schwierig macht, Sessini auch wegen der nicht veröffentlichen Motive so an den Pranger zu stellen, besonders, wenn man dann auch Christoph Bangerts “War Porn” anführt und da kein Problem sieht, mit dem Argument: “Bangert ist ein verdienter Fotograf, und gegen sein Buch lässt sich nichts sagen, weil es einen ganz anderen Kontext für solche Bilder schafft: Es mutet sie einem nicht unvorbereitet zu.”

Magnums Archiv (und wenn er “Suchbegriff sagt, kann es nur ums Archiv gehen) sieht Camenisch dagegen als einen Ort an dem Menschen diese Bilder “unvorbereitet zugemutet werden”: “Es brauchte gar keine Presse, um Sessinis Bilder zu veröffentlichen. Dafür hat Mag­num gleich selber gesorgt: Auf der Website der Agentur kann sie sich jeder ansehen, der will – in guter Auflösung, ohne Passwort, mit einem einfachen Suchbegriff. Das ist schon ein Teil des Skandals.”

“Dieser Fall handelt davon, mit welchen Mitteln sich ein Fotograf und eine Agentur ins Gespräch bringen wollen.” ist ein Vorwurf, für den ich schon mehr als Belege/Argumente bräuchte, daß die Agentur drastische Bilder im Archiv hat.

“Die Gründer wollten einen ethisch hochwertigen, einen humanistischen Bildjournalismus. Davon scheint nichts mehr übrig geblieben zu sein. Hier geht es nur noch um fotografische Eitelkeit, visuelle Dezibelstärken, medialen Opportunismus.”

Das führt zu einer weiteren Frage die Fabian Mohr aufgeworfen hat: “Take a minute and watch a few iconic photographs that have been published in the 20th century. Ask yourself – would they (or similar subjects) appear on a 2014 newspaper front page, on a quality news website or on TV evening news?”

Ist dieses Bild ähnlich unmoralisch?:http://mediastore.magnumphotos.com/CoreXDoc/MAG/Media/TR2/4/5/6/9/PAR126778.jpg

Halten wir nicht viele dieser Bilder heute für humanistische Statements? Oder handelt es sich auch dabei um “fotografische Eitelkeit, visuelle Dezibelstärken, medialen Opportunismus”?

Wenn Camenisch auf den Einwand des Interviewers, Bangert habe gesagt, unmoralisch sei nicht das Zeigen sondern das Wegsehen, entgegnet: “Es ist überhaupt nicht unmoralisch, wenn sich jemand solche Anblicke nicht zumuten will.” dann ist das ein gefährliches Argument, denn es postuliert, daß nur gezeigt werden darf, was jederman sich zumuten mag. Sollte das der Maßstab sein, an dem sich die Beantwortung der Frage, was man als Fotograf fotografieren und was ein Medium publizieren kann, orientieren sollte?

Die Komfortzonenbildzensur der Medien

Fabian Mohr hat einen spannenden Text über Bilder geschrieben, die wichtige Bilder in unserem Foto-Gedächtnis sind und die heute vielleicht nicht mehr gedruckt werden würden.

Heute ist en vogue Medien allerlei Manipulationen vorzuwerfen, die völlig abstrus sind. Was man Medien heute wirklich vorwerfen kann, ist nur eine weichgespülte Version des Schreckens zu zeigen. Noch dazu in einer Zeit in der das Kino und das Fernsehen umso detailierter solche Dinge zeigen. Ergo ist das wirklichen Leben dann immer viel weniger schlimm als der neue Film mit….

“Don’t show photographs of dead or injured/traumatized people in the news. Why? Because “showing this doesn’t add anything to the story”, because “showing the dead takes their dignity”, because “children shouldn’t see this.””

http://www.fabianmohr.de/2014/07/22/why-show-dead-people-in-the-news/

“I link to these pictures because I think they demonstrate how hasty and misguided a notion like “photographs of dead or injured/traumatized people are not adding to the story” is. As a matter of fact not much adds more to a story than pictures capturing reality. From a journalistic perspective their impact can’t be overestimated. It is the photographs people remember after decades. I’m worried about a tendency to skip those uncomfortable pics.”

Ein weiterer Denkanstoß zu dem Thema ist “War Porn” ein Bildband in dem Christoph Bangert all jene Kriegsfotografien zusammengetragen hat, die er zwar gemacht hat, die aber niemand gedruckt hätte.

Und wir reden hier nicht nur von Kriegsfotografie, das geht schon im Lokalen los, wo man statt einem Bild des Autowracks lieber das Symbolbild vom Blaulicht druckt, damit der Leser bloß keine Angst vor den Konsequenzen einer Trunkenheitsfahrt mit 180 km/h entwickelt und man sich selbst fernab des vermeintlichen “Blut & Spermajournalismus” des Boulevards fühlen kann.

Und das ist auch der “Service- und Wohlfühljournalismus” der keine Bilder von kotzenden Jugendlichen auf dem Volksfest oder der Festzeltschlägerei zeigt, sondern lieber ein schönes Bild der Welt zeichnen will, weil sie die Magazine Landleben, Landlust und Co. ja auch so super verkaufen.

Mach es wie die Sonnenuhr, zähl’ die schönen Stunden nur?

Die Frage die sich alle Journalisten, aber vor allem jene, die die Macht haben, zu entscheiden, was der Leser zu sehen bekommt, stellen müssen ist, die die Christoph Bangert vor der Veröffentlichung auf Postkarten an Freund, Bekannte etc. geschickt hat: “Why do YOU self-censor?”